Staatssicherheitsminister Erich Mielke hatte sich alles so schön vorgestellt: Auf dem Weg zum 60. Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution im Herbst 1977 sollte das "Fest des Roten Oktober" in Berlin ein besonderer Höhepunkt werden. "Auf diesem Fest wird die junge Generation der DDR in vielfältiger Weise ihre Verbundenheit mit unserem Arbeiter-und-Bauern-Staat zum Ausdruck bringen", sagte Mielke in einem Befehl vom September 1977 voraus.Doch die Generalprobe des für Mitte Oktober geplanten Verbundenheits-Festes ging gründlich daneben. Am 7. Oktober 1977, dem 28. Jahrestag der DDR-Gründung, kam es in der Ostberliner Innenstadt zu den bis dahin größten Jugendkrawallen in der Geschichte des SED-Staates. Aus einem Rockkonzert am Fuße des Fernsehturms heraus entwickelte sich eine mehrstündige Straßenschlacht zwischen Tausenden von Jugendlichen und der DDR-Volkspolizei. Die Bilanz: 83 Verletzte und 468 Festnahmen.Noch härter als der plötzliche Gewaltausbruch der Jugendlichen traf SED und Stasi aber das Untersuchungsergebnis der MfS-Hauptabteilung IX. Zwar wiesen die Stasi-Ermittler darin pflichtschuldig die "aufgebauschten Berichte in den BRD-Medien" zurück, die von einem "politischen Protest der DDR-Jugend" sprachen. Zwischen den Zeilen aber machten sie unmissverständlich deutlich, dass die Zusammenstöße nicht wie sonst üblich als "Zusammenrottung" oder "Rowdytum" von "negativ-feindlichen Elementen" abgetan werden konnten. Vielmehr hatte sich an diesem Oktoberabend eine lang aufgestaute Wut der Jugendlichen entladen - über Gängelung und Unfreiheit, über politische Repression nach der Biermann-Ausbürgerung 1976 und über die Allmacht der Sicherheitskräfte.Die jetzt in der Gauck-Behörde aufgetauchten Untersuchungsakten "zur Aufklärung der Vorkommnisse während des Volksfestes am 7. 10. 1977 in der Hauptstadt der DDR" zeichnen den bislang weitgehend unbekannten Ablauf der Ereignisse nach. Demnach waren an diesem Tag gegen 19 Uhr, während eines Konzerts der Rockgruppe "Express", neun Jugendliche in einen mehrere Meter tiefen Lüftungsschacht am Fernsehturm gestürzt. Weil die Krankenwagen wegen der Menschenmassen nicht zu der Unglücksstelle vordringen konnten, versuchten Polizeieinheiten, einen Weg durch die Menge zu bahnen. Plötzlich kamen Sprechchöre auf: "Nieder mit dem Bullenpack". Als die Polizisten gegen die Rufer vorgehen wollten, eskalierte die Situation. Gehwegplatten und Papierkorbeinsätze aus Plastik wurden gegen die Polizisten geschleudert. Die Polizei ging mit Gummiknüppeln vor und schlug auch auf Unbeteiligte ein. Die Sprechchöre der Jugendlichen aber wurden immer schärfer: "Nieder mit der DDR", "Mauer weg", "Honecker raus - Biermann rein", "Was ist Deutschlands größte Schande - die Honecker-Bande", protokollierten die Stasi-Ermittler. Gegen 23.30 Uhr hatte die Polizei die Lage unter Kontrolle. 313 Jugendliche waren bis dahin festgenommen worden. An den folgenden Tagen durchkämmte die Stasi Krankenhäuser, um an die Personalien von jungen Leuten zu kommen, die sich am Abend des 7. Oktobers oder am Tag darauf wegen Platzwunden oder Prellungen hatten behandeln lassen. An den folgenden Tagen meldeten sich zudem Jugendliche bei Stasi und Polizei, die Zeugen der Zusammenstöße waren und Beteiligte an Hand von Fotografien identifizieren wollten. Insgesamt wurden "im Zuge nachfolgender Ermittlungen" bis Anfang November weitere 155 Personen festgenommen, meldete die Stasi.Kultfilm aus den USAFast alle der Festgenommenen gehörten der Jugendorganisation FDJ an. Die Hälfte von ihnen waren Lehrlinge und Facharbeiter, von denen bislang kaum einer "negativ-dekadent" aufgefallen war. Das einzige Stasi-Klischee, das ein Drittel der Festgenommenen erfüllte, war die Zugehörigkeit zum Anhang des bei der SED-Führung unbeliebten Fußballclubs Union Berlin. Dafür fanden sich unter den Eltern der Jugendlichen, die sich an den "staatsfeindlichen" Sprechchören beteiligt hatten, Mitarbeiter des Zentralkomitees, Angestellte in SED-Kreisleitungen und DDR-Ministerien, hochrangige Offiziere, DDR-Botschafter, Journalisten und Parteisekretäre. Die Motivation vieler Jugendlicher, sich an dem spontanen Protest zu beteiligen, umschrieb die Stasi mit der ihr eigenen Formulierungskunst: "gestörte Beziehungen in den Elternhäusern, erheblicher Einfluss der politisch-ideologischen Diversion des Gegners, unkontrollierte Freizeitgestaltung und Anschluss an negativ-dekadente jugendliche Gruppierungen in den Wohngebieten". Für erwähnenswert hielten die Ermittler zudem, dass einige Jugendliche angaben, sie hätten sich das im amerikanischen Spielfilm "Blutige Erdbeeren" dargestellte Verhalten zum Vorbild genommen.Der Film war Mitte der 70er-Jahre ein Kultfilm der DDR-Jugend. Er erzählt die Geschichte der amerikanischen Studentenproteste gegen den Vietnamkrieg und ihre Niederschlagung durch Polizei und Nationalgarde. Der Streifen war nicht zuletzt wegen der Filmmusik von Bands wie Crosby, Stills, Nash & Young, seinerzeit im Osten kaum gespielt, ein Dauerbrenner. In den Wochen nach der verkorksten DDR-Geburtstagsfeier wurden 64 Jugendliche wegen Tätlichkeiten, negativer Äußerungen oder Diskriminierung zu Haftstrafen zwischen vier Monaten und drei Jahren verurteilt. Weitere 23 mussten für sechs Wochen in Haft, 16 erhielten Bewährungsstrafen. Stasi-Minister Mielke wies seine Leute an, stärker als bisher die DDR-Jugend unter Kontrolle zu nehmen. Dazu sollte die IM-Basis unter den Heranwachsenden erheblich ausgebaut werden; "negativ-dekadente jugendliche Gruppierungen" sollten "zersetzt", die Anreise verdächtiger Personen zu Großveranstaltungen künftig verhindert werden. Und der Film "Blutige Erdbeeren" wurde kurz nach den Unruhen am Fernsehturm aus den Kinos genommen. Die offizielle Begründung lautete, die Aufführungslizenz für den Film sei abgelaufen."Was ist Deutschlands größte Schande - die Honecker-Bande. " Sprechchor auf dem Alex am 7. 10. 1977 BERLINER ZEITUNG/REPRO (3) Fotografien aus den Stasi-Akten: Neun Jugendliche waren am 7. Oktober 1977 in diesen mehrere Meter tiefen Lüftungsschacht am Fernsehturm gestürzt.Ein Polizist stützt seinen verletzten Kollegen. Nach dem Konzert kam es auf dem Alex zu mehrstündigen Krawallen. Jugendliche schleuderten Gehwegplatten gegen Polizisten, Polizisten schlugen mit Gummiknüppeln zurück.Ein Bild der Verwüstung: Gegen Mitternacht hatte die Polizei die Lage unter Kontrolle. 313 Jugendliche waren bis dahin festgenommen worden.