Am 4. Dezember 1971, nachmittags zwischen 17.24 und 17.28 Uhr fielen in der Eisenacher Straße in Schöneberg zwei Schüsse. Einer davon traf den Studenten Georg von Rauch ins Auge. Er war sofort tot. Erschossen von einem Polizisten. So viel steht fest. Ob Rauch oder seine beiden Freunde, die bei ihm waren, Waffen hatten, wie viel uniformierte und Zivilpolizisten beteiligt waren, und wer die insgesamt etwa 25 Schüsse abgegeben hat - all das wurde nie wirklich aufgeklärt. Bei seinem Tod war Georg von Rauch 24 Jahre alt. Er gehörte einer Gruppe an, die sich "umherschweifende Haschrebellen" nannte. Eine politische Gegengruppe zu den dogmatischen kommunistischen Gruppen. In Berlin regierte 1971 die SPD mit absoluter Mehrheit. Der Regierende Bürgermeister hieß Klaus Schütz. Der Name von Georg von Rauch tauchte einen Tag vor seinem Tod auf einer Fahndungsliste auf. Man war auf der Suche nach Mitgliedern der Baader-Meinhof-Bande. Die West-Berliner Polizei startete an diesem 4. Dezember 1971 eine Großfahndung mit dem Titel "Trabrennen". Ob Rauch Mitglied der Baader-Meinhof-Gruppe war, konnte nie nachgewiesen werden. Sein einziges nachweisbares Delikt bestand darin, einen Reporter der "Quick" verprügelt zu haben, der einen Artikel über einen Bombenanschlag aufs KaDeWe geschrieben hatte. Rauch wurde zusammen mit seinem Freund Tommy Weissbecker verurteilt. Bei der Urteilsverkündung kam es zu einem "Verwechslungs-go-out". Weissbecker, der freigesprochen wurde, sollte den Gerichtssaal verlassen dürfen. Statt seiner stand von Rauch auf und ging.Sein Tod hat die West-Berliner Öffentlichkeit lange beschäftigt. Der sozialdemokratische Polizeipräsident Klaus Hübner erwirkte gegen den Verleger Klaus Wagenbach einen Strafbefehl. Wagenbach hatte in seinem "Roten Kalender" unter dem 4. Dezember den Tod von Georg von Rauch "Ermordung" genannt. Otto Schily, heute SPD-Mitglied und Bundesinnenminister, war Wagenbachs Anwalt. Schily nannte den Prozess in seinem Plädoyer einen "politischen Prozess". Wagenbach wurde verurteilt. Vier Tage nach Georg von Rauchs Tod, nach einem Konzert der Gruppe "Ton-Steine-Scherben" besetzten mehrere hundert junge Leute das seit Jahren leer stehende und zum Abriss vorgesehene Krankenhaus Bethanien am Kreuzberger Mariannenplatz. Die Polizei versuchte zu räumen - vergeblich. Die "Scherben" schrieben später in einem Song die Zeile "Der Mariannenplatz war blau, so viel Bullen waren da..." Übrigens: Die spätere Managerin von Ton-Steine-Scherben war Claudia Roth, heute Parteichefin der Grünen. Und das Bethanien steht immer noch. Eines der Häuser ist ein Jugendheim. Es heißt "Georg-von-Rauch-Haus". (bf.)