WEISSENSEE. Es war ein kalter, nebliger Herbstmorgen, als der Bauer Albert Kotschote am 15. September 1983 um kurz nach sieben Uhr mit seinem Traktor auf einem Feldweg zwischen dem St. Joseph-Krankenhaus und dem Orankesee in Weißensee fuhr. "Auf einmal brummte etwas über mir. Dann ging 20 Meter vor mir ein Leichtflugzeug auf dem Acker nieder", erzählt der 81-Jährige. In dem Motordrachen saß der Yoga-Meister und Friedensaktivist Swami Vishnudevananda. In der westlichen Welt war der Yogi - vier Jahre, bevor Matthias Rust mit seiner Cessna auf dem Roten Platz in Moskau landete - damals schon als "Flying Swami" bekannt - als einer, der mit Flügen über den Suez-Kanal oder Nordirland ein Zeichen für den Frieden setzen wollte.An diesem Tag vor genau 25 Jahren wollte der Yogi die Grenze von West nach Ost überwinden. Er setzte sich auf den Gatower Rieselfeldern in sein Fluggerät "und wollte über den Potsdamer Platz zum Alexanderplatz fliegen", berichtet Jonas Müller vom Berliner Sivananda Yoga Vedanta Zentrum, der zu den Organisatoren der Aktion gehörte. "Aber es war so neblig, dass er nichts sehen konnte, was letztlich gut für ihn war. Denn auch die Grenzsoldaten sahen ihn nicht."Und so endete sein Flug auf einem Acker in Weißensee, dort, wo heute die Hansastraße verläuft. Bauer Kotschote half Swami Vishnudevananda aus dem Flugzeug heraus. "Er hatte steif gefrorene Hände, er konnte sich nicht losschnallen", sagt er. Verstehen konnte Kotschote den Englisch sprechenden Yogi nicht. Aber er begriff, dass dieser in friedlicher Mission gekommen war. "Er verstreute Chrysanthemenblüten und war sehr freundlich." Dass er aus West-Berlin gestartet war, wusste Kotschote nicht. "Ich dachte, vielleicht aus Indien. Er war ja Inder." Eine Anwohnerin, die des Englischen mächtig war, bat der Yogi, die Volkspolizei zu rufen. Schließlich wollte er, dass sein Friedensflug bekannt wurde. Die verblüfften Polizisten ließen den Yogi und sein Flugzeug abtransportieren. Nach einem dreistündigen Verhör und einem Käsebrot, wie in West-Berliner Zeitungen am kommenden Tag zu lesen war, schickten sie ihn dann über den Checkpoint Charlie wieder zurück - ohne Flugzeug. Ost-Berliner Zeitungen berichteten nicht.Seinen Friedensflug hatte der in Kanada lebende Swami Vishnudevananda lange geplant. Den Leichtbau-Drachensegler hatte er, in Einzelteile zerlegt, in einem Möbelwagen nach West-Berlin geschmuggelt - und auf Pressekonferenzen seinen Friedensflug vorab angekündigt. Doch als die Polizei erschien, um ihn festzusetzen, war der Yogi bereits in der Luft.Während seine Aktion für ihn folgenlos blieb, bekam Bauer Kotschote noch drei Mal Besuch von der Stasi. "Sie wollten wissen, warum ich so früh mit dem Traktor unterwegs war, ob der Yogi mich bezahlt hat, ob ich eine Waffe versteckt habe." In seinem Wohnzimmer hängt ein Kreuz und ein Foto von Albert Kotschote und Swami Vishnudevananda. Es entstand am 10. November 1989. Einen Tag nach dem Mauerfall war der Yogi nach Ost-Berlin gefahren und besuchte Kotschote und seine Frau. "Es gelang ihm auch, Egon Krenz vor dem Palast der Republik auf sein Flugzeug anzusprechen, doch das war verschwunden", erzählt er.Der Yogi sei bis zu seinem Tod im Jahr 1993 noch ein paar Mal zu Besuch gewesen. "Wir sind beide Jahrgang 1927." Mit den Mitgliedern des von Swami Vishnudevananda gegründeten Yoga-Zentrums haben Kotschotes bis heute Kontakt. Doch Yoga ist für Kotschote nichts. "Ich bin Katholik. Ich kann nicht auf zwei Hochzeiten tanzen."------------------------------Der MeisterSwami Vishnudevananda (1927 bis 1993) übersiedelte 1957 von Indien nach Kalifornien, um als einer der ersten Yoga-Meister im Westen "die spirituelle Anleitung für den inneren Frieden" zu verbreiten. Er gründete weltweit mehr als 70 Yoga-Sivananda-Zentren und lebte bis zu seinem Tod in Kanada. Zu seinen Schülern gehörten die Beatles.Der Friedensaktivist machte 1971 auf sich aufmerksam, als er mit dem US-Schauspieler Peter Sellers in die Krisenregion Nordirland flog.------------------------------Foto: Der Bauer Albert Kotschote fand den Yogi auf einem Acker.------------------------------Foto: Swami Vishnudevananda vor dem Start auf den Gatower Rieselfeldern.