Vivi Bach und Dietmar Schönherr mussten sich mit recht abwegigen Methoden behelfen, wenn in ihrer Fernsehshow "Wünsch Dir was" die Zuschauer zuhause über Sieg und Niederlage abstimmen sollten. Da mussten auf Kommando die Klospülung betätigt oder sämtliche Lichter in der Wohnung eingeschaltet werden, um anhand des erhöhten Wasser- und Stromverbrauchs in einer Region ein Votum zu erhalten. Das war mühsam, ungenau und auch nicht gerade Ressourcen schonend. Deshalb sannen die Fernsehsender nach einfacheren Methoden, um die Zuschauer in ihre Sendungen einzubeziehen. Zehn Jahre nach "Wünsch Dir was" fand die Forschungseinrichtung der damaligen Deutschen Bundespost, das Fernmeldetechnische Zentralamt (FTZ) in Darmstadt, im Auftrag des ZDF eine Lösung: den Tele-Dialog - die Abstimmung per Telefonanruf, kurz TED.Premiere feierte die neue Technik am 23. August 1979 in der täglichen Magazinsendung "Schauplatz Berlin" - standesgemäß auf der Internationalen Funkausstellung. Moderator war der damalige ZDF-Redaktionsleiter Innenpolitik und spätere SFB-Intendant Horst Schättle. Der hatte während eines USA-Aufenthaltes eine ähnliche Umfragemethode kennen gelernt und zurück in Deutschland den Anstoß zu TED gegeben. Weil das Telefonnetz damals noch nicht so gut ausgebaut war, stand zu befürchten, dass es zusammenbricht, wenn alle Zuschauer sich an der Abstimmung beteiligen. "Als Testfeld eignete sich deshalb West-Berlin ganz besonders, denn das dortige Netz war durch die damalige Insellage gut abgrenz- und überschaubar", sagt Manfred Denninger, der für das ZDF den TED über die Jahrzehnte weiter entwickelt hat.Wird Hertha BSC Meister?600 Berliner wurden 1979 für die erste Telefonabstimmung ausgewählt. Nur sie kannten die Telefonnummer und die verschiedenen Endziffern. Die erste Frage an sie lautete übrigens: "Wird Hertha BSC in diesem Jahr Deutscher Fußballmeister?" Die Berliner TED-Mitspieler entschieden sich mit großer Mehrheit für "Ja". Tatsächlich stieg Hertha am Ende der Saison als Tabellensechzehnter in die 2. Liga ab. Obgleich der Testlauf in Berlin problemlos verlaufen war, geriet der Tele-Dialog zunächst wieder in Vergessenheit. Erst mit dem Sendestart von "Wetten, dass .?" zwei Jahre später erlebte der TED seinen ersten bundesweiten Einsatz, allerdings zunächst ebenfalls mit ausgewählten Zuschauern. 1982 folgte die "Hitparade", 1984 der "Grand Prix der Volksmusik", später kamen Magazinsendungen wie Mona Lisa und Wiso hinzu. Erst die Weiterentwicklung der Hard- und Software sowie der Ausbau des Telefonnetzes ermöglichte es, Abstimmungen durchzuführen, ohne vorher bereits die Teilnehmer festzulegen. 1984 konnten 10 000 Anrufe pro Minute verarbeitet werden. Problematisch wurden die TED-Abstimmungen lediglich für das Telefonsystem im Raum Frankfurt. Dort liefen nämlich alle Anrufe zusammen - und legten das Netz lahm. Weil von den Ausfällen besonders das Börsenviertel betroffen war, durften TED-Abstimmungen nur noch nach 18 Uhr durchgeführt werden. Nach und nach wurde das System dezentralisiert und verteilte sich schließlich auf über 6 000 Ortsnetze.1997 wurde der TED durch das leistungsfähigere T-Vote-Call ersetzt, das bis zu 100 000 Anrufe und SMS (Short Message Service) pro Minute gleichzeitig erfassen kann. Bei der Vorentscheidung zum Grand Prix Eurovision 2000 konnten so 1,5 Millionen Anrufe registriert werden. Seinerzeit ein Rekord - und ein gutes Geschäft für die Telekom. Aber auch schon die TED-Umfragen waren für die damalige Deutsche Bundespost eine nicht zu verachtende Nebeneinnahme. Als in den 80er Jahren an jedem Sommerwochenende der Wunschfilm des ZDF gewählt werden durfte, gingen Woche für Woche zwischen 1,6 und 2,6 Millionen Anrufe bei dem Sender ein.Die Erlöse werden geteiltBis 2002 machte die Telekom das Geschäft mit dem Televoting allein. Dann fiel das Monopol. Seither kommt kaum eine Sendung mehr ohne Publikumsabstimmung aus. Ob der "Grand Prix der Volksmusik" oder das "ZDF-Morgenmagazin", ob "Unsere Besten - Wer ist der größte Deutsche" oder "Die 80er Jahre Show": Der Zuschauer soll anrufen und abstimmen. Die Gewinne aus den Anrufen sind dabei den Werbeeinnahmen durchaus ebenbürtig - etwa bei "Big Brother" oder "Deutschland sucht den Superstar". Die Erlöse werden zwischen den Telefongesellschaften und den Sendern geteilt.Die TV-Veranstalter freuen sich dabei nicht nur über die Refinanzierung ihres Programms, sondern insbesondere auch über die wichtige Bindung der Zuschauer an die Sendung beziehungsweise den Sender. Und die Zuschauer zahlen sogar noch Geld für die schöne Illusion, mit einem einzigen Anruf den weiteren Verlauf etwa einer Sendung wie "Die Alm oder "Das Dschungelcamp" beeinflussen zu können.Ein Ende dieser Goldgräberzeit ist allerdings bereits in Sicht. Mit der flächendeckenden Einführung von digitalem und interaktiven Fernsehen wird das Televoting via Telefon und SMS in Zukunft an Bedeutung verlieren. Dann nämlich wird der Zuschauer mittels der Set-Top-Boxen abstimmen können und braucht nicht einmal eine Telefonnummer zu wählen: Ein Druck auf die entsprechende Taste der Fernbedienung genügt.------------------------------Zwei Millionen Anrufe pro Sendung // Der Tele-Dialog (TED) kam erstmals am 23. August 1979 im Rahmen der Internationalen Funkausstellung zum Einsatz. In dem von Horst Schättle moderierten ZDF-Magazin "Schauplatz Berlin" konnten 600 ausgewählte Zuschauer sich per Telefon an verschiedenen Abstimmungen beteiligen.In den 80er-Jahren konnten Telefon-Votings erstmals ohne vorherige Festlegung der Teilnehmer durchgeführt werden. Pro Minute konnten 10 000 Anrufe entgegen genommen werden.Die Weiterentwicklung, der T-Vote-Call, kann heute bis zu 100 000 Anrufe und SMS-Nachrichten pro Minute verarbeiten. Bei populären Casting-Shows gehen im Abstimmungszeitraum bis zu zwei Millionen Anrufe ein. Die Erlöse teilen sich Sender und Telefongesellschaft.Das ZDF wird das Jubiläum des TED am 2. Oktober im Rahmen der 150. "Wetten, dass.?"-Sendung aus Berlin feiern. Auch dann soll per Telefonabstimmung der Wettkönig des Abends ermittelt werden.------------------------------Foto (2): In "Wetten, dass ...?" kam der TED 1981 erstmals bundesweit zum Einsatz. Die Zuschauer wählen seither am Ende jeder Sendung per Telefon den Wettkönig.Das TED-Männchen