Entweder sinkt das Boot oder ich falle über Bord und werde von einem Krokodil gefressen." Noch Jahrzehnte später kann sich Jane Goodall gut daran erinnern, was ihr bei ihrer ersten Fahrt in den heutigen Gombe Stream Nationalpark in Tansania so alles durch den Kopf schoss. Während das Motorboot an jenem Juli-Tag des Jahres 1960 über das klare Wasser des Tanganjika-Sees tuckerte und Kurs auf das unzugängliche, bergige Waldgebiet am Nordostufer nahm, blieb ihr genügend Raum für solche Gedankenspiele.Denn es war eine Reise voller Fragezeichen. Was erwartete sie in dieser Wildnis? Würde es ihr tatsächlich gelingen, den noch weitgehend unerforschten Alltag von freilebenden Schimpansen zu beobachten?Für eine 26-jährige britische Sekretärin, die statt eines Biologiestudiums nur ihre Entschlossenheit und unbändige Begeisterung für die afrikanische Tierwelt in die Waagschale werfen konnte, schien das ein ziemlich ehrgeiziges Unterfangen zu sein. Doch statt als Reptilienmahlzeit zu enden, schrieb Jane Goodall Wissenschaftsgeschichte.Selbstüberschätzung enttarntSie hat nicht nur das gängige Bild vom Schimpansen-Leben über den Haufen geworfen, sondern bei der Gelegenheit auch gleich noch ein paar typische Selbstüberschätzungen ihrer eigenen Art enttarnt. Je mehr sie über die nächsten Verwandten des Menschen herausfand, umso näher fühlte sie sich ihnen. Wenn sie jetzt in der aktuellen Ausgabe des Fachjournals Nature (Band 466, Seite 180) auf 50 Jahre Forschungsarbeit zurück blickt, spricht diese Faszination aus jeder Zeile. Die Schimpansen von Gombe haben Jane Goodall bis heute nicht losgelassen.Die ungewöhnliche Karriere der jungen Britin begann Ende der 50er Jahre, als sie einen der führenden Experten für die Evolution der Menschen kennenlernte. Louis Leakey spielte damals schon länger mit dem Gedanken, das Verhalten von Menschenaffen in freier Wildbahn untersuchen zu lassen. Vielleicht ließe sich ja daraus auch etwas über die Gewohnheiten der frühen Menschenverwandtschaft lernen.Wen aber konnte man für Monate und Jahre in die Wildnis schicken, um sich den Tieren auf die Spur zu setzen? Nach einem Gespräch mit Jane Goodall kam Leakey zu der Überzeugung, dass sie für eine solche Herkulesaufgabe bestens geeignet sei.Zunächst ließ sich die Sache allerdings nicht gerade vielversprechend an. Nach ihrer Ankunft in Gombe kämpfte sich die angehende Schimpansen-Beobachterin wochenlang frustriert durch unwegsames Gelände, ohne auch nur einen einzigen Affen zu Gesicht zu bekommen. Einen haarigen Arm zu entdecken, der hoch oben in einer Baumkrone eine Frucht abpflückte, war schon ein echter Erfolg. Von den erhofften Einblicken in den Schimpansen-Alltag aber konnte keine Rede sein. Sobald die Forscherin auch nur in der Ferne auftauchte, verschwanden die Tiere wie Schatten im Wald. Doch sie wollte nicht aufgeben. Und manchmal wird Sturheit belohnt."Mir blieb einen Augenblick das Herz stehen", erinnerte sie sich später an den ersten engeren Kontakt zu zwei wildlebenden Schimpansen. Die Männchen, die sie auf den Namen "David Greybeard" und "Goliath" getauft hatte, starrten sie einen Moment lang aus nicht einmal 20 Metern Entfernung an und fuhren dann seelenruhig mit der Fellpflege fort. Offenbar hatten sie sich an diesen seltsamen Zweibeiner in ihrer Nachbarschaft gewöhnt. Das Triumphgefühl dieses Tages sollte Jane Goodall nie vergessen.Nach und nach führten die Tiere ihrer neugierigen Beobachterin dann immer mehr Facetten ihres komplexen Soziallebens vor. Vor ihren Augen begannen sie zu fressen, zu spielen oder ihre Schlafnester zu bauen. Männchen rannten durch den Wald, stampften auf den Boden und schleiften schreiend Äste hinter sich her -taten also insgesamt genau das, was man sich unter der Schimpansen-Version von männlichem Imponiergehabe vorstellt.Doch es gab auch Tage, an denen die Tiere das zoologische Lehrbuchwissen kurzerhand zu einem Fall für den Papierkorb machten. So war die Fachwelt damals noch felsenfest davon überzeugt, dass Schimpansen Vegetarier sind. Sie mochten vielleicht mal ein paar Insekten oder ein kleines Nagetier fressen. Größere Fleischportionen aber galten nicht als typische Menschenaffen-Mahlzeit.Fleischfressende AffenBis Jane Goodall eine Gruppe Schimpansen beobachtete, die genüsslich ein kleines Buschschwein unter sich aufteilte. Später wurde die Forscherin sogar Zeugin von regelrechten Jagdgesellschaften, die mit vereinten Kräften kleinere Affenarten zur Strecke brachten.Ganz andere Strategien sind gefragt, wenn man sich den Magen mit Termiten füllen will. Die verstecken sich nämlich in Bauten mit betonartigen Wänden, zu denen ein hungriger Schimpanse keinen Zugang hat. Was tun? Wieder einmal war es David Greybeard, der Jane Goodall in ein Geheimnis aus der Schimpansen-Trickkiste einweihte.Vorsichtig schob er lange Grashalme in die Eingangslöcher eines Termitenbaus und angelte die krabbelnden Bewohner heraus. Kein Zweifel: Der Affe benutzte ein Werkzeug. Derartiges war bei wildlebenden Schimpansen überhaupt erst zweimal beobachtet worden. Bald aber stellte sich heraus, dass die Talente der Gruppe in Gombe noch weiter reichten.Von dünnen Zweigen streiften sie die Blätter ab, um eine perfekte Termiten-Angel zu konstruieren. Dabei hatte sich der Mensch doch bis dahin für den einzigen Werkzeugmacher auf der Welt gehalten! "Wir müssen jetzt entweder neu definieren was Menschen sind oder was Werkzeuge sind", begeisterte sich Louis Leakey. "Oder wir müssen Schimpansen als menschlich anerkennen!"Das Faible für Werkzeuge war allerdings nicht die einzige Eigenart der Schimpansen, die Jane Goodall verdächtig an ihre eigene Art erinnerte. So verstand sie mühelos, was die Tiere mit bestimmten Gesten sagen wollten. "Eine Umarmung, ein Handschlag oder ein Klaps auf den Rücken bedeuten bei beiden Arten im Grunde dasselbe", schreibt die Forscherin in Nature.Freundschaften und Zweckbündnisse kennt die Affengesellschaft ebenso wie gnadenlose Brutalität. Jane Goodall hat Schimpansen gesehen, die regelrechte Kriege gegeneinander führten, und die ihre gesellschaftliche Stellung durch Kindsmord festigten. Vor allem aber hat sie erkannt, dass es auch unter den nächsten Verwandten des Menschen neugierige und vorsichtige, selbstbewusste und unsichere Persönlichkeiten gibt.Das war in den 1960er Jahren ein höchst ungewöhnlicher Gedanke. Ein Hang zum "Vermenschlichen" von Tieren galt als die schlimmste aller Verhaltensforscher-Sünden. Schon allein die Tatsache, dass Jane Goodall ihren Schimpansen Namen gab, statt sie - wie damals üblich - zu nummerieren, hat ihr einige Kritik eingetragen.Inzwischen aber ist klar, dass es tatsächlich sehr weitreichende Parallelen zwischen Menschen und Schimpansen gibt. Die beiden Arten teilen nicht nur mehr als 98 Prozent ihres Erbgutes und die Empfindlichkeit gegen bestimmte Krankheiten, sondern auch wichtige Grundzüge ihres Verhaltens. Es besteht kein Zweifel mehr daran, dass Schimpansen echte Individualisten sind. Und die können manchmal ebenso ihren eigenen Kopf haben wie eine britische Sekretärin mit ihren Träumen von Afrika.------------------------------Schwindender LebensraumDie Zeiten, in denen Jane Goodall, nur mit Fernglas und Notizblock ausgerüstet, durch die Wildnis von Gombe kraxelte und ihre Nächte im Zelt verbrachte, sind vorbei. Heute gibt es im Nationalpark eine Forschungsstation, in der Wissenschaftler aus aller Welt mit modernen Methoden arbeiten. Mithilfe von Satellitenbildern und Computerprogrammen analysieren sie etwa den anhaltenden Schwund des Schimpansen-Lebensraums und suchen nach Möglichkeiten, ihn aufzuhalten.Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: Lebten 1964 noch rund 150 Schimpansen in dem Schutzgebiet, sind es heute nur noch etwa 100. Und auch in anderen Regionen Afrikas steht es nicht gut um die nächsten Verwandten des Menschen.Die Wissenschaftlerin Jane Goodall hat sich daher den Kampf für die Zukunft der Schimpansen auf die Fahnen geschrieben. Seit 1994 versucht das von ihr gegründete Jane Goodall Institut, den Teufelskreis von Armut und Naturzerstörung mit Entwicklungsprojekten zu durchbrechen. Und sie selbst reist den größten Teil des Jahres um die Welt, um für den Schutz der faszinierenden Tiere zu werben. "Es ist keine Zeit zu verlieren", warnt die Forscherin in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins Nature. Doch sie hat die Hoffnung, dass die Fortschritte in Wissenschaft und beim Naturschutz den nächsten Verwandten der Menschen eine Zukunft ermöglichen werden.------------------------------Foto: Pola küsst Jane: Ein eindeutiger Beweis dafür, dass Schimpansen gut können mit der Primatenforscherin Jane Goodall.