Es war der Abend des 3. April 1968, als Martin Luther King in Memphis, Tennessee, redete. "Es gibt Gerüchte, daß ein Anschlag auf mich geplant sei", sagte er seinen Zuhörern. "Ich weiß nicht, was geschehen wird. Schwierige Zeiten stehen bevor." Es war seine letzte Rede.Am Morgen danach wurde der 39jährige Baptistenprediger aus Atlanta, Georgia, der Gründer der größten Protestbewegung in der Geschichte der Afroamerikaner, tot auf dem Balkon vor seinem Hotelzimmer aufgefunden. Mit einem Gewehrschuß in den Nacken war King regelrecht hingerichtet worden.Dreißig Jahre später sind die Geschehnisse dieses Apriltages 1968 noch immer nicht restlos aufgeklärt. Zwar war nach dem Attentat James Earl Ray, ein aus einer Anstalt in Missouri entflohener Häftling, festgenommen und der Öffentlichkeit als Mörder präsentiert worden, doch ließ sich die Beweiskette nie schließen. Ray erklärte sich im März 1969 für schuldig, widerrief jedoch drei Tage später sein Geständnis. Sein Anwalt habe ihn zur Falschaussage gedrängt, sagte der Angeklagte damals um für ihn in einer hoffungslosen Lage ein milderes Urteil erwirken zu können. Einige Indizien sprechen dafür, daß unterschiedliche Personen oder Organisationen an dem Attentat beteiligt gewesen sein könnten. Und so sind zahlreiche Verschwörungstheorien bereits unmittelbar nach dem Attentat entstanden. Die Präsentation Rays als Einzeltäter sei, so wollen es einige der Theorien, als Ablenkungsmanöver eingefädelt worden, um Drahtzieher in allerhöchsten Positionen zu decken. Konkrete Beweise für eine mögliche Verschwörung fehlen jedoch noch immer. Und viele der Theorien stützen sich vor allem darauf, daß Regierung, Polizei und Geheimdienst 1968 Grund genug für die Beseitigung des unbequemen Priesters gehabt hätten. Martin Luther King war es, wie keinem anderen Schwarzen vor ihm, innerhalb kürzester Zeit gelungen, eine Gesellschaft in Frage zu stellen, die nach Regeln der Ungleichheit und Rassentrennung funktionierte. Mit den Mitteln des gewaltlosen Widerstandes gelang es ihm und seinen Anhängern, Schranken zu durchbrechen, die bis dahin unüberwindbar schienen. Die Bewegung begann am 1. Dezember 1955 in der Stadt Montgomery im Staate Alabama. Damals machte sich dort die Näherin Rosa Parks auf ihren Weg von der Arbeit nach Hause. Wie gewöhnlich setzte sich Parks auf einen der Sitze im sogenannten "Negerabteil" ihres Busses. Statt sich jedoch zu einer der hinteren Reihen der nur für Schwarze "reservierten" Plätze zu bemühen, hatte sich die 52jährige in der ersten Reihe des Abteils niedergelassen. Als sich der Bus mit weißen Fahrgästen füllte und die Plätze in der ersten Klasse knapp wurden, befahl der Busfahrer Rosa Parks, sie solle ihren Platz räumen und weiter nach hinten rücken. Rosa Parks aber blieb an diesem Tag einfach sitzen. Minuten später wurde sie von der Polizei abgeführt. Der stille Protest der Rosa Parks sprach sich schnell herum. Noch am gleichen Abend versammelten sich Theologen, Ärzte, Lehrer, Gewerkschafter und Anwälte im Keller der Kirche des damals 26jährigen Martin Luther King. Nach der Festnahme der Näherin hatte der bis dahin fast unbekannte Geistliche die Gruppe zusammengerufen, um erstmals ein Komitee gegen die alltägliche Ungerechtigkeit ins Leben zu rufen. Zuerst entwarf die Gruppe ein Flugblatt, das alle afroamerikanischen Mitbürger aufforderte, die Busbetriebe von Montgomery zu boykottieren. Das Resultat war überwältigend. Während die lokalen Verkehrsbetriebe nach der Festnahme von Rosa Parks von Tag zu Tag immer größere Verluste einfuhren, liefen die Schwarzen oft kilometerweit singend und händehaltend zu Fuß. Am 21. Dezember hatte das Aktionskomitee schließlich gesiegt. Der Oberste Gerichtshof in Montgomery hob die Rassentrennung im Verkehrswesen auf, und noch am gleichen Tag setzte sich der Prediger zu weißen Fahrgästen ins Abteil. Die Busgesellschaft hielt ihre Fahrer an, "höflich zu allen Mitfahrenden" zu sein. Martin Luther Kings erster Protest wurde zum Vorbild und Modell für alle künftigen Aktionen der neuen Bürgerrechtsbewegung. Der Erfolg von Montgomery hatte Kings Leidensgefährten im gesamten Land Hoffnung gegeben, und die Idee des gewaltlosen Widerstands breitete sich aus wie ein Lauffeuer. 1958 gründete der Prediger die bis heute einflußreiche "Southern Leadership Conference" mit Sitz in Atlanta, jene Organisation, die die Proteste bündeln und überregionale Aktionen koordinieren sollte.Schon während der ersten Jahre der "Conference" folgten 85 Organisationen aus zehn amerikanischen Bundesstaaten dem Ruf Martin Luther Kings. Oft stand der Prediger an der Spitze der Demonstrationen gegen Rassendiskriminierung in sogenannten "weißen" Restaurants, Hotels, Schwimmbädern, Schulen oder Universitäten. Dort, wo Afroamerikaner für ihr Wahlrecht stritten oder um ihre menschliche Würde rangen, sprach King mit eindringlichen Reden den Anwesenden Zuversicht und Mut zu. Zu seinem wichtigsten öffentlichen Auftritt wurde Kings oft zitierte Ansprache während der großen Washingtoner Demonstration von 1963. "I have a dream", formulierte King damals, "Ich habe einen Traum, der mit dem amerikanischen Traum eng verknüpft ist. Ich habe einen Traum, daß eines Tages die Söhne ehemaliger Sklaven mit den Söhnen der Sklavenbesitzer in den roten Bergen von Georgia gemeinsam am Tisch der Brüderlichkeit sitzen. Ich habe einen Traum, daß eines Tages meine vier Kinder nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilt werden." Trotz unzähliger Gewaltakte, die gegen ihn gerichtet waren, ließ Martin Luther King anders als etwa Malcolm X nie einen Zweifel an seinem Standpunkt der absoluten Gewaltlosigkeit im Kampf um die Bürgerrechte. Seinem Vorbild Mahatma Gandhi entsprechend, reagierte King auf Angriffe ausschließlich mit gewaltigen Worten. Zwei dutzendmal wurde er in Gefängnissen inhaftiert; dreimal flogen Bomben in das Haus seiner Familie; immer wieder wurde er öffentlich bedroht, angespuckt oder geschlagen; einmal stach ihm ein weißer Fanatiker einen Brieföffner zwischen die Rippen. Auch das FBI bedrohte King. 1964, kurz nachdem King der Friedensnobelpreis überreicht worden war, wurde er in einem anonymen Brief aufgefordert, sich umzubringen: "Sie haben genau 34 Tage Zeit, Sie sind am Ende, und das wissen Sie. Sie haben nur einen Ausweg, und den kennen Sie." Heute wird angenommen, daß dieser Brief von Edgar Hoover, dem damaligen Chef der Bundespolizei FBI, persönlich verfaßt wurde. Hoover zählte zu den schärfsten Gegnern des Bürgerrechtlers. Er beschimpfte King öffentlich als "größten Heuchler und Lügner im Land" und beauftragte seine Agenten, ihn "pausenlos" zu überwachen. Darüber hinaus versuchte der FBI-Chef, Vertraute Kings zum Verrat zu zwingen. Martin Luther Kings Familie geht bis heute davon aus, daß Freunde Edgar Hoovers die Untersuchung des Attentats auf King noch immer behindern. Informationen, die die Geschehnisse von 1968 beleuchten könnten, würden zurückgehalten. Die Witwe des Bürgerrechtlers, Coretta Scott King, verlangt einen neuen Prozeß für den Verurteilten James Earl Ray. Kings Sohn Dexter Scott sieht in Ray nur eine Marionette in "einer umfassenden Verschwörung". Die Staatsanwaltschaft in Memphis hat jedoch nach wie vor "keine Zweifel" an Rays Allein-Täterschaft.James Earl Rays Anwalt erhielt kürzlich neue Dokumente von einem ehemaligen FBI-Agenten. Donald Wilson war einer der Ermittler 1968 in Memphis. Die Papiere, die er nun nach 30 Jahren öffentlich machte, will er im Fluchtauto Rays gefunden haben; unter anderem eine Liste von Geldüberweisungen an angeblich an der Verschwörung beteiligte Personen. Die Dokumente habe er damals vor der örtlichen Polizei verborgen, sagt Wilson heute. Nun aber wolle er sein Gewissen erleichtern, da der noch immer inhaftierte Ray mit Leberkrebs im Sterben liegt.Wilsons Äußerungen lösten Spekulationen darüber aus, wieso der damalige FBI-Agent möglicherweise Beweismaterial unterschlagen hat. Eine genaue Analyse der jetzt aufgetauchten Dokumente, so vermutet jedenfalls Kings Familie, würde zeigen, daß Donald Wilson angehalten worden war, die Hintermänner des Anschlags auf den Freiheitskämpfer mit allen Mitteln auch vor der örtlichen Polizei zu decken. 1983 richtete die US-Regierung gegen den scharfen Protest des Senators Jesse Helms und die Bedenken des damaligen Präsidenten Ronald Reagan einen alljährlichen Gedenktag zu Ehren des Bürgerrechtlers Martin Luther King ein. Afroamerikanische Gruppen in den USA erwarten allerdings mehr als ein solches Gedenken. Sie fordern eine zügige Aufklärung des Mordes von 1968. Dies wäre nach ihrer Meinung ein weit deutlicheres Zeichen dafür, daß Martin Luther Kings Vermächtnis von der amerikanischen Regierung ernst genommen wird. Denn obwohl US-Präsident Bill Clinton die Lösung der Rassenproblematik im Land zum Kernthema seiner zweiten Amtszeit erklärt hat, stehen die Schwarzen besonders im Süden der USA noch immer auf der untersten Stufe der hierarchischen Ordnung im Land.Angesichts der Reise Clintons durch Afrika wurden in den USA Stimmen laut, die forderten, der Präsident hätte sich besser in Ghettos der Schwarzen im eigenen Land begeben sollen. Diese Kritiker konnten Martin Luther King zitieren. "Wir haben 340 Jahre auf unsere Rechte gewartet. Die Völker Afrikas und Asiens bewegen sich mit Überschallgeschwindigkeit der politischen Unabhängigkeit entgegen, wir aber kriechen im Schneckentempo darauf zu, an einer Imbißbude auch nur eine Tasse Kaffee serviert zu bekommen", hat er einmal gesagt.