BERLIN, im April. Ein ehrlicher Gedanke. "Ich dachte nur: Was für eine Sauerei", hat Victor Mills später einmal gesagt. Gedacht hat er es im Jahr 1956 in einem amerikanischen Kinderzimmer: Mills ist 60 Jahre alt. Er steht am Wickeltisch; im Arm einen schreienden Säugling, um ihn herum Cremedosen, feuchte Tücher und Babypuder. Seine Enkeltochter muss umständlich aus den nassen Stoffwickeln gepellt werden. Eine Schweißperle tropft von der gerümpften Nase des Großvaters. Zwischen spitzen Fingern das feuchte Knäuel, auf der Suche nach frischen Moltontüchern beschließt Mills, dass es etwas Besseres geben müsse: Eine Windel, die sich schnell und unkompliziert wechseln lässt, eine, die man hinterher einfach wegwerfen kann; aus einem Material, das die Flüssigkeit besser aufnimmt und den Babypopo länger trocken hält. Das Kind müsste sich optimal bewegen können, ohne dass dabei etwas ausläuft. Mills ist begeistert. Zurück am Arbeitsplatz beauftragt der Wickelmuffel, damals Direktor der Firma Procter & Gamble, eine Gruppe von Mitarbeitern, sich umgehend um den Entwurf einer praktikablen Einmalwindel zu kümmern. Nach fünf Jahren Pionierarbeit werden im Jahr 1961 unter dem Namen Pampers die ersten industriell gefertigten Einwegwindeln präsentiert.Tückische SchwächenLängst sind Pampers zum Synonym für Einmalwindeln geworden. Die deutschen Wickeltische erreichte die Erfindung aber erst 1973 - vor 30 Jahren. "Der Erfolg war wahnsinnig", sagt Lutz Untermann, Personalmanager im deutschen Windelwerk von Procter & Gamble in Euskirchen nahe Köln. "Wir wussten bald nicht mehr, wie wir die Windeln so schnell und in solchen Mengen nach Europa schaffen sollten." Mit 30 anderen Ingenieuren wurde Untermann Anfang der 70er-Jahre nach Amerika geschickt. Ausgerechnet Männer lernten dort, wie Windeln gemacht wurden, um im Jahr 1976 in Euskirchen das erste Pampers-Werk außerhalb Amerikas aufzubauen.Trotz zahlreicher Konkurrenz zählt Procter & Gamble weiterhin zu den Marktführern unter den Einmalwindeln. Zehn Millionen Höschenwindeln werden heute allein in Euskirchen hergestellt. In fast hundert Ländern der Welt sind Pampers-Windeln derzeit erhältlich.Mit dem Prototyp hat das Einmalhöschen von heute allerdings nicht mehr viel gemein. Was Mills und seine Kollegen im ersten Anlauf entwarfen, war nicht viel mehr als ein rechteckiges Zellstofftuch, das in der Mitte zu einem Saugbereich gerafft, nach außen mit Kunststofffolie isoliert und an den Seiten mit Sicherheitsnadeln zusammengehalten wurde. Die ersten Tests in den Vereinigten Staaten bestand die Pampers in dieser Form nicht. In den Südstaaten der USA wurde es den Babys in der einfachen Zellfaser mit Plastiküberzug ein wenig zu heiß. Und bald mussten die Sicherheitsnadeln an den Seiten durch Klebestreifen ersetzt werden. Von da an wurde die Windel ständig weiterentwickelt. Seit 1980 sorgen Beinbündchen für sichereren Auslaufschutz. 1984 bekam die Pampers einen körpergerechteren Schnitt, 1987 einen verbesserten Saugkern und 1994 wieder verschließbare Klettverschlüsse. Alles "für rundum trockenere und zufriedene Babys" - wie der Werbeslogan verspricht. Von der Bibel bis zu RousseauÜber die Zufriedenheit der Kinder und das Wickeln machten sich vor Pampers-Erfinder Victor Mills schon andere Gedanken. Denn die Windel hat eine lange Tradition. "Und ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt", heißt es etwa in der biblischen Weihnachtsgeschichte. In den von Römern besetzten Gebieten war es damals üblich, den Säugling in ein Leinentuch zu legen und von den Schultern bis zu den Füßen mit Bändern zu umwickeln. An dem Prinzip der römischen Wickelmethode wurde in vielen Ländern bis ins 19. Jahrhundert festgehalten. Lange Zeit glaubte man, dem Baby das nötige Gefühl der Geborgenheit zu geben. Zudem ging man davon aus, dass die Wickelbandagen notwendig seien, um den Kindern eine gerade Haltung anzugewöhnen.Strampelfreiheit genießen Babys in Mitteleuropa daher erst seit dem 20. Jahrhundert. Sie verdanken sie den Engländern. Von den Naturvölkern in den von ihnen eroberten Kolonien hatten die Briten gelernt, dass Säuglinge weder psychische noch physische Schäden davontrugen, wenn man ihnen von Anfang an absolute Bewegungsfreiheit ließ. Sie waren es, welche die Streckverbände schließlich abschafften. Kritische Mahner hatte es aber schon vorher gegeben. "Dort, wo es diese törichten Vorsichtsmaßnahmen nicht gibt, sind alle Menschen groß, stark und wohlproportioniert. In den Ländern, wo die Kinder derart eingewickelt werden, wimmelt es von Buckligen, Hinkenden, X-Beinigen, Unterentwickelten, Rachitischen und Missgestalteten aller Art", hatte bereits Jean-Jacques Rousseau 1767 in seinem Entwicklungsroman "Emile" bemerkt, in dem er die natürliche Erziehung propagierte. Heute sind sich Ärzte darüber einig, dass eine Behinderung des Bewegungsspielraums zu einer Fehlentwicklung des Hüftgelenks führen kann. Bei Procter & Gamble übrigens blickt man nach 30 Jahren Pampers sorgenfrei in die Zukunft. Mehr als 90 Prozent der Babys kommen allein in Deutschland mit einer Einmalwindel in Berührung; vier-, fünfmal am Tag aufs Neue und über einen Zeitraum von durchschnittlich 30 Monaten hinweg. Das ist noch Sauerei genug.Stinkende Müllberge // Die Stoffwindel wurde in Deutschland vor 30 Jahren durch die Einwegwindel ersetzt.Umweltschützer kritisieren die Einmalwindel. Die Gegner von Pampers, Moltex, Fixies und Co. schätzen, dass ein Baby im Lauf seiner Entwicklung eine Tonne Windelmüll produziert.Forscher fanden heraus, dass kein Wickelsystem einen ökologischen Vorteil bietet: Den Müllbergen steht mit der Reinigung von Mehrwegwindeln ein hoher Wasserverbrauch gegenüber.Unabhängig vom Umweltaspekt bevorzugen einige Mütter beim Wickeln bis heute Mehrwegwindeln aus Mull oder Molton.ARCHIV BERLINER VERLAG Beschwerlich: Wickeln in Zeiten der Stoffwindel.BLZ Rundum auslaufsicher