Vor 25 Jahren starben 14 Menschen durch ein Attentat auf dem Münchner Oktoberfest: Die Bombe

MÜNCHEN, 25. September. Eigentlich will Ignaz Platzer gar nicht aufs Oktoberfest. Doch dann lässt er sich überreden und geht mit seiner Frau und den fünf Kindern los. Es wird ein schöner Ausflug an diesem 26. September 1980, man fährt Karussell, isst Hendl und Brezen. Der Vater kauft seinen jüngsten Kindern, dem sechsjährigen Ignaz und der achtjährigen Ilona, zum Abschluss Luftballons. Um 22.20 Uhr geht die Familie am Haupteingang vorbei, als es plötzlich ein greller Schein aufblitzt und es ohrenbetäubend knallt. Eine Bombe ist in einem Papierkorb explodiert.Vater Ignaz Platzer wird in die Höhe geschleudert, Metallsplitter fliegen durch die Luft. Einer trifft den Kopf des kleinen Ignaz, seiner Schwester reißt die Bombe den Bauch auf. Beide Kinder sterben, so wie elf weitere Fest-Besucher. Auch der 21 Jahre alte Geologie-Student Gundolf Köhler kommt um, er hat die Bombe mit 1,39 Kilogramm Sprengstoff gezündet. Mehr als 200 Menschen werden verletzt.Ganz München ist entsetzt, einen Tag ruht der Wiesn-Betrieb, dann geht das bunte Treiben weiter. Franz-Josef Strauß, damals bayerischer Ministerpräsident und Kanzlerkandidat der Union, vermutet Linksterroristen als Täter. Das ist falsch: Der Einzelgänger und Waffennarr Gundolf Köhler hatte Kontakt zur rechtsextremen "Wehrsportgruppe Hoffmann", die in Bayerns Wäldern paramilitärische Übungen abhält. Strauß, der sich als starker Mann präsentieren wollte, hat die Wehrsportgruppe zuvor als "halbverrückte Spinner" bezeichnet, die man in Ruhe lassen solle. Der ermittelnde Generalbundesanwalt kommt zu dem Ergebnis, dass Köhler als Einzeltäter handelte.Diese Version ist immer wieder angezweifelt worden. Im Jahr 2000 forderte Münchens Oberbürgermeister Christian Ude, die Ermittlungen neu aufzunehmen. Dies sei man den Opfern schuldig, sagte der SPD-Politiker. Ude wird am Montag, 25 Jahre nach dem Attentat, während einer Gedenkfeier einen Kranz am eher unauffälligen Denkmal für die Opfer niederlegen. "Diesem Jahrestag müssen wir uns stellen", betont er. Der Anschlag mache einmal mehr deutlich, welches Maß an Menschenverachtung in der rechtsradikalen Szene herrsche. "Die Opfer leiden bis heute."Ulrich Chaussy, Autor des Buchs "Oktoberfest. Ein Attentat", beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit dem Fall. Er nehme zwar nicht für sich in Anspruch, sagen zu können, wer hinter dem Anschlag wirklich stecke, sagt Chaussy. "Aber ich kann sagen: So wie es offiziell gewesen sein soll, war es nicht." Der Journalist kann widersprüchliche Zeugenaussagen belegen und zeigen, dass die Fahnder Spuren nicht weiter verfolgten, die gegen die Einzeltäterversion sprachen.Ignaz Platzer möchte, dass wieder ermittelt wird. Er wolle wissen, sagte er der Süddeutschen Zeitung, weshalb seine Kinder sterben mussten. Seine Ehe ist wegen des Attentats in die Brüche gegangen, noch immer kann er nicht alleine das Grab der Kinder besuchen. Die meisten Überlebenden und auch die Angehörigen der Toten betrachten das Geschehene als Schicksal. Einige feiern wieder auf der Wiesn.Der aktuelle Kinofilm "Oktoberfest" von Johannes Brunner thematisiert den Anschlag: Ein junger Mann, dessen Vater an den Folgen des Attentats starb, ruft immer wieder anonym auf der Polizeistation auf der Wiesn an und fragt: "Kann verhindert werden, dass so etwas noch mal passiert?" Eine Frage, die nicht nur die Filmpolizisten schwer bejahen können."Das Attentat hat mein Leben zerstört", sagt Ignaz Platzer. Von der Stadt München erhält er eine kleine Rente, zudem zahlt die Kommune die Grabkosten. Er wird am Montag am Denkmal neben dem Haupteingang stehen und an seine Kinder denken. Oft schon hat er gesehen, wie Besucher des Oktoberfests ihren Rausch auf dem Podest ausschlafen.------------------------------Party ohne PapierkörbeAm 26. September 1980 detonierte auf dem Münchner Oktoberfest die Bombe des rechtsradikalen Studenten Gundolf Köhler. 14 Menschen starben, mehr als 200 wurden verletzt. Der Sprengsatz war in einem Mülleimer deponiert. Seitdem gibt es auf der Wiesn keine öffentlichen Papierkörbe mehr.Mehr als 3,2 Millionen Gäste strömten bis Sonntag auf die diesjährige Wiesn. Insgesamt werden bis zum 3. Oktober über sechs Millionen Menschen erwartet. Die 172. Wiesn verlaufe entspannt, kommod und sehr bayerisch, hieß es am Sonntag.------------------------------Foto: Das Denkmal am Haupteingang des Oktoberfests in München------------------------------Foto: Einen Tag lang ruhte der Oktoberfest-Betrieb nach dem Anschlag vom 26. September 1980 auf der Theresienwiese.