Er hat dieses Geräusch so viele Male gehört. Das Rumpeln, das dabei entsteht, wenn Stahl auf Stahl heranrollt. Das erst fast unmerklich, dann immer kraftvoller die unterirdische Betonröhre füllt. Und wie oft er schon den Windhauch gespürt hat, der den U-Bahnen vorauseilt! Für einen Stellwerksmechaniker der Ost-Berliner Verkehrsbetriebe BVB ist das normal. Trotzdem ist diesmal alles anders. Denn an diesem Sonnabend vor mehr als 24 Jahren steht Dieter Wendt nicht allein hier unten, zehn Meter unter der Brückenstraße im Stadtbezirk Mitte. Mit ihm hören sein Cousin, dessen Ehefrau und deren zweijähriger Sohn wortlos, wie der nächste Zug der West-Berliner BVG die Stille im Transittunnel zu tilgen beginnt. Das Signal 655 über ihnen leuchtet grün. Die Fahrer auf der Linie U 8 sind angewiesen, die Hauptstadt der DDR ohne Halt zu durchqueren. Doch der nächste Zug würde zumindest kurz stoppen müssen, weil Wendt eine Fahrsperre auf Halt gelegt hatte. Aber werden sie auch einsteigen dürfen? Was ist, wenn der Fahrer der Sozialistischen Einheitspartei Westberlins angehört und sie stehen lässt? Das Rumpeln und der Wind werden mächtiger. Nun ist der Zug zu sehen. Mit seiner roten Lampe macht der 28-jährige BVB-Mann eine Kreisbewegung, Signal für Gefahr. Der Zug ist ganz nah, ganz laut. Das Ziel ist deutlich zu lesen: "Leinestraße", Neukölln. Gleich wird es sich zeigen, ob es gelingt: mit der U-Bahn aus dem Osten in den Westen zu fliehen. Es ist der 8. März 1980, wenige Minuten nach 21.30 Uhr.-----"Man bekommt einen Tritt vors Schienbein und muss sagen: Es tut nicht weh. Man steht im Regen und muss sagen: Die Sonne scheint", Das hatte Dieter Wendt am meisten an der DDR gestört: wie die Sicht auf die Fakten von oben verordnet wurde, je nach ideologischen Erfordernissen. Doch der Mann, der für die BVB Signale reparierte, war vorsichtig. Er ließ sich seine Skepsis nicht anmerken. Keiner wusste, was in ihm vorging. So erhielt er ungefragt die Erlaubnis, die Ost-Berliner Transittunnel der West-Berliner U-Bahn-Linien 6 und 8 zu betreten. Später wird das Ministerium für Staatssicherheit vermerken: "Es gab keine Anhaltspunkte, die auf eine politisch-negative Grundhaltung hindeuteten." Auch die Familie von Cousin Thomas, einem Facharbeiter, hatte einen "positiven Leumund", so Hauptmann Poppe. Sabine Wendt war als Russisch- und Englisch-Lehrerin "an einer klassenmäßigen Erziehung der Schüler interessiert". Die Formulierungen lassen ahnen, wie überrascht die Stasi war. Die Wendts waren unauffällige DDR-Bürger. Bis zur Flucht.Im September 1979 konnte sich Dieter Wendt endlich offenbaren. Von seinem Cousin erfuhr er, dass die Familie einen Ausreiseantrag stellen möchte. Wendt erzählte von seinem Fluchtplan. "Ich sagte ihnen: Ihr könnt doch mitkommen." Der Fluchtweg stand längst fest: der Tunnel, der von der West-Berliner U 8 im Transit befahren wurde. Er konnte an einer Stelle unkontrolliert betreten werden, während die Transitstrecken der U 6 und der Nordsüd-S-Bahn hermetisch abgesichert waren. Wo das Märkische Ufer auf die Brückenstraße trifft, mündet der Waisentunnel ein - benannt nach der parallel verlaufenden Waisenstraße. "Ich wusste: Dieser Tunnel war die einzige Möglichkeit, in den Westen Berlins zu kommen." Als der Waisentunnel 1917 größtenteils im Rohbau fertig war, sollte er Teil einer Nordsüd-Verbindung werden. Stattdessen entstand die heutige U 8. So dient der Waisentunnel nur betriebsinternen Fahrten. Der entscheidende Vorteil der stillen Röhre: Sie ist mit dem Ost-Berliner U-Bahn-Netz verbunden. Unter der Rathausstraße mündet sie in die Abstellanlage für die heutige U 5. Unter der Grunerstraße gibt es eine Abzweigung zum Bahnhof Klosterstraße - der 200 Meter lange, 1952 eröffnete Klostertunnel. Es wurde eine lange Abschiedsfeier. Nur hatte Wendt niemandem gesagt, dass es eine Abschiedsfeier war. Zuerst aßen sie im "Budapest" an der Karl-Marx-Allee, dann tranken sie im "Tokaierkeller". In der Nachtbar fragten die BVB-Kollegen verwundert: "Was ist los?" Wendt sagte: "Ihr werdet es bald erfahren." -----Kurz darauf ist der Tag da. Der 8. März 1980. Draußen ist es kalt, als die Vier gegen 18 Uhr auf dem U-Bahnhof Klosterstraße aussteigen. Nachdem sich der Zugabfertiger in sein Häuschen zurückgezogen hat, ist es menschenleer. Und still. Niemand sieht, wie die Gruppe von der Bahnsteigkante springt und danach im Klostertunnel verschwindet. Sie biegen nach rechts in den Waisentunnel und laufen in Richtung U 8. Das Rumpeln der West-Berliner Züge ist schon zu hören. Hier unten ist niemand, der sie aufhalten würde. "Trotzdem haben wir nur geflüstert." Der kleine David sitzt still auf dem Arm. "Kinder merken es, wenn eine Situation ganz besonders ist." Dann stehen sie vor dem herabgelassenen Schütz - einer Stahlplatte, die bei einer Havarie unter der Spree das Wasser aufhält. Die letzte Sperre, tunnelhoch. Doch Dieter Wendt weiß, das sie überwindbar ist. Die Familie steigt eine Leiter hoch, öffnet eine Luke und lässt sich in dem Schacht über der Wehrkammer auf einer Luftmatratze nieder. Kerzen werden entzündet, für das Kind gibt es Kekse. Für Sabine, Thomas und David Wendt heißt es warten. Über ihnen fließt die Spree.Dieter Wendt geht zurück, taucht aus der Tunnelwelt auf. In dem für Fahrgäste geschlossenen Bahnhof Jannowitzbrücke an der U 8 taucht er wieder in sie ein. Er meldet sich gegen 19.55 Uhr bei den Grenzposten, "um im dortigen Stellwerk und am Einfahrtssignal 652 Arbeiten durchzuführen", wird Stasi-Major Posselt schreiben. Wendt geht von der U 8 in den Waisentunnel, steigt zur Wehrkammer hoch, knackt eine Tür, dann die Schlösser an der oberen Absicherung des Schachts, in dem die Verwandten sitzen. Mit der Familie steigt er wieder hinab zur U 8. Einer nach dem anderen huscht auf den Streifen zwischen den Gleisen. Dann hören sie es erneut rumpeln, spüren nun auch einen Windhauch. Ein Zug kommt. Ihr Zug. "Ich sagte: Wir möchten mit. Der Fahrer sagte: 'rein und hinlegen." Es ist eng. Im Führerstand sitzt noch ein zweiter West-Berliner, im Transit ist doppelte Besatzung Pflicht. "Wir haben das Kind fast hineingeworfen. Dann ging's auch schon los. Auf dem Bauch sind wir ausgereist, damit uns die DDR-Grenzsoldaten auf dem Bahnhof Heinrich-Heine-Straße nicht sehen." Gegen 22.15 Uhr sitzen die Vier in einem Neuköllner Polizeirevier, um drei Uhr früh steht Wendt bei einem Bekannten im Märkischen Viertel auf dem Balkon. "Unten sah ich nicht einen Trabant, nur Westautos. Da wusste ich: Es hat geklappt." Danach durften BVB-Beschäftigte nie wieder allein in die Tunnel für den U-Bahn-Transit. Es blieb die einzige Flucht dieser Art.------------------------------Etappen der Flucht1: Vom Bahnhof Klosterstraße gelangen Wendt und seine Verwandten in den Kloster- und Waisentunnel. Am geschlossenen Schütz unter der Spree endet ihr Weg. 2: Wendts Verwandte lassen sich in einem Raum über dem Schütz nieder und warten dort. 3: Dieter Wendt geht zurück und erreicht oberirdisch den Bahnhof Jannowitzbrücke. Dort meldet er sich zum Dienst im Transittunnel der U 8.4: Er bricht eine Tür und Schlösser auf. Dann holt er seine Verwandten.5: Alle vier steigen in einen Zug nach Westen.------------------------------Karte: Die Flucht vom 8. März 1980------------------------------Foto: Weg nach Westen: Dieter Wendt im Waisentunnel, hinten die U 8. Die Flucht blieb geheim, weil die Westmächte den U-Bahn-Transit nicht gefährden wollten.