Für Athanasius Kircher würde heute vermutlich kein Wissenschaftsfonds mehr Geld lockermachen. Der Jesuit, geboren vor vierhundert Jahren in der Nähe von Fulda, war mit seiner universalen Neugier ein Avantgardist seiner Epoche, die ihn für seine Fähigkeiten ehrte wie kaum einen anderen Gelehrten. Der Palazzo Venezia in Rom hat nun, ein Jahr vor dem runden Geburtstag, dem Vielseitigen eine breit angelegte Schau gewidmet. Sie zeigt Auszüge von dem, was unter dem Namen Museum Kircherianum einst das Collegio Romano, den Hauptsitz des Jesuitenordens schmückte. Das Collegio Romano war im 17. Jahrhundert das wichtigste Machtzentrum im päpstlichen Rom, der junge Orden des Ignatius von Loyola machtvoll am Werk, die Reformation in Europa mit allen Mitteln zurückzudrängen. Der abweisende Ziegelbau zeugt noch von der asketischen Kraft, die den Orden damals in alle Welt getrieben hatte. Dass Kircher überhaupt in Rom gelandet war, ist einem Seesturm zu verdanken. Eigentlich hätte der in jungen Jahren in Frankreich wirkende Jesuit, Mathematiker und Orientalist 1633 dem Astronomen Johannes Kepler am Wiener Hof nachfolgen sollen. Wegen des Dreißigjährigen Krieges wagte er jedoch nicht den Landweg. Der Sturm trieb sein Schiff nach Civitavecchia nahe Rom. Ein schicksalhafter Umweg - Kircher sollte Rom nicht mehr verlassen. Erst unterrichtete er am Collegio Mathematik, ehe er seine universalen Studien fortsetzte. Dass Kircher 1651 das bald nach ihm benannte Museum gründete, war auch eine Folge akuten Platzmangels. Der Orden war über hundert Jahre alt, hatte Stiftungen erhalten und der Besitz musste systematisiert und Interessenten zugänglich gemacht werden. Zudem strömten aus den Missionsgebieten im Orient und in Amerika stetig neue Sammlungsstücke ein, Landkarten, religiöse Kunst, Bücher und Berichte der Jesuiten, die mit Kircher in regem Kontakt standen. Kirchers Neugier kannte keine Grenzen. Der Sprachbegabte gilt als Vater der Ägyptologie, der Orientalistik, der Mikroskopie, die er erstmals auf Blutuntersuchungen anwandte, und der Vulkanologie. Er ließ als Erster die Meeresströmungen auf Landkarten festhalten. Ein Vorläufer heutiger Rechenmaschinen steht im Palazzo Venezia neben Rekonstruktionen zahlreicher Maschinen, die dem Jesuiten eingefallen waren. Umstritten ist, ob Kircher die Laterna magica erfunden hat, einen Vorläufer des Kinos. Für sein sechssprachiges, komplexes Text-Verschlüsselungsprogramm werden sich Generäle und Staatskanzleien heute kaum noch interessieren. Sein Versuch, die Hieroglyphen an den römischen Obelisken zu entziffern, führte ihn auf Abwege. Beeindruckend ist vor allem die unglaubliche Arbeitsleistung und Vielseitigkeit des Mannes, weniger die Detailergebnisse seiner Forschungen. Bleibende Spuren hinterließ seine Zusammenarbeit mit Gianlorenzo Bernini. Kircher hatte den Bildhauer bei der Auswahl der Tiere für den Vierströmebrunnen auf der Piazza Navona beraten und Bernini hielt sich bei der Renovierung an die Ratschläge des Deutschen. Besondere Affinität zeigte Kircher von Jugend an zur Musik. Lange bevor es im 19. Jahrhundert Mode wurde, sammelte er Volksmusik. So ließ er die Tarantella Süditaliens transkribieren. Seine musiktheoretischen Abhandlungen Musurgia und Phonurgia gelten als frühe Standardwerke der Musikwissenschaft. Seine Theorie der Affekte in der Musik lag damals jedoch offenbar in der Luft. Noch bevor er sein Werk publizieren konnte, erschien in Nürnberg Georg Philipp Harsdörfers Werk "Frauenzimmer-Gesprächspiele", das bereits Kategorisierungen der Tonarten versuchte. Schon mit dem Tod Kirchers 1680 entsprach sein "Museum der Welt" - so der Titel der Ausstellung - nicht mehr dem Zeitgeist. Die Sammlung wurden umgestaltet und unseren Vorstellungen von Systematik angenähert, die Zerschlagung begann im 18. Jahrhundert, 1773 wurde der Kampf-Orden des Papstes auch im Kirchenstaat aufgehoben, das Museum zum ersten Mal ausgeweidet. Die Kunstsammlung Kirchers landet in den Vatikanischen Museen, der Rest bleibt vorerst, wo er war. Die Schau in Rom zeigt in 300 Stücken, wie Kircher sich das Universum vorgestellt hatte. Sie führt in eine Welt, in der Wissenschaft von esoterischem Wissen und sogar Magie nicht sauber getrennt war und in der ein ästhetischer Gesamtentwurf der Welt wichtiger schien als Detailgenauigkeit. Dass die Ausstellung nicht in Deutschland zu sehen sein soll, ist angesichts der schillernden Persönlichkeit des Jubilars einigermaßen erstaunlich.Rom, Museo del Mondo im Palazzo Venezia, bis 22. April 2001.