Die Jahrhundertwende steht bevor und der Kurfürst blickt neidvoll nach Paris und London. Aufstrebende Universitäten und Akademien, prachtvolle Bauwerke, verleihen dem Ruf der dortigen Herrscher Glanz. Friedrich III., Markgraf von Brandenburg und wegen einer verkrüppelten Schulter der "Schiefe Fritz" genannt, plant deshalb Großes -für sich und für Berlin. Er will nicht nur als Friedrich I. erster König in Preußen werden -die Krönung findet am 18. Januar 1701 statt -er lässt gleichzeitig das eher provinzielle Berlin zur prächtigen Barockstadt ausbauen.Auf Anregung von Gottfried Wilhelm Leibniz gründet er zur Feier der Jahrhundertwende 1700 die Kurfürstlich-Brandenburgische Societät der Wissenschaften. Gleichzeitig soll eine Sternwarte gebaut werden, zu deren erstem Königlichen Astronomen der Noch-Kurfürst Gottfried Kirch beruft. Kirch ist zu diesem Zeitpunkt bereits 60 Jahre alt, ein exzellenter Himmelsbeobachter und astronomischer Rechner, der sein Geld mit der Herausgabe von Kalendern verdient.Dem ständig in Geldnöten steckenden Friedrich ist das willkommen, er stattet die Brandenburgische Societät mit einem Monopol für die Herausgabe von Kalendern aus. Kirch wird fortan die Kalender der Societät zusammenstellen -und daraus als neuer "Astronomo Ordinarius" sein Gehalt von 500 Talern finanzieren. Für Jahrzehnte bleiben die Kalender einzige Einnahmequelle der Societät.Kirch bleiben nach seiner Ernennung gerade noch zehn Lebensjahre vergönnt. Vor 300 Jahren -am 25.Juli 1710 -starb der erste Astronom Berlins. Er war der Erste, der 1680 mit einem Teleskop einen Kometen entdeckt (C/1680 V1 oder Kirchs Komet). Der wird am 29. Dezember 1680 so hell, dass sein prachtvoller Schweif gar am Tag zu sehen ist. Kirch ist auch der erste Mensch, der die Sternhaufen M11 und M 5 durchs Fernrohr sieht. Umfassend studiert er auch das Verhalten des veränderlichen Sterns Chi Cygni im Sternbild Schwan, der alle 404 Tage ein Helligkeitsmaximum zeigt."Heute entdeckt die Wissenschaftsgeschichte diesen Gelehrten neu", sagt der Jenaer Wissenschaftshistoriker Klaus-Dieter Herbst. "Zu den bereits bekannten Facetten des Astronomen und Kalendermachers kommen die des Pietisten und Frühaufklärers hinzu, aber auch die des liebevollen und sich um die Familie sorgenden Ehemannes und Vaters."Geboren im 30-jährigen KriegMitten im Dreißigjährigen Krieg, 1639 in Guben in der brandenburgischen Niederlausitz, geboren, besucht Gottfried Kirch dort das Gymnasium. Als Schulmeister arbeitet er von 1665 an in verschiedenen vogtländischen Orten. Nebenher hört er 1673 -also bereits 34-jährig - die Vorlesungen des berühmten Mathematikprofessors Erhard Weigel an der Universität in Jena. "Von diesem", so berichtet Klaus-Dieter Herbst, "wurde er an den in ganz Europa bekannten Danziger Astronomen Johannes Hevelius als Gehilfe bei Beobachtungen und Berechnungen vermittelt."Die astronomische "Bildungsreise" führt Kirch über Danzig auch nach Königsberg. Von dort schreibt er im April 1675 an seine "hertzlieben ehelichen Haußfrauen" Maria, die mit den beiden Söhnen Gottlieb und Ehrenfried zuhause in Lobenstein auf ihn wartet: "Ich studire zu Königsberg. Ich hatte bey Herrn Hevelchen gar zu viel zu thun ich hätte meine Kalender bey ihm nicht machen können. Über ein Jahr (so Gott will) werde ich gewiß heim kommen."Es dauert kein ganzes Jahr mehr, bis er wieder in Lobenstein eintrifft. Im Jahre 1676 folgt der Umzug in die Universitäts- und Messestadt Leipzig, wo er bis Ende 1692 lebt und als Privatgelehrter erfolgreich wirkt, unter anderem als Autor astronomischer Mitteilungen in der bedeutenden Leipziger Gelehrtenzeitschrift "Acta Eruditorum".Den Unterhalt für seine Familie -es kommen die Kinder Guthmann, Heilmann und Theodora hinzu -sichert er nach wie vor allein durch den Verkauf seiner zahlreichen Kalender. Bereits 1673 bat Kirch um die Entlassung aus dem Schuldienst. Bei den großen Schreibkalendern, die er seit 1666 verfasst, handelt es sich um dünne Heftchen von etwa 32 Blättern. Jeder Kalender ist zweigeteilt in ein Kalendarium und in ein astrologisches Prognostikum. Das Kalendarium beinhaltet vor allem die Monatstafeln (auf den Rückseiten) mit den astrologischen Erwählungen und dem "Gewitter" -das ist eine kurz gefasste Wetterprognose.Die Erwählungen, das sind die vom Aberglauben geprägten astrologischen Deutungen der astronomischen Planetenaspekte, sie liefern Aussagen über günstige Termine, etwa für das Schlagen von Bauholz oder für das medizinische Aderlassen. Aus den Planetenaspekten und den Mondphasen wird langfristig das Wetter prognostiziert.Der zweite Teil bringt für ein Jahr im Voraus die ausführlichen astrologischen Mutmaßungen. Auch hier streut der Kalendermacher nach und nach andere Texte ein. Kirch verfasst zeitweise bis zu 14 verschiedene Kalender pro Jahrgang (nachgewiesen für 1685), die er in verschiedenen Orten drucken lässt, etwa in Erfurt, Leipzig oder Nürnberg. Das Geld, das er dafür von den Verlegern bekommt, reicht aus, um gut zu leben und sich sowohl in Lobenstein als auch später in Guben ein Haus zu kaufen. "Bedenkt man, dass die Auflagenhöhe einer jeden Kalenderreihe bei 3000 bis 5000 Stück lag, dann erreichte Kirch, der seine Kalender auch unter Pseudonymen veröffentlichte und etliche Reihen bereits verstorbener Kalenderautoren fortführte, eine enorme Breitenwirkung", sagt Historiker Herbst.Kirchs Texte atmen zunehmend frühaufklärerischen Geist. "Diesen neuen Geist spürt man etwa dann, wenn die Bedeutung von Erfahrung und Naturbeobachtung als Grundlage für die Prüfung alter, auch auf vermeintlicher Erfahrung beruhender Ansichten und für die Gewinnung neuen Wissens hervorgehoben wird", berichtet Herbst. Kirch habe den Aberglauben als solchen entlarvt und zumindest Teile der Astrologie verworfen. Von Prophezeiungen aus Geburtshoroskopen hielt er nichts, allerdings glaubte er noch an den Einfluss der Gestirne auf das Wetter.Man solle lieber observieren statt prognostizieren, sei Kirchs Grundtenor gewesen, sagt Herbst. "Zur Überwindung des Unwissens als der Basis des Aberglaubens erhob er die Forderung nach Gebrauch der deutschen Muttersprache zur Darstellung gelehrten Wissens." Gottfried Kirch sei einer der ersten Kalendermacher gewesen, der seine Zeitgenossen, die eine durch rund einhundert Jahre entstandene feste Erwartung über die Kalenderinhalte besaßen, aufklären wollten.Brieflichen Kontakt hält Kirch mit den Astronomen in vielen Ländern Europas. Er kann als Knotenpunkt für die Informationsflüsse zwischen den deutschen Astronomen gewürdigt werden.Nach seiner Ernennung als erstes Mitglied der neuen Brandenburgischen Societät der Wissenschaften zu Berlin und als deren Königlicher Astronom erfolgt im Sommer 1700 der Umzug der gesamten Familie nach Berlin -von den Kindern aus erster Ehe mit Maria Lang lebt nur noch Theodora; aus zweiter Ehe mit Maria Margaretha, geborene Winkelmann, kommen Christfried und Christine hinzu, in Berlin werden noch Dorothea Johanna und Margaretha geboren. Dass die Kirchs nicht von Leipzig, sondern von Guben nach Berlin umziehen, liegt an dem 1692 erzwungenen Wegzug aus Leipzig.Um 1690 kommt es in der sächsischen Metropole zu einem erbitterten Streit zwischen orthodoxen Theologen und den Pietisten. Gottfried Kirch und dessen ältester Sohn Gottlieb zählen zu den radikalen Pietisten, was in mehreren überlieferten Briefen zum Ausdruck kommt.Die für ihn dramatisch zugespitzte Lage in Leipzig schildert Kirch Ende 1691 in einem Brief an Gottlieb, der sich gerade im Auftrag des Vaters in Amsterdam aufhält: "Ich werde alhier in Leipzig sehr verfolget. Itzt wollen ein paar Kerlen (ich weiß nicht wer sie seyn) einen Injurien-Proces mit mir anfangen." Er verlässt die Messestadt bald darauf."Als Kirch 70-jährig vor 300 Jahren in Berlin stirbt, ist die geistige Atmosphäre in Deutschland durchdrungen von aufklärerischen Gedanken", resümiert Klaus-Dieter Herbst. "Auch Gottfried Kirch hat -vor allem mit seinen Kalendern -zu dieser Entwicklung beigetragen."Kirchs Frau führt die Herausgabe der Kalender fort. Sohn Christfried tritt 1716 als Leiter der ersten Sternwarte auf dem Marstall im Berliner Stadtviertel Dorotheenstadt (heute Mitte) in die Fußstapfen des Vaters. Die Astronomen ziehen 1835 in die Neue Berliner Sternwarte im heutigen Kreuzberg um, wo 1846 der Planet Neptun entdeckt wird. Weitere Observatorien folgen. Die Arbeiten Kirchs in Berlin werden so zur Keimzelle für die bald führende Rolle der deutschen Astronomie.------------------------------Foto: Gottfried Kirch (unten) wirkte als erster Astronom im Auftrag Friedrich I. in der Berliner Sternwarte.