LUCENS. Vor dem Hotel de la Couronne sind alle Außentische besetzt. Am bislang schönsten Tag des Jahres will niemand einen Sonnenstrahl verpassen. Düster sind dagegen die Gespräche. Auch in Lucens am Fuß der Alpen, 25 Kilometer vom Genfer See und mehr als 9000 Kilometer von Japan entfernt, gibt es beim Mittagessen nur ein Thema: das Atomunglück in Fukushima. "Das ist schrecklich", sagt Alain, ein Malermeister, der mit seinen beiden Gesellen an einem Tisch sitzt. Die Lage sei so verworren, dass es schwer sei, sich ein Bild zu machen. Sicher ist Alain sich nur bei einem: "Bei uns in der Schweiz kann ein solcher Atomunfall nicht passieren." Die Gesellen nicken zustimmend.Viele in der Schweiz denken so wie die drei Maler. Vor vier Wochen erst haben die Bürger in einem Volksentscheid mit knapper Mehrheit die Modernisierung des in den Sechzigerjahren gebauten AKW in Mühleberg bei Bern beschlossen. Für 2013 ist eine weitere Abstimmung geplant, dann soll es um den Neubau von bis zu drei Reaktoren gehen. Die ressourcenarme Schweiz sei auf die Atomkraft angewiesen, sagt Roland Bilang, der Geschäftsführer der Lobbygruppe Nuklearforum Schweiz. "Die Bevölkerung hat Vertrauen in die Anlagen in der Schweiz, und ich bin zuversichtlich, dass es durch die Ereignisse in Japan nicht erschüttert wird."Seine Zuversicht wäre vermutlich geringer, wenn seine Landsleute etwas mehr wüssten über die Geschichte der Kernkraft in ihrem Land. Doch die allerwenigsten Schweizer können sich an das Unglück erinnern, das sich vor 42 Jahren in Lucens ereignete. Auch die drei Männer von der Malerbrigade zucken nur mit den Schultern. Dass ihr Heimatort damals bei einem GAU in einem Versuchsreaktor beinahe verstrahlt worden wäre, ist den drei Männern vor dem Hotel de la Couronne in keiner Weise bewusst.Ein Tunnel im FelsVertreter der Stadt lehnen es ab, sich zu den damaligen Ereignissen zu äußern. Niemand im Rathaus will sprechen über das Unglück, das die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) als eines der bislang schwersten in der Geschichte der zivilen Atomkraftnutzung bewertet: Auf der 7-Stufen-Skala der IAEA steht das Unglück von Lucens auf Stufe 4 bis 5.In dem Gebäude, in dem der Kanton Waadt heute ein Kulturgüterdepot betreibt, befanden sich in den Sechzigerjahren die Überwachungszentrale des Versuchsatomkraftwerks Lucens und auch der Einstieg in die unterirdische Anlage. Vor dem umzäunten Flachbau an der Hauptstraße nach Lausanne erinnert nur ein Schild mit der kryptischen Buchstabenkombination "DABC" an den Versuch, hier ein AKW made in Switzerland zu bauen. Von der unscheinbaren Zentrale aus wurde von 1961 an ein hundert Meter langer Tunnel in den Fels geschlagen, mitten hinein in den Berg, auf dem das stolze Schloss von Lucens thront. In einer Kaverne bauten Schweizer Kerntechniker einen Schwerwasserreaktor, der zunächst acht Megawatt Strom produzieren sollte.Der Bau war von Anfang an umstritten. Schon in den Sechzigerjahren galt die Technologie des Reaktors als veraltet, dazu kamen Probleme beim Bau. Von den Schweizer Politikern wurde der Bau aber selbst dann noch vorangetrieben, als die Energiekonzerne bereits Atomkraftwerke aus den USA geordert hatten.Rettung mit knapper NotAm 21. Januar 1969 kam es dann zur Katastrophe. Als das Kraftwerk nach einer Pause wieder angefahren wurde, war durch eine defekte Dichtung Wasser in den Kühlkreis des Reaktors eingedrungen und hatte die Umhüllungsrohre der Kernbrennstäbe durchgerostet. Mehrere Brennelemente konnten nicht mehr gekühlt werden. Einer der Brennstäbe schmolz. Der GAU war eingetreten.Die geschmolzene Masse trat in das Kühlwasser aus, was zu einer Explosion der Außenhülle führte. Gas und Wasser gelangten in die mit Beton verstärkte Kaverne, die kurz darauf verschlossen wurde. Die Mitarbeiter hatten sich nur knapp retten können. Ein erst zehn Jahre später veröffentlichter Untersuchungsbericht konstatierte, die Stadt Lucens sei nur knapp einer Katastrophe entgangen - vor allem dank der Tatsache, dass der Reaktor im Fels errichtet worden sei."Ich hatte damals kleine Kinder. Als ich von dem Unglück hörte, hatte ich natürlich Angst", erinnert sich Agnes Herault, die ihr ganzes Leben in Lucens verbracht hat. "Meine Nachbarn und ich haben irgendwann angefangen, weiter zu leben wie zuvor."Es dauerte vier Jahre, bis die Aufräumarbeiten im Berg vorbei waren. 250 versiegelte Fässer mit radioaktivem Material wurden aus dem Stollen herausgeholt. "Im Dorf war immer wieder die Rede von den Menschen in Schutzanzügen, die in der Anlage arbeiteten. Aber wie schwer das Unglück wirklich gewesen ist, habe ich erst zehn Jahre später begriffen", sagt Agnes Herault, die mittlerweile mehrfache Großmutter ist. Dass die junge Generation sich an das Unglück nicht mehr erinnert, wundert die weißhaarige Frau nicht. "Das ist doch von Anfang an totgeschwiegen worden."Nach dem GAU in Lucens gab die Schweiz den Bau einer eigenen Kraftwerksreihe auf. "Lucens ist nicht mehr als eine Anekdote aus der ganz frühen Geschichte der Atomkraft in der Schweiz", versichert denn auch Nuklearforum-Chef Roland Bilang. Die fünf Kernkraftwerke, die heute in der Schweiz stehen, seien allesamt anderen Typs.Das mache sie allerdings nicht minder gefährlich, erklärt Jürg Buri, Präsident der Allianz "Nein zu neuen AKW". Das Atomkraftwerk Mühleberg, das älteste AKW seines Bautyps, müsse im kommenden Jahr vom Netz genommen werden, fordert er: "Dort sehen wir bereits Risse im Kernmantel, und die Erdbebensicherheit ist nicht gegeben." Schon ein leichtes Beben könnte dazu führen, dass die Steuerstäbe nicht mehr eingezogen werden können. Die Auswirkungen, so Buri, wären katastrophal.Die Gegend rund um Mühleberg ist dicht besiedelt. Würde hier ein Kreis mit einem Radius von zwanzig Kilometern evakuiert, müssten an die 650000 Menschen umgesiedelt werden - fast ein Zehntel der Schweizer Gesamtbevölkerung. Zudem liegt das Kraftwerk direkt unterhalb eines Stausees. In einer internen E-Mail der AKW-Betreiber, die vom Schweizer Fernsehen veröffentlicht wurde, heißt es, die Gefahren, die sich etwa im Falle eines Erdbebens daraus ergeben könnten, sollten besser nicht kommuniziert werden: "Wir wollen keine schlafenden Hunde wecken."Planungen vorerst gestopptAuch wegen solcher Enthüllungen scheint die Stimmung in der Schweiz zu kippen. Buri ist sich sicher, dass sein Anti-Atomkraft-Bündnis die Volksabstimmung 2013 gewinnen und so den Bau neuer AKW verhindern wird. Selbst atomfreundliche bürgerliche Politiker geben sich seit dem Beben in Japan skeptisch: "Ein solches Ereignis", sagt etwa Rolf Büttiker von den Freidemokraten, "muss auch in der Schweiz zu einer Neubewertung der Risiken führen." Büttiker sitzt im Verwaltungsrat des Kernkraftwerks Leibstadt, das wie das benachbarte Beznau direkt an der Grenze zu Deutschland steht.Die christdemokratische Ministerin Doris Leuthard, die für Energie und für Umwelt gleichermaßen zuständig ist, hat Anfang der Woche alle Prüfungsverfahren für neue Atomkraftwerke vorläufig gestoppt. Sie beauftragte die Atomaufsicht des Landes, "die Ursachen des Unfalls in Japan genau zu analysieren", und sprach von "neuen oder schärferen Sicherheitsstandards", die nötig werden könnten.Atomkraftgegner Buri bezeichnet das als ein Spiel auf Zeit. Doch er glaubt, einen Stimmungswechsel zu verspüren: "Ich hoffe, die Ereignisse in Japan führen zu einer grundsätzlichen strompolitischen Wende - hin zu mehr Effizienz und erneuerbaren Energien." Entsprechende Szenarien, wie die Schweiz ohne neue AKW auskäme, lägen bereits vor.Aus der Kaverne in Lucens soll nach Angaben von Atomkraftgegnern unterdessen noch immer Radioaktivität austreten. Das Umweltministerium will dazu vorerst gar nichts sagen.------------------------------40 Prozent AtomstromFünf AKW gibt es in der Schweiz. Die Reaktoren erzeugen gut 40 Prozent des landesweit produzierten Stroms. Aus der Wasserkraft kommen gut 55 Prozent. Volksabstimmungen für einen Ausstieg aus der Kernkraft gab es 1979, 1984, 1990 und 2003. Keine der Initiativen fand eine Mehrheit.------------------------------Karte: Atomkraftwerke in der Schweiz"Oberste Priorität haben die Sicherheit und das Wohlergehen der Bevölkerung." Doris Leuthard, Energieministerin der SchweizFoto: Sieht ganz sauber aus: Dampfwolke aus dem Kühlturm des AKW Leibstadt.

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