Dass die Eröffnung des Fernsehturms einmal auf den Tag der Deutschen Einheit fallen würde, hätte Walter Ulbricht gewiss entsetzt. Er war es, der mit dem überlieferten Satz "Nu Genossen, des sieht man ganz genau, da gehört er hin" den Standort für den Turm festlegte. In den fünfziger Jahren hatte man schon einmal anderswo Grundmauern gelegt: auf den Müggelbergen in Köpenick, dort, wo einst das Bismarck-Denkmal stand. Doch den Planern war entgangen, dass der damals 365 Meter hohe Turm die Einflugschneise zum Flughafen Schönefeld unterbrochen hätte. Als man den Fehler bemerkte, waren drei Millionen Ostmark schon verbaut. 1965 begannen die Bauarbeiten an der Panoramastraße am Alex, erzählt unser Stadtführer. Wenn Helmut Marschner vom Fernsehturm spricht, schwingt Besitzerstolz mit. Er kennt den Bau seit 35 Jahren. Wer dort arbeiten wollte, musste auch schwindelfrei klettern können: Gelegentlich waren Außenreparaturen vorzunehmen. Bis zur Pensionierung hat Marschner für den Turm gearbeitet. 28 Leute waren sie einst, jetzt gibt es vier fest Angestellte. Es war am 3. Oktober 1969, als die Ost-Berliner zum ersten Mal von der Aussichtsplattform 203 Meter über ihrer Stadt auch in den Westen blicken konnten. Nur 40 Sekunden brauchten die beiden Lifte bis nach oben. Ein Transportaufzug beliefert das Drehrestaurant in der darüber liegenden Etage. Zur Not kann man auch die 986 Treppen nehmen. Professionelle Turmläufer brauchen dafür knapp fünf Minuten. Die Turm-Kugel misst 32 Meter im Durchmesser und birgt insgesamt sieben Etagen. Nur zwei davon sind öffentlich zugänglich. Darüber und darunter stapelt sich technisches Gerät. Vom oberen Rand der Kugel, direkt unter den Antennen, bietet sich dem Betrachter ein unverstellter Blick, der bis zur Cargo-Lifter-Halle im 75 Kilometer entfernten Brand reicht. Die mit flachen Pyramiden verkleidete Außenhülle hatte dem SED-Politbüro nicht wenige Kopfzerbrechen bereitet: Wenn nämlich die Sonne darauf schien, zeigte sich ein großes Kreuz auf der Kugel. "Die Rache des Papstes" wurde das Phänomen im Westen bespottet. 26 000 Tonnen wiegt allein der Betonschaft des Turms, 4 800 Tonnen die Kugel. Dass das Ganze nicht umstürzt, verdankt der Bau seinen breiten Fundamenten. Deren Schwerpunkt liegt in einer Höhe von 45 Metern. "Der Turm ist stabil wie ein Stehaufmännchen", sagt Marschner. Um Schwingungen zu verringern, brachten die Ingenieure an der Spitze einen Dämpfer an. Der frei baumelnde, schwere Metallring gleicht die Pendelbewegungen des Turms von maximal 60 Zentimetern aus. Das Restaurant, das über eine Million Menschen im Jahr anzieht, war nicht der Grund für den Bau. Ein möglichst hoher Sender war nötig, damit die Richtfunkantennen trotz der Erdkrümmung weite Distanzen überbrücken konnten. Die Telekom, der neue Besitzer, erneuerte nach der Wende die Haustechnik und stockte den Turm weiter auf - auf 368 Meter. 15 Fernsehprogramme werden vom Alexanderplatz ausgestrahlt. ------------------------------FEST ZUM TURM // Mit 42 Millionen Besuchern ist der Fernsehturm an der Panoramastraße ein touristischer Dauerbrenner Berlins. Mit einer großen Feier wird am Wochenende sein 35. Geburtstag begangen.Am Sonnabend und Sonntag findet jeweils von 10 Uhr an zwischen Turm und Bahnhof Alexanderplatz ein Unterhaltungsprogramm statt. Die Berliner Bezirke gratulieren, es gibt Kulinarisches und viel Information. Am Sonnabend um 22 Uhr wird ein Höhenfeuerwerk gezündet.An einer symbolischen "Putzaktion" am Sonnabend um 12 Uhr beteiligen sich Berliner Politiker, Firmenvertreter und Sportler. ------------------------------Grafik: Der Fernsehturm