Vor 300 Jahren starb der "Orpheus Britannicus" Henry Purcell, bedeutendster englischer Komponist des Barock: Ein Nachtschwärmer vor der verschlossenen Haustür

Mit den Worten "When I am laid in earth" ("Werd' ich ins Grab gelegt") beginnt die Abschiedsarie der Dido, die Henry Purcell unsterblich gemacht hat. "Remember me, but ah! Forget my fate" - "Gedenket mein, doch vergeßt mein Schicksal" - heißt es weiter in dem bewegenden Klagegesang. 300 Jahre nach Purcells frühem Tod am 21. November 1695 sei erinnert an den bedeutendsten englischen Komponisten des Barockzeitalters, der mit großartiger Erfindungskraft, kühner Harmonik und unübertroffener kontrapunktischer Kunst ein singuläres Werk schuf. Drei Könige Henry Purcell wurde vermutlich zwischen Juni und November 1659 in London geboren. Zunächst als Sängerknabe ausgebildet, folgte er seinem Lehrer John Blow mit nur 21 Jahren in eine der drei Organistenstellen von Westminster Abbey. 1682 wurde er außerdem als Organist an die Königliche Hofkapelle berufen, 1683 zum Hofkomponisten ernannt. Purcell diente bis zu seinem Tod immerhin drei verschiedenen Königen und hinterließ ein umfangreiches Werk, das in Teilen zu Lebzeiten, als Gesamtausgabe in 25 Bänden ab 1878 veröffentlicht wurde.Sein Schaffen umfaßt Instrumentalmusik und vokale, der polyphonen Tradition verhaftete Kirchenmusik, zahlreiche Anthems, höfische Fest- und Prunkmusik sowie Bühnenmusik. Bei letzterer verschrieb er sich vor allem der Gattung "Masque", die ihre Popularität in England dem puritanischen Theaterbann von 1642 verdankte. Für diese Schauspielmusik mit Ouvertüren, Tänzen, zur Laute gesungenen Liedern und madrigalischen Chören orientierte Purcell sich an Vorbildern aus Italien und Frankreich. Doch er gab, genuin englisch, den Chören und Tänzen viel Raum. Vor allem aber gelang es ihm wie keinem anderen, der englischen Sprache eine affektauslösende musikalische Kraft zu entlocken.Eine Sonderstellung gebührt "Dido and Aeneas". Purcell gab hier der Musik nicht nur eine dem Schauspiel gleichrangige Bedeutung, sondern schuf ein Meisterwerk, das als erste durchkomponierte englische Oper in die Geschichte einging. Daß die Uraufführung 1689 an Josias Priest's Schule für höhere Töchter in Chelsea stattfand, war keine Verkennung des Komponisten, sondern eine späte Folge des Theaterverbots: Privatvorstellungen unter Anleitung von Profis waren noch üblich.Mit dem Auftreten von Georg Friedrich Händel in London geriet Purcell weitgehend in Vergessenheit. Erst anläßlich des 200. Todestags kam es Ende des 19. Jahrhunderts zu einer regelrechten Purcell-Renaissance. 1925 gelang durch eine Neuausgabe der nicht im Original erhaltenen "Dido"-Partitur der Durchbruch auf dem Kontinent. Wesentliche Impulse gaben 1951 schließlich die unter Benjamin Britten realisierte Rekonstruktion der nur in Abschriften vorliegenden Urfassung und die Interpretation der Dido durch Kirsten Flagstad. Janet Baker, Teresa Berganza, Irmgard Seefried, Tatiana Troyanos, Jessye Norman, Ann Murray oder Anne-Sofie von Otter setzten die Auseinandersetzung mit der glanzvollen Partie fort."Dido and Aeneas" sowie die fünf Semi-Operas von Purcell liegen in verschiedenen Einspielungen vor, Vorreiter auf Bühnen und in den Aufnahmestudios waren die English Baroque Soloists unter John Eliot Gardiner. In der Spielzeit 1995/96 wird dem Komponisten übrigens auch hierzulande Referenz erwiesen. Zum Saisonende haben vier Häuser Purcell in ihrem Programm: "Dido und Äneas" wird in Gera realisiert, "Die Feenkönigin" in Kiel, "König Arthur" in Stuttgart. Zur Musik von Purcell, Lully und Rameau bereitet außerdem die Komische Oper Berlin das Tanztheater "Sonnenkönig" vor. Der Nachtschwärmer Warum Purcell schon in seinem 37. Lebensjahr sterben mußte, verschweigen die gängigen Nachschlagewerke. Einer Anekdote zufolge ist sein Tod auf eine Erkältung zurückzuführen, die er sich, erhitzt von Wein, in einer rauhen englischen Spätherbstnacht vor der eigenen Haustür zugezogen hat. Er dürfte ein Nachtschwärmer gewesen sein, denn seine Frau soll die Diener angewiesen haben, ihn nach Mitternacht nicht mehr einzulassen. Ob das stimmt, sei dahingestellt. Die Witwe mußte jedenfalls keinen Penny für sein letztes Ruhebett bezahlen: Purcell bekam eine Art Staatsbegräbnis in Westminster Abbey - was die Wertschätzung des Künstlers ebenso trefflich illustriert wie die Tatsache, daß der erste Band einer Sammlung seiner Lieder 1698 unter dem Titel "Orpheus Britannicus" herauskam. +++