BERLIN, im August. An die Nacht, in der Hans-Georg Lemme ums Leben kam, will sich niemand erinnern. Die einzigen, die wirklich wissen, was damals an der Grenze geschah, schweigen eisern, bis heute auch vor Gericht. Der 21jährige aus Groß Breese bei Wittenberge, der seinen Grundwehrdienst in Schwerin leistete, war in der Nacht des 19. August 1974 getötet worden, als er versuchte, über die Elbe in den Westen zu schwimmen. Er floh, um dem Wachdienst im Gefängnis in Bützow zu entgehen. Drei Wochen ließen Stasi und DDR-Grenztruppen die Eltern, Genossenschaftsbauern der örtlichen LPG, über den Tod ihres Sohnes im ungewissen. Am 6. September brachten sie in einem verschlossenen Sarg den Leichnam des Jungen. Er sei in der Elbe ertrunken, hieß es, die Leiche sei am selben Tag am Ufer angeschwemmt worden. "Mein Sohn ist nicht ertrunken", hatte Ingrid Lemme dem Militärstaatsanwalt entgegengehalten. "Er ist ein Opfer der Mauer, das steht für uns so fest wie das Amen in der Kirche." Die Rechnung des von der Stasi beauftragten Bestatters ging den Eltern Wochen später zu.Ein guter SchwimmerBei der Beerdigung des Sohnes auf dem Friedhof der Kirchgemeinde wimmelte es von Fremden, die niemand kannte. Der Pastor las den Psalm 57: "Mir ist, als wäre ich umringt von Löwen, die gierig sind auf Menschenfleisch. Ihre Zähne sind spitz wie Speere und Pfeile, ihre Zungen scharf wie geschliffene Schwerter." Da habe er nicht viel predigen müssen, die Worte habe jeder verstanden. Wochenlang überwachte die Stasi die Familie des getöten Flüchtlings und das ganze Dorf gleich mit. Gespräche im Konsum wurden mitgehört, kritische Äußerungen sofort weitergemeldet. "Jeder im Dorf wußte, daß der Junge nicht ertrunken war", erinnert sich Pastor Gottfried Winter an den Sommer 1974. "Hans-Georg war im Wasser zu Hause", sagt die Mutter. "Er galt als bester Schwimmer weit und breit." Damals zeigte der ganze Ort Mitgefühl mit der Familie, sogar die SED-Bürgermeisterin brachte einen Rosenstrauß zur Trauerfeier auf den Kirchhof. "Ein Dutzend Leute aus dem Dorf gingen im Herbst darauf nicht zu den Kommunalwahlen", erzählt der Pastor. "Das war ein Akt der Solidarität mit der Familie Lemme, aber damals auch ein klares Bekenntnis gegen den Staat." Verwandte im Westen gaben der Erfassungsstelle für DDR-Unrecht in Gießen den Fall bekannt, der Vater eines Schulfreundes von Hans-Georg informierte die Ständige Vertretung der Bundesrepublik in Ostberlin. Bis 1993, als sie ihre Stasi-Akten einsehen konnten, wußten Ingrid und der inzwischen verstorbene Georg Lemme nicht, wie ihr Sohn an jenem Augusttag ums Leben kam. Die Akten brachten Erschrekkendes zutage. Danach meldeten die Grenzer am Montag, den 19. August, um 22.50 Uhr ein "Vorkommnis am Elbkilometer 472,2" in Lütkenwisch. Wenige Stunden später tickerte der Bericht der Grenzer im Ministerium für Staatssicherheit in Berlin sowie in weiteren MfS-Dienststellen als "Sofortmeldung" über die Telexleitungen.Eine in "Richtung Staatsgrenze schwimmende Person" habe sich gegen 22.35 Uhr trotz Aufforderung der Grenzposten an Land sowie der Besatzung des Grenzbootes "GS197" auch nach erfolgten "Warnschüssen" nicht festnehmen lassen. Der "Grenzverletzer" habe sich nach einem Bootsmanöver nicht in Richtung DDR-Ufer drängen lassen, sondern sei immer wieder unter dem Boot "in Richtung BRD-Territorium" hinweggetaucht, heißt es gleichlautend in den Berichten der Grenztruppe. "Zur Verhinderung des Grenzdurchbruchs entschloß sich daraufhin der Bootsführer, den Grenzverletzer mit dem Boot zu überfahren. Unmittelbar vor der auf BRD-Territorium befindlichen Buhne wurde der Grenzverletzer mit dem Boot überrollt." Von diesem Zeitpunkt ab sei der "Grenzverletzer trotz intensiven Absuchens mit den Scheinwerfern nicht mehr gesichtet worden".Vor wenigen Wochen stand der Bootsführer von damals, Hans-Ulrich P., unter der Anklage des Totschlags an Hans-Georg Lemme vor dem Landgericht in Schwerin. Der Maschinist des Grenzbootes hatte dabei ausgesagt, daß sich P. vor 24 Jahren erleichtert und erfreut über das Überfahr-Manöver geäußert hatte, da "der Grenzdurchbruch" dadurch verhindert worden sei. Das Gericht in Schwerin hatte alle erreichbaren Zeugen geladen. Die Bootsbesatzung, die Grenzposten an Land, Grenzkommandeure, Gerichtsmediziner, ein Freund des Opfers, der Angeklagte wurden befragt. Die Mutter und die Schwester des Getöteten erfuhren allerdings nur durch Zufall von dem Prozeß. "Eine Benachrichtigung sieht die Prozeßordnung nicht vor", antwortete die Staatsanwaltschaft, als Eva-Maria Lemme, die Schwester des Opfers, nachfragte. Die einzigen, so scheint es, die bei dem Prozeß nichts zu verlieren hatten, waren die Angehörigen des Toten. "Ich wollte denen in die Augen sehen, wollte wissen, wer mit meinem Jungen die letzten Worte gesprochen hat." Deshalb sei sie zu dem Prozeß gefahren, sagt die 69jährige Ingrid Lemme. Doch keiner der Grenzer schaute ihr ins Gesicht, keiner fand ihr gegenüber ein Wort des Bedauerns. Zu der Verhandlung begleiteten sie auch Freunde und Nachbarn aus dem Dorf. "So eine Anteilnahme der Mitbewohner" habe er noch nie erlebt, wunderte sich Richter Gerd Reimers zu Prozeßbeginn. Doch die Hoffnungen der Angehörigen und Freunde, die Wahrheit zu erfahren, wurden gleich am ersten Prozeßtag "auf Null gedämpft", wie Klaus Froriep, der engste Freund von Hans-Georg Lemme, es ausdrückt. Der Angeklagte habe gleich zu Beginn seiner Aussage darauf hingewiesen, daß er durch den Prozeß "seinen Beamtenstatus bei der Stadt Rostock" gefährdet sehe und damit schließlich auch die Versorgung seiner Familie. "Da wußten wir, es wird nichts ans Licht kommen", so Froriep.Sie können sich nicht erinnernDie drei Männer von der Bootsbesatzung konnten sich dann auch an keine Einzelheiten mehr erinnern. Das Bild des im Scheinwerferkegel vor dem Boot schwimmenden jungen Mannes, der noch gerufen habe: "Das könnt ihr doch nicht machen!" sei ihnen schon unter die Haut gegangen, antworten sie auf eine entsprechende Frage des Richters. Bootsführer P. erklärt, er hatte zuvor einen Verweis von der Dienststelle erhalten, weil er Westfernsehen geguckt habe. Auf Nachfrage des Richters räumten sie ein, sich vorher untereinander verständigt, aber nichts besprochen zu haben. Auch das Gutachten des Gerichtsmediziners von der Universität Rostock konnte den Tod des Flüchtlings nicht erhellen. Nachdem die Leiche fast drei Wochen im Wasser gelegen habe, sei nicht mehr festzustellen gewesen, ob Verletzungen durch eine Schiffsschraube den Tod durch Ertrinken herbeigeführt hätten oder die Verletzungen erst später, möglicherweise von einem anderen Boot, herrührten. Nach einem Stasi-Bericht war das Grenzboot einen Tag nach "dem Überfahren des Grenzverletzers gehoben" worden. Danach war "eine Antriebswelle der Schrauben durch das Bootsmanöver leicht verbogen", was durch den "Körper des Grenzverletzers" verursacht worden sein könne, hieß es. Der heutige Zugführer bei der Rostocker Berufsfeuerwehr Hans-Ulrich P. wird freigesprochen. "Irgendwie ist die Bootsbesatzung für den Tod des Flüchtlings verantwortlich", wird Richter Reimers später sagen, "aber eine individuelle Schuld konnte nicht ermittelt werden." "Was wollen Sie einem ,Ich weiß nicht mehr nach 25 Jahren entgegensetzen", fragt der Jurist. Nachdem die "Bild"-Zeitung ihn als "Killer-Kapitän" bezeichnet hat, will Hans-Ulrich P. mit Journalisten nicht mehr sprechen. Das habe sein Image unter den Kollegen "genug ruiniert", sagt er am Telefon. Auch wenn sein Freispruch jetzt rechtskräftig sei, stecke ihm die Angst um seinen "Beamtenstatus" noch in den Knochen. Der wäre ihm nämlich aberkannt worden, wenn er zu einer Bewährungsstrafe über einem Jahr verurteilt worden wäre. Der frühere Oberst der DDR-Grenztruppen Lantfrid K. hingegen hat keine unüberwindbaren Berührungsängste. Er erwartet uns gemeinsam mit seinem früheren Kollegen Willi A. in seiner früheren Dienstwohnung in einem Plattenbau in Stendal, der Stadt, in der das Grenzkommando Nord, "zuständig für die Sicherung der DDR-Grenze vom Harz bis zur Lübecker Bucht", seinen Standort hatte. K. hatte 1974 das Verhalten der Grenzer bei "dem Vorkommnis" untersucht. Beide Ex-Militärs bitten um eine "korrekte Ausdrucksweise" in unserem Gespräch. "Sogenannte DDR-Flüchtlinge", habe es nicht gegeben, ebensowenig wie eine "innerdeutsche Grenze", erläutern sie. Der "Schutz der Staatsgrenze" sei in Verfassung und Gesetzen verankert gewesen. Das Wort "Flüchtling" treffe schon deshalb nicht zu, "weil die DDR-Bürger keinen Grund hatten zu flüchten". Diejenigen, die "die Grenze verletzten", hätten in der Regel versucht, sich einer "gerechten Strafverfolgung oder der Zahlung von Alimenten zu entziehenen". Manche hätten einfach "nur Krach zu Hause gehabt oder geglaubt, im Westen flögen ihnen die gebratenen Tauben in den Mund". "Die wirklichen Gegner des Regimes, die gegen die DDR-Oberen gekämpft haben, sind nämlich hiergeblieben wie unser Pfarrer Schorlemmer aus Wittenberg", stellt Willi A. fest. Wirksames FeindbildDaß dieses den Soldaten eingetrichterte Feindbild vom Grenzverletzer Wirkung zeigte, bestätigt einer der Grenzposten an Land, die Lemmes Fluchtversuch 1974 bemerkten. "Wenn so etwas geschah, hatte man immer die Angst, der Flüchtling könnte tatsächlich gewalttätig und skrupellos sein." Damals an der Elbe habe er gehofft, daß der Junge, der gerufen hatte: "Ich bin doch einer von euch, das könnt ihr doch nicht machen", es ans andere Ufer schafft. "Vielleicht hätte ich einfach die Scheinwerfer abstellen können", habe er oft danach überlegt. Von dem Tod des Jungen habe er erst nach der Wende durch die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft erfahren. Von den Grenzanlagen ist am Deich von Lütkenwisch nichts mehr zu sehen. Die alten Bauernhäuser hinter dem Deich, die zu DDR-Zeiten im Sperrgebiet der Grenze lagen, sind schmuck renoviert. Vor den weißgestrichenen Fassaden blühen Sommerblumen, die Gartenterrasse eines kleinen Cafés bietet einen malerischen Blick weit über die Wiesen der Elbufer. Im Sommer kommen Gäste aus dem nahen Niedersachsen, um in der Prignitz ein paar Ferientage zu verbringen. Die Besucher bringt inzwischen eine Fähre mehrmals täglich von einem Ufer zum anderen. Was wäre gewesen, wenn die Grenzer Hans-Georg einfach hätten schwimmen lassen, fragt Ingrid Lemme und sieht auf die Elbe. "Er war doch völlig wehrlos."