Vor 40 Jahren stand die Welt am Rande des Abgrunds - die Bewertung der Kubakrise ist immer noch umstritten: Die Tage des Präsidenten

Sommer 1962. Wochenlang hatten Aufklärungsflüge über Kuba wegen schlechten Wetters und aus Angst vor möglichen Abschüssen nicht stattgefunden. Erst am 14. Oktober stieg wieder ein amerikanisches U-2-Spionageflugzeug auf und brachte aus über 20 000 Meter Höhe neue Aufnahmen mit. Die Auswertung von tausenden Fotos durch das National Photographic Interpretation Center am nächsten Tag war für die Amerikaner ein Schock: Bei San Cristobal auf Kuba waren die ersten Abschussanlagen für russische Raketen vom Typ SS-4 installiert worden. Man rechnete damit, dass sie in kurzer Zeit mit atomaren Sprengköpfen ausgerüstet und auf amerikanische Großstädte wie Miami, Atlanta oder auch Washington gerichtet würden. Sicherheitsberater MacGeorge Bundy war sofort klar, dass dies der Beginn einer ernsthaften Krise sein würde. Er beschloss, dem von einer Wahlkampfreise ermüdeten Präsidenten noch eine letzte ruhige Nacht zu gönnen. Um 8:45 Uhr am nächsten Morgen, mit den Fotos unter dem Arm, klopfte er an die Tür von Kennedys Schlafzimmer im Weißen Haus. Drei Stunden später fand eine erste, streng geheime Sondersitzung des Krisenstabes statt. Die Ereignisse während der so genannten "Dreizehn Tage" der Kubakrise im Oktober 1962 brachten die Welt an den nuklearen Abgrund. Dass es nicht zu einem Dritten Weltkrieg kam, lag in den Augen vieler Beobachter an der entschlossenen Haltung John F. Kennedys, seinem verantwortungsvollen Vorgehen und am Einlenken Nikita Chruschtschows, der sich dem amerikanischen Druck gebeugt hatte. Lange galt das Krisenmanagement der US-Regierung während der Kubakrise als Musterbeispiel der Lösung einer internationalen Krise. Es sei Kennedys "feinste Stunde" gewesen. Heute weiß man, dass auf beiden Seiten Fehlinformationen, Fehleinschätzungen und Fehlurteile dominierten. Nach der Öffnung streng geheimer Akten sowie gemeinsamer Konferenzen von Beteiligten aller Seiten kann man die Entwicklung der Krise sehr genau nachzeichnen. Ihre Bewertung ist aber immer noch umstritten. Im Westen dominiert weiterhin die Perspektive der "Dreizehn Tage". Robert Kennedy, damaliger Justizminister und engster Berater seines Bruders, wählte sie als Titel für sein Buch über die Kubakrise. Doch damit verengte er den Konflikt auf die Zeit vom 16. bis 29. Oktober 1961, also von der Entdeckung der Raketenabschussrampen bis zur Lösung der Krise. Die Vorgeschichte, und damit auch ein Großteil der amerikanischen Verantwortung für die Eskalation, wird so ausgeblendet. Im April 1961 hatte Kennedy das vielleicht größte Fiasko der tausend Tage seiner Amtszeit erlebt. Die Invasion der vom amerikanischen Geheimdienst CIA ausgebildeten und finanzierten Exilkubaner in der kubanischen Schweinebucht war kläglich gescheitert. Doch das Ziel, das Regime zu destabilisieren und den verhassten Fidel Castro zu stürzen, hatte weiterhin höchste Priorität im Weißen Haus. Nachdem sich Kuba im Dezember 1961 zum Sozialismus bekannt hatte, drängten die USA die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) zum Ausschluss des Landes und verhängten ein bis heute geltendes Handelsembargo. Schon zuvor waren im Rahmen der geheimen Operation Mongoose Sabotage, paramilitärische Aktionen, die Behinderung des Zuckerhandels, aber auch Attentatsversuche auf Castro durchgeführt worden. Nicht zuletzt auf Grund dieser Tatsachen wurde aus der wirtschaftlichen Unterstützung Kubas durch die Sowjetunion zunehmend auch eine militärische. Ähnlich wie Berlin für die USA, wurde Kuba für die Russen immer mehr zu einem Symbol der Glaubwürdigkeit. Befürchtet wurde vor allem ein erneuter Invasionsversuch der USA. Zwar hatte Kennedy keine Invasion autorisiert, dass eine militärische Intervention für einen erfolgreichen Umsturz in Kuba nötig sein würde, war aber Konsens. Nachdem im Frühjahr bei einem Manöver in der Karibik bereits die Landung von Einheiten der US-Marines geübt worden war, sollte am 20. Oktober 1962 ein groß angelegtes Manöver der US-Streitkräfte in der Nähe von Puerto Rico beginnen, bei dem es um die Befreiung einer fiktiven Republik von der Tyrannei des Diktators "Ortsac" (spiegelverkehrt: "Castro") ging. Das war kaum dazu angetan, die Sorgen im kommunistischen Lager zu schmälern. Im Rückblick räumt selbst der damalige amerikanische Verteidigungsminister Robert McNamara ein, dass die Angst vor einer US-Invasion aus der Sicht der Kubaner und Russen durchaus verständlich gewesen sei. Chruschtschow selbst behauptete mehrfach, der Hauptgrund für die Raketenstationierung "war nur, Amerika davor abzuschrecken, seinerseits einen Krieg anzufangen... Wir wollten die Amerikaner von einer Invasion auf Kuba abhalten." In den letzten Jahren freigegebene russische Dokumente haben diese These, die lange als Schutzbehauptung galt, untermauert. Die Russen hatten bereits mehrere taktische Atomwaffen installiert, die auf Grund ihrer geringen Reichweite tatsächlich nur zur Abwehr einer amerikanischen Invasionsarmee Sinn machten. So sagten sie zumindest zum Teil die Wahrheit, wenn sie von "defensiven" Waffen sprachen, die an Kuba geliefert würden. Die Idee zur Stationierung von Atomraketen auf Kuba war Chruschtschow nach eigenen Angaben während eines Besuchs in Bulgarien im Mai 1962 gekommen. Nicht weit von hier, in der Türkei, hatten die Amerikaner im Vorjahr 15 Jupiter-Atomraketen stationiert. Sie waren in der Lage, Moskau zu treffen. Da die Amerikaner ihre Raketen vor der sowjetischen Haustür aufgestellt hatten, würden russische Raketen auf Kuba nichts Anderes bedeuten als den USA "ein bisschen von ihrer eigenen Medizin zu verabreichen", so Chruschtschow. Doch es gab weitere Motive. Der russische Parteiführer stand im Frühsommer 1962 unter innenpolitischem Druck. Die "Lösung" der Berlinfrage durch den Mauerbau hatte dem internationalen Ansehen der Sowjetunion geschadet. China stellte die Führungsstellung Russlands im kommunistischen Lager in Frage. Das militärische Gleichgewicht verschob sich immer mehr zu Gunsten der USA, und ein rückläufiges Wirtschaftswachstum schuf weitere Probleme. Chruschtschow brauchte dringend einen spektakulären Erfolg, "um die drängendsten Probleme der sowjetischen Außenpolitik mit einem kühnen Streich zu lösen", wie es der amerikanische Sowjethistoriker Adam B. Ulam beschrieb. Die Amerikaner vermuteten außerdem, dass Chruschtschow mit dem Trumpf "Raketen auf Kuba" die Karten in Berlin neu mischen und Verhandlungen erzwingen wollte. Nach der geheimen Stationierung und den Kongresswahlen in den USA am 6. November wollte Chruschtschow den Coup spektakulär verkünden und so wieder die Initiative gegenüber den USA und China gewinnen. Er unterlag dabei der beinahe fatalen Fehleinschätzung, dass die Waffenlieferungen bis dahin unentdeckt bleiben und Kennedy sie hinnehmen würde. Im Mai und Juni 1962 stimmte der Oberste Sowjet den Plänen zu. Bald danach begann die Lieferung von IL-28-Bombern, von Luftabwehrraketen und -geschützen sowie von Raketen des Typs SS-4 und SS-5. Mit Reichweiten von 1 500 bzw. 3 500 km konnten sie große Teile der USA treffen. Außerdem sollten mehr als 40 000 Soldaten die Karibikinsel schützen. Die umfangreichen Waffenlieferungen blieben den Amerikanern nicht verborgen. Kennedys Berater glaubten zwar nicht, dass die Russen ausgerechnet auf Kuba erstmals offensive Atomwaffen außerhalb ihres eigenen Territoriums stationieren würden. Dennoch erließ der Präsident Ende August eine streng geheime Order, für den Fall einer solchen Stationierung diplomatische wie militärische Gegenmaßnahmen bis hin zu einer Invasion Kubas zu erarbeiten. Republikanische Abgeordnete, die Kuba zum Thema der anstehenden Kongresswahlen machen wollten, drängten Kennedy, militärisch aktiv zu werden. Mitte September beschloss der Senat einen Militäreinsatz gegen Kuba, falls die Insel zu einer für die Vereinigten Staaten bedrohlichen Militärbasis ausgebaut würde. Der Präsident selbst warnte die Sowjetunion im September mehrfach öffentlich, "offensive" Waffen nach Kuba zu liefern. Dies würden die USA nicht dulden. Die Russen wiesen diese Vorwürfe zurück und versprachen, vor den Wahlen keine außenpolitische Krise zu provozieren. Als der Republikanische Senator Keating am 10. Oktober behauptete, dass in Kuba bereits sowjetische Mittelstreckenraketen installiert worden seien, wurde dies von der Kennedy-Administration noch öffentlich dementiert. Wenige Tage später lagen allerdings Beweise dafür vor. Im amerikanischen Krisenstab, dem Executive Committee des Nationalen Sicherheitsrats, später kurz "ExComm" genannt, herrschte schnell Einigkeit darüber, dass die Raketen nicht auf Kuba bleiben dürften. Zwar hatte sich die strategische Balance nicht wirklich verändert, wie auch Verteidigungsminister McNamara einräumte, aber die symbolische und psychologische Bedeutung russischer Atomraketen nur 150 Kilometer vor der amerikanischen Küste war aus Sicht des Krisenstabes fatal. Außerdem hatte sich der Präsident in der Öffentlichkeit zuvor eindeutig festgelegt.Eine diplomatische Lösung wurde auf Grund der geringen Erfolgschancen ausgeschlossen. Verhandlungen hätten den weiteren Aufbau russischer Raketen nicht gestoppt. Gegen einen zu Beginn favorisierten "chirurgischen" Luftangriff sprach, dass die Ausschaltung aller sowjetischen Raketen kaum möglich war. Wie bei einer Invasion Kubas, die von den Stabschefs gefordert wurde, wären viele sowjetische Soldaten gestorben. Das hätte nach Meinung der ExComm-Mehrheit zu Vergeltungsschlägen der Sowjetunion in Berlin oder der Türkei geführt. Seit einigen Jahren ist klar, dass eine solche Invasion verheerende Folgen gehabt hätte, denn es befanden sich weit mehr russische Soldaten auf Kuba als von den Amerikanern geschätzt, und die taktischen Atomwaffen wären möglicherweise zum Einsatz gekommen. Kennedy entschied sich schließlich für eine begrenzte Seeblockade. Gleichzeitig wurden Vorbereitungen für weitergehende militärische Aktionen eingeleitet. Durch die Blockade sollte verhindert werden, dass weitere russische Frachtschiffe mit Waffenlieferungen kubanische Häfen anliefen. Mit dieser Maßnahme konnten die Vereinigten Staaten Entschlossenheit demonstrieren, gleichzeitig aber Moskau eine Rückzugsmöglichkeit geben, ohne dass es wie eine öffentliche Demütigung aussah. Doch auch diese Variante barg Risiken. Das Heft des Handelns, und damit die Entscheidung über Krieg oder Frieden, lag nun in Chruschtschows Händen. Würde er die amerikanische Drohung ernst nehmen und den Schiffen den Befehl zum Abdrehen geben? Erst am Montag, dem 22. Oktober, erfuhr die Welt von der Raketenstationierung, und erst mit diesem Datum begann die eigentliche Kubakrise. Kennedy hatte am Wochenende persönlich auf Zeitungen wie die New York Times eingewirkt, aus Gründen der nationalen Sicherheit von möglichen Berichten über die russischen Raketen abzusehen. In einer live um 19.00 Uhr Ortszeit vom Fernsehen ausgestrahlten siebzehnminütigen Ansprache an die Nation klagte Kennedy die Sowjetunion an, entgegen ihren Verlautbarungen offensive Waffen auf Kuba stationiert zu haben. Mit ernster Miene bezeichnete der Präsident die sowjetischen Handlungen als "heimtückische, rücksichtslose und provokative Bedrohung des Weltfriedens und der stabilen Beziehungen zwischen unseren beiden Nationen". Sollten von Kuba aus Raketen abgeschossen werden, würden die USA das als Angriff der Sowjetunion auf die Vereinigten Staaten betrachten und mit ganzer Härte Vergeltung üben. Gleichzeitig kündigte Kennedy die Einrichtung einer "defensiven Quarantäne" an, wie die Seeblockade, laut internationalem Recht eine Kriegshandlung, genannt werden sollte. Etwa 180 Schiffe der Marine starteten in die Karibik. B-52-Staffeln mit Atombomben wurden in Alarmbereitschaft versetzt. In Florida wurde eine Invasionsarmee zusammengezogen.Der Krisenstab hatte diese Form der Verkündigung gewählt, um die Weltmeinung hinter sich zu bringen und um ein sowjetisches Ultimatum zu verhindern. Zum Teil erst wenige Stunden zuvor waren das Kabinett, wichtige Kongressführer und befreundete Regierungen über den Inhalt der bevorstehenden Erklärung Kennedys in Kenntnis gesetzt worden. Auch die Russen hatten eine Kopie der Rede mit der zusätzlichen Warnung erhalten, die Blockade sei nur eine erste minimale Antwort. Die OAS stellte sich am nächsten Tag einmütig hinter die US-Regierung. Erst jetzt unterschrieb Kennedy die entsprechende Blockadeanordnung. Die Reaktion der sowjetischen Regierung war erwartungsgemäß scharf. Man sprach von beispiellosen Aggressionshandlungen, von einem Piratenakt, und dass die USA die Welt an den Rand eines Atomkrieges brächten. Die Blockade begann am 24. Oktober um 10 Uhr morgens Ortszeit. Wenige Stunden zuvor hatte der mit Nuklearsprengköpfen beladene Frachter Aleksandrowsk die Linie überquert und steuerte nun auf den sicheren Hafen La Isabela zu. Bereits kurz nach Beginn der Blockade kam es zu einem ersten Zusammentreffen mit einigen der knapp 30 russischen Schiffe, die sich auf dem Weg nach Kuba befanden. Nun konnte sich rächen, dass die US-Regierung, statt diplomatische Anstrengungen zu unternehmen, die Russen vor die Alternative Krieg oder Zurückweichen gestellt hatte. Als dann gegen 10.25 Uhr die Meldung kam, dass die Frachtschiffe abdrehten, um eine Konfrontation mit der US-Navy zu verhindern, war die Erleichterung groß. Man habe sich Auge in Auge gegenübergestanden, und der Gegner habe zuerst mit der Wimper gezuckt, triumphierte Außenminister Dean Rusk. Tatsächlich hatte Chruschtschow zu diesem Zeitpunkt schon eingesehen, dass sein Plan nicht aufgegangen war und er zurückweichen musste. Doch die Krise war noch längst nicht beendet, und die Raketenstationierung wurde beschleunigt fortgesetzt. Am Abend des 26. Oktober traf in Washington ein Schreiben Chruschtschows ein, in dem er für den Fall eines amerikanischen Versprechens, nicht in Kuba zu intervenieren, den Abzug der Atomwaffen zusicherte. Kurz nachdem der Krisenstab am nächsten Morgen seine Beratungen über eine Reaktion auf Chruschtschows Angebot aufgenommen hatte, meldete Radio Moskau gleichzeitig mit dem Eintreffen eines zweiten Chruschtschow-Briefes, dass nun zusätzlich der Abzug der amerikanischen Raketen aus der Türkei als Gegenleistung verlangt wurde. Im ExComm vermutete man auch wegen des verschiedenen Stils der Briefe, dass der erste von Chruschtschow persönlich geschrieben, der zweite Brief jedoch von anderen sowjetischen Regierungsstellen autorisiert worden war. Es wurde sogar über einen Machtkampf innerhalb der Kremlführung spekuliert. In Wirklichkeit waren beide im Konsens abgeschickt worden. Chruschtschow blieb zuversichtlich, eine Verhandlungslösung zu finden. Er war einer der wenigen, die bezweifelten, dass Kennedy einen Angriff auf Kuba befehlen würde. Die Frage des Raketendeals war von Beginn an in Washington diskutiert worden. Doch der amerikanische Uno-Botschafter Adlai Stevenson war für diesen Vorschlag noch heftig angegriffen worden. Am 25. Oktober hatte auch der einflussreiche Washington-Post-Kolumnist Walter Lippmann einen solchen Handel vorgeschlagen. Anders als sein Bruder Robert später behauptete, hatte John F. Kennedy im Oktober 1962 noch nicht den Abzug der Jupiter-Raketen befohlen, die erst kurz zuvor einsatzbereit gemacht worden waren. Der Präsident befürchtete, dass ein Raketendeal wie ein öffentliches Eingeständnis ausgesehen hätte, dass die amerikanischen Raketen in der Türkei dasselbe waren wie russische Raketen auf Kuba. Weiterhin hätte ein Abzug der Raketen die Beziehungen mit der Türkei belastet, die Nato geschwächt und heftige Kritik im eigenen Land hervorgerufen.Das Dilemma, in dem sich der Krisenstab an diesem 27. Oktober befand, wurde durch zwei schwer wiegende Zwischenfälle mit U-2-Aufklärungsflugzeugen noch vergrößert. Eine Maschine war über Kuba von einer russischen Rakete abgeschossen worden. Im ExComm deutete man das als eine gezielte Provokation. Doch angesteckt von der Panik der Kubaner, die jeden Moment mit einem US-Angriff rechneten, hatten russische Kommandeure vor Ort eigenständig gehandelt; zum Missfallen der Führung in Moskau. Die Zeichen standen wieder auf Krieg, denn für diesen Fall war bereits beschlossen worden, als Vergeltung eine Raketenabschussbasis auf Kuba anzugreifen. Präsident Kennedy stoppte jedoch gegen den Protest der Luftwaffe die Vorbereitungen für einen Gegenschlag. Am Nachmittag kam dann die Nachricht, dass eine andere U-2 fälschlicherweise die östliche Sowjetunion überflogen und gegen aufsteigende sowjetische Abfangjäger die Hilfe amerikanischer Kampfflugzeuge aus Alaska erhalten hatte. Glücklicherweise war es zu keinen Kampfhandlungen gekommen. Das Augenmerk richtete sich schließlich wieder auf den zweiten Chruschtschow-Brief. Robert Kennedy griff einen ebenso simplen wie klugen Vorschlag auf, der bereits mehrfach angedeutet worden war und ein Schlüssel zur Lösung wurde: Man solle den ersten Vorschlag Chruschtschows annehmen, den zweiten Brief mit der Forderung des Raketendeals jedoch schlicht ignorieren. Die USA würden offiziell erklären, nicht in Kuba zu intervenieren und die "Quarantäne" aufheben. Präsident Kennedy befürwortete diese Vorgehensweise. Für den Fall einer Ablehnung aus Moskau wurde aber alles für eine baldige Invasion Kubas vorbereitet. Nur wenige ExComm-Mitglieder waren eingeweiht, dass sich Robert Kennedy am Abend des 27. Oktober mit Dobrynin traf. In einem mit dem Präsidenten abgestimmten Geheimdeal versicherte der amerikanische Justizminister dem russischen Botschafter, dass die USA nach einem Abzug der sowjetischen Raketen aus Kuba ihre eigenen Jupiter-Raketen aus der Türkei abziehen würden. Falls Moskau dies aber öffentlich mache, werde der Präsident die Abmachung abstreiten und das Angebot zurückziehen. Die Sowjetunion müsse diesem Vorschlag möglichst bald zustimmen, denn die Zeit dränge. Dobrynin meldete sogar nach Moskau, Kennedy habe angedeutet, dass die amerikanischen Generäle nicht mehr lange von einem Militärschlag gegen Kuba abgehalten werden könnten.Am 29. Oktober um 9 Uhr morgens traf Chruschtschows positive Antwort im Weißen Haus ein. Auf Grund der Dringlichkeit und der Tatsache, dass die Übermittlung samt Übersetzung der Briefe oft einen halben Tag gebraucht hatte, wurde sie zeitgleich über Radio Moskau verlesen. Mit seinem Einlenken brachte Chruschtschow die Krise zu einem friedlichen Ende. Auch ihm war immer deutlicher geworden, dass die Situation jederzeit außer Kontrolle geraten konnte. Deshalb wäre er sogar bereit gewesen, das Angebot aus Washington auch ohne den geheimen Raketentauschhandel anzunehmen. Am 20. November beendeten die USA die Blockade Kubas.Chruschtschow selbst sah sich als Gewinner, denn er habe das sozialistische Kuba verteidigt: "Die Karibische Krise war ein Triumph der sowjetischen Außenpolitik und ein persönlicher Triumph in meiner Laufbahn als Staatsmann und als Mitglied der kollektiven Führung." Mit dieser Bewertung stand er nicht nur innerhalb der von ihm angesprochenen Führung fast alleine. Castro war wütend, weil er nicht konsultiert worden war, und beschuldigte ihn, sich nicht als "Mann" gezeigt zu haben. Im Oktober 1964 wurde Chruschtschow seines Amtes enthoben. Der Ausgang der Kubakrise hatte seinen Niedergang eingeleitet. Doch obwohl das seine Position hätte stärken können, hielt sich Chruschtschow an die Absprache mit den Kennedys und machte den Raketendeal nie öffentlich. Auf amerikanischer Seite wurde dieser geheime Deal bis Ende der achtziger Jahre offiziell abgestritten. Der wahre "Sieger" der Kubakrise, darin waren sich fast alle Kommentatoren auf beiden Seiten des Atlantiks einig, war John F. Kennedy, auch wenn manch konservativer Kritiker die Tatsache, dass Castro immer noch Machthaber in Kuba war, als eine Niederlage der USA empfand. Gelobt wurde vor allem das Krisenmanagement des US-Präsidenten. Im Rückblick relativiert sich dieses Bild allerdings. Bis zum Bekanntwerden des geheimen Raketendeals schien es, als hätten die Amerikaner alle diplomatischen Lösungsmöglichkeiten abgeblockt. Die bewusst inszenierte Bekanntgabe der Seeblockade hatte die Situation extrem verschärft. Vermittlungsversuche, wie sie etwa von Uno-Generalsekretär U Thant angeboten wurden, wies der US-Präsident zurück. Kennedy fühlte sich nicht nur von Chruschtschow getäuscht, sondern wollte nach dem Debakel der Schweinebucht Härte demonstrieren. Sein strikter Antikommunismus und seine Obsession, Castro zu stürzen, taten ein Übriges. Weder Kennedy noch sein Krisenstab waren immer Herr der Lage oder hatten die volle Kontrolle über die eigenen Streitkräfte. Es gab eine ganze Reihe von Zwischenfällen, die jeder für sich zu einem Krieg hätten führen können. Die US-Marine missachtete wiederholt die Order von Verteidigungsminister McNamara und zwang sowjetische U-Boote zum Auftauchen. Auch bei der Air Force wurden Befehle der politischen Führung unterlaufen. Weitere böse Überraschungen wie im Fall der U-2-Maschinen hätten durch die Sabotageaktionen im Rahmen der Operation Mongoose kommen können, die am 26. Oktober endlich gestoppt wurden. Auch die große Übung in der Karibik zum Sturz von "Ortsac" wurde erst während der Kubakrise abgebrochen.In den USA hatte die Krise eine gewisse Entfremdung zwischen Zivilisten im Pentagon und im Außenministerium und den Militärs zur Folge. Eine zivile Kontrolle der Armee erschien äußerst wichtig. Präsident Kennedy und McNamara waren mehrfach entsetzt über Planspiele der militärischen Mitglieder des Krisenstabes, die immer wieder Angriffe auf Kuba forderten und auch weitergehende Kriegsszenarien nicht ausschließen wollten. Luftwaffenchef General Curtis LeMay plädierte selbst nach Chruschtschows Einlenken dafür, mit der Invasion Kubas zu beginnen. Die Amerikaner waren nicht unschuldig an der Entstehung der Krise und bei ihrer gefährlichen Eskalation. Nicht nur deshalb kann man feststellen: Kennedy war kein guter Krisenvermeider, aber ihm gebührt Lob als Krisenlöser. Doch was wäre geschehen, wenn Chruschtschow das Angebot aus Washington abgelehnt hätte? 25 Jahre nach den Ereignissen berichtete Kennedys Außenminister Rusk von einem geheimen Brief des Präsidenten an den Uno-Generalsekretär. Für den Fall des Scheiterns des Geheimdeals bat er U Thant, den Raketenhandel als eigenen Vorschlag einzubringen. Kennedy wäre notfalls also bereit gewesen, öffentlich das Tauschgeschäft einzugehen, um einen Krieg zu verhindern. Die anfälligen und militärisch unnötigen Jupiter-Raketen waren es ihm nicht wert, das Schicksal der Menschheit aufs Spiel zu setzen. Kennedy wie Chruschtschow hatten in letzter Minute erkannt, dass es bei einem Krieg zwei Verlierer geben würde. Beide zogen ihre Lehren daraus. Im Sommer 1963 unterzeichneten sie ein Abkommen über den Stopp überirdischer Kernwaffentests, das Kennedy besonders am Herzen lag. Außerdem wurde eine schnelle Telegrafenverbindung, die so genannte "hot line", zwischen Moskau und Washington eingerichtet. Die Kubakrise war der gefährliche Höhepunkt des Kalten Krieges. Ihr glücklicher Ausgang bereitete den Nährboden für erste zarte Pflänzchen der Entspannungspolitik.Dr. Andreas Etges lehrt amerikanische Geschichte am John-F.-Kennedy-Institut der Freien Universität Berlin. Er bereitet zurzeit eine Kennedy-Ausstellung am Deutschen Historischen Museum vor. Im Juni 2003 erscheint in der Reihe "portrait" des dtv-Verlags seine John-F.-Kennedy-Biografie.Ähnlich wie Berlin für die USA, wurde Kuba für die Russen immer mehr zu einem Symbol der Glaubwürdigkeit.Die Amerikaner waren nicht unschuldig an der Entstehung der Krise und ihrer gefährlichen Eskalation.Seit einigen Jahren ist klar, dass eine Invasion Kubas durch die Amerikaner verheerende Folgen gehabt hätte.Foto: APKein guter Krisenvermeider, aber ein guter Krisenlöser: US-Präsident John F. Kennedy im Oktober 1962 vor dem Weißen Haus.