Willy-Wien-Labor - so heißt das neue Zentrum für Synchrotronstrahlung in Berlin-Adlershof, dessen Bau am heutigen Freitag offiziell beginnt. Namenspatron ist der Experimentalphysiker und Nobelpreisträger Wilhelm Wien, der von 1890 bis 1895 auch in Berlin arbeitete. In dem Labor soll bis 2008 ein kleiner, ovaler Elektronenspeicherring mit einem Umfang von 48 Metern gebaut werden: die Metrology Light Source (MLS). Das Labor wird gleich neben Bessy II entstehen, dem 240 Meter großen Vorbild. Mit diesem etwa zwanzig Millionen Euro teuren Neubau, den der Bund finanziert, erfüllen sich die Betreiber von Bessy und viele Forscher einen lang gehegten Wunsch: Es entsteht ein Speicherring, der nicht wie Bessy II Röntgenstrahlung liefert, sondern, so wie früher Bessy I, intensives UV-Licht.Die neue Strahlungsquelle wird von den Forschern als Geschenk betrachet, zum Beispiel von Physikern, die die Herstellung von Prozessoren für die Computer von Übermorgen planen. UV-Licht spielt für sie eine große Rolle: Damit können verzerrungsfreie Spiegel genau vermessen werden, mit deren Hilfe künftig Computerchips produziert werden sollen. Heute werden Chips mit einem Fotolithografie-Verfahren hergestellt. Ein lichtempfindlicher Lack auf einem Silizium-Kristall wird dabei durch eine Maske hindurch mit Licht bestrahlt. Um möglichst viele Bauelemente auf engsten Raum zu packen, kann man nicht mit sichtbarem Licht arbeiten, das von Linsen gebündelt wird, sondern mit UV-Licht, für dessen Fokussierung Spiegel benötigt werden. Dafür wird die MLS unter anderem mit einem neuen Reflektometer zur Vermessung großer UV-Spiegel ausgerüstet.Bis 1999 lieferte noch Bessy I solches UV-Licht, dann wurde dieser Elektronenspeicherring von Bessy II in Adlershof abgelöst. Die MLS ist zwar nur halb so groß wie einst Bessy I, erzeugt aber eine genauso intensive Strahlung. Die Energie, die die MLS-Elektronen besitzen, geben Physiker mit 200 bis 600 Megaelektronenvolt an. Das ist rund ein Drittel der Bessy-II-Elektronen und zehn- bis zwanzigtausendmal so viel wie in der Bildröhre eines Fernsehers.Obwohl die MLS technisch viel ausgefeilter und moderner ist als Bessy I, basieren beide Beschleuniger auf demselben technischen Prinzip: Elektronen werden beschleunigt und dann in einem Speicherring auf eine Kreisbahn geschickt. Dadurch beginnen sie, einen gebündelten Strahl UV- oder Röntgenlicht auszusenden. Das Licht ist einige billiardenmal heller als das einer Röntgenröhre. Weil die Teilchen dabei Energie verlieren und langsamer werden, muss man ihre Beschleunigung regelmäßig mit den Umläufen synchronisieren. Die Maschinen werden daher auch Synchrotrone genannt.Gleichzeitig mit dem ersten Spatenstich für die MLS feiern die Bessy-Mitarbeiter auch den 25. Geburtstag ihrer Betreibergesellschaft: der Berliner Elektronenspeicherring-Gesellschaft für Synchrotronstrahlung, kurz Bessy. Am 5. März 1979 wurde sie im Beisein des damaligen Bundesforschungsministers Volker Hauff und des Berliner Wissenschaftssenators Peter Glotz gegründet. Damals hatten sich Physiker und Chemiker der Freien Universität Berlin, des Fritz-Haber-Instituts und der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) über Jahre hinweg für den Standort Berlin eingesetzt. Von 1981 an leuchteten dann auf dem PTB-Gelände in Berlin-Wilmersdorf die Elektronen. "Ausschlaggebend für die Bauentscheidung war letzten Endes, dass im Forschungsministerium nicht die Abteilung für Grundlagenforschung, sondern die für Mikroelektronik entschieden hat - und die hatte noch Geld übrig", erinnert sich der Chemiker und Physiker Alexander Bradshaw, einer der Initiatoren und späterer wissenschaftlicher Direktor von Bessy I.Als Quelle für UV-Licht wurde der Beschleuniger zum Erfolgsmodell. Man untersuchte damit zum Beispiel die chemische Struktur von Kristalloberflächen und entwickelte ein Röntgenmikroskop, mit dem man winzigste Zellstrukturen sichtbar machen konnte. Außerdem vermaß Bessy I die Spektrometer der Sonnensonde Soho und eichte die Detektoren des US-Weltraum-Röntgenteleskops Chandra. Doch schon wenige Jahre später wünschten sich die Physiker mehr Licht. "Im Frühjahr 1985 hatten wir den ersten Vorschlag für einen Beschleuniger fertig, der lange gerade Strecken enthält", erzählt Bradshaw. Wenn die Elektronen nicht nur im Kreis, sondern zwischendurch auch auf geraden Strecken rasen, kann man sie an diesen Stellen durch spezielle Magnete schicken. Dabei handelt es sich um so genannte Undulatoren, die die Teilchen auf Schlingerkurs bringen und dadurch zu einer noch intensiveren Strahlung anregen.Im September 1998 wurde dann die Röntgenlampe Bessy II eingeweiht - in Adlershof, weil in Wilmersdorf für das große Gebäude kein Platz war. 200 Millionen Mark stecken in dem neuen Synchrotron, das mit maximal 1,9 Gigaelektronenvolt zehntausendmal brillianteres Licht liefert als sein Vorgänger.Der Beschleuniger Bessy I, in den insgesamt 130 Millionen Mark investiert worden waren, wurde hingegen 1999 abgeschaltet. "Man konnte vor allem wegen der Personalkosten keine zwei Beschleuniger unterhalten", sagt Bessy-Sprecher Markus Sauerborn.Zwei Jahre später wurde Bessy I auf eine Friedensmission in den Mittleren Osten geschickt. Im Rahmen eines Unesco-Projektes baute man Teile der Anlage ab und verfrachtete sie nach Jordanien. Heute liegen sie eingemottet im Wüstensand von Allaan Jordan, rund dreißig Kilometer vor der Hauptstadt Amman. Sie sollen dort in das Sesame-Projekt (kurz für: Synchrotron-light for Experimental Science and Applications in the Middle East) integriert werden, das derzeit vorbereitet wird. Darin sollen künftig israelische und arabische Physiker gemeinsam forschen.Vielleicht wird den Bessy-Physikern im kommenden Jahr ein weiteres Forschungsgerät geschenkt: Dann wird sich der Wissenschaftsrat möglicherweise für den Bau eines Freie-Elektronen-Lasers (FEL) in Adlershof aussprechen, eine Laserlichtquelle für Röntgenstrahlung. Sie soll extrem kurze Lichtimpulse erzeugen, mit denen - wie mit einem Blitzlicht - Momentaufnahmen von chemischen Reaktionen möglich werden.------------------------------Chronik von Bessy I und II // Anfang der Siebzigerjahre begann die Physikalisch-Technische Bundesanstalt in Berlin-Wilmersdorf damit, einen Elektronenspeicherring auf ihrem Gelände zu planen. Man wollte die Strahlung nutzen, die die Elektronen abgeben.Am 5. März 1979 wurde die Betreibergesellschaft gegründet: die Berliner Elektronen-Speicherring für Synchrotronstrahlung, kurz Bessy. Am 19. Dezember 1981 ging Bessy I am Breitenbachplatz in Wilmersdorf in Betrieb. Rund 3 000 Publikationen, 800 Diplom- und Doktorarbeiten sowie 20 Habilitationen entstanden dort.Auf Bessy I folgte in den Neunzigerjahren der größere Speicherring Bessy II in Berlin-Adlershof. Am 4. Juli 1994 begann der Bau; am 4. September 1998 war die Einweihung von Bessy II.Im November 1999 wurde Bessy I abgeschaltet. Es soll in einem Projekt in Jordanien zum Einsatz kommen. (alo.)------------------------------Grafik: Bessy II // Neben dem runden Gebäude von Bessy II soll bis 2008 der kleinere Elektronenspeicherring MLS entstehen.------------------------------Foto: Im ehemaligen runden Gebäude von Bessy I am Breitenbachplatz in Berlin-Wilmersdorf residiert heute das Landesamt für Mess- und Eichwesen.------------------------------Foto: Ein Forscher blickt in seine Experimentierkammer am Berliner Synchrotron Bessy II. Darin werden in der Regel Metallproben oder Proteinkristalle von Bessys scharfem Röntgenstrahl durchleuchtet.