Es gibt Worte, deren Klang ein Mensch in seinem Leben nicht vergißt. Das müssen keine schicksalsschweren Worte sein. Meist sind es nebensächliche Bemerkungen, deren Melodie sich einprägt, und wenn diese Melodie erklingt, werden Erinnerungen geweckt, die viel tiefer reichen, als es Worte beschreiben könnten. Auf einmal sind Gerüche wieder da, Geräusche, Gesichter, Situationen. Eine im Gedächtnis versunkene Welt taucht auf.Eigentlich kann Fred Freud aus New Jersey kein Wort russisch. Doch dann steht er an diesem Nachmittag in der Wannsee-Villa auf und deklamiert in perfekter Betonung den Vorspann der Nachrichten von Radio TASS. Beim deutschsprachigen Dienst des Senders hat er sich ab 1943 über den Fortgang des Krieges in Europa informiert. Und als er die russischen Wörter aufsagt, ziehen aus seiner Erinnerung die Gerüche des fauligen, braunen Flusses Whang Poo herauf, hört er die chinesischen Frauen auf der Straße über ihre Männer tratschen. Fred Freud lebte im Exil in Shanghai. Wie Günter Nobel, Egon Kornblum, Sonja Mühlberger und die anderen 18 000 jüdischen Emigranten, denen die fernöstliche Stadt eine Zuflucht vor den Nazis bot.50 Jahre nach dem Ende ihres Exils im Fernen Osten treffen sich in diesen Tagen ehemalige "Shanghailänder", wie sich selber nennen, zu einem Symposium in der Berliner Wannsee-Villa. An jenem Ort, wo am 20. Januar 1942 auf der sogenannten Wannsee-Konferenz die Ausrottung ihrer Familien beschlossen wurde.Lange Zeit galt Shanghai als "das vergessene Exil". Erst die Ausstellung "Leben im Wartesaal" und Ulrike Ottingers Film "Exil Shanghai" richteten die Aufmerksamkeit auf dieses besondere Kapitel Emigrationsgeschichte. Im öffentlichen Bewußtsein spielte der Fluchtort China kaum eine Rolle. Anders als in Mexiko, Moskau und Kalifornien versammelten sich in Shanghai keine politischen oder kulturellen Eliten, die ihren Aufenthalt noch mehr oder weniger gezielt wählen konnten. Wer 1938/39 nach Shanghai flüchtete, tat es, weil es für ihn zu diesem Zeitpunkt die letzte Chance war, aus Deutschland herauszukommen. Es gab keine Wahl, sagt Günter Nobel: "Entweder Shanghai oder KZ."Für die unter internationaler Verwaltung stehende "offene Stadt" benötigten die Flüchtlinge weder Einreisevisa noch Aufenthaltsgenehmigung. Alles, was sie brauchten, war eine Schiffspassage. Schwer genug, sie zu bekommen. Egon Kornblum aus Rathenow an der Havel war 21 Jahre alt, als er seine Heimatstadt verließ. Er ging allein. Um nichts in der Welt konnte er seine Eltern bewegen, ihn zu begleiten. "Mein Vater war so naiv, daß er noch 1941 die Schändung des jüdischen Friedhofs bei der Polizei meldete", sagt Kornblum. Seine Eltern sind im Warschauer Ghetto umgekommen.Kornblum gelang es, sich im Büro des Lloyd Triestino in der Straße Unter den Linden ein Ticket für die Überfahrt zu besorgen. Ende März 1938 bestieg er in Genua die "Bianca mano", eines der letzten italienischen Schiffe, das Flüchtlinge nach Shanghai brachte. Mit an Bord waren damals auch die Eltern von Sonja Mühlberger. Ihr Vater Hermann Krisp war in Frankfurt/Main nach der "Kristallnacht" verhaftet worden. Ihrer Mutter Ilse gelang es, die nötigen Papiere für die Ausreise zu beschaffen und ihren Mann aus dem KZ Dachau auszulösen. Zwei Tage lang wurde sie von der Gestapo festgehalten. "Was damals genau passierte, verschweigt meine Mutter bis heute", sagt Sonja Mühlberger. "Ich bin dann wohl aus Freude über die Freilassung gezeugt worden", meint die heute 58jährige. Geboren wurde Sonja Mühlberger am 26. Oktober 1939 in Shanghai.Günter und Eugenia Nobel zählten zu den letzten, denen die Flucht aus Deutschland gelang. Zwei Wochen vor Kriegsausbruch überquerten sie im August 1939 bei Basel zu Fuß die Grenze. Tage zuvor waren sie aus dem Zuchthaus entlassen worden, wo sie wegen "Vorbereitung zum Hochverrat" drei Jahre lang einsaßen. Die Nobels hatten nach der Machtergreifung der Nazis im kommunistischen Widerstand gearbeitet und kamen nur unter der Bedingung frei, das Land sofort zu verlassen.So unterschiedlich die soziale und politische Herkunft der Exilanten war, so verschieden sind heute ihre Erinnerungen an Shanghai. Kornblum fühlte sich in der fremden Stadt "völlig vereinsamt". Er lebte lange Zeit in Massenunterkünften mit bis zu 74 Doppelstockbetten pro Raum, er litt an Tropenkrankheiten, er hatte Hunger, er war verzweifelt. "Ich habe auf der Straße gesessen, gebettelt und gestohlen." Halt fand er erst Jahre nach seiner Ankunft in Shanghai, als er Mitte der 40er Jahre eine zionistische Kindergruppe leitete.Sonja Mühlberger und Günter Nobel denken an die "Shanghailänder" als solidarische Gemeinschaft zurück, in der trotz aller Schwierigkeiten ein reiches kulturelles, politisches und gesellschaftliches Leben gepflegt wurde. Es gab deutschsprachige Zeitungen, Radiosender und Theateraufführungen. Leute haben Geschäfte gemacht, es wurden Konditoreien und Cafés betrieben. Wer einen Job hatte, konnte leben, für die anderen war es grausam.Bleiben wollte niemand. Sie haben sich nach dem Ende des Pazifikkrieges in alle Himmelsrichtungen verloren. Viele gingen nach Palästina, in die USA und nach Australien. Nur rund 500 Flüchtlinge sind nach Deutschland zurückgekehrt.295 von ihnen erreichten am 21. August 1947 im "Sonderzug" aus Neapel ­ er bestand aus Güterwaggons ­ den Görlitzer Bahnhof im Stadtbezirk Kreuzberg. Bürgermeister Ferdinand Friedensburg begrüßte die Heimgekehrten als "unsere jüdischen Freunde". Für die Exilanten war es eine schmerzhafte Rückkehr. Ihre jüdischen Freunde waren tot.Zu jenen, die vor 50 Jahren nach Berlin kamen, gehörten auch die Nobels. "Wir hätten in China bleiben können", sagte Eugenia Nobel damals der Wochenschau, "aber wir haben Sehnsucht nach der Heimat gehabt." Günter Nobel arbeitete später im diplomatischen Dienst der DDR, seine Frau bei der SED-Zeitschrift "Einheit". Sonja Mühlberger fand ebenfalls in Ostberlin ihr Zuhause. Sie wurde Lehrerin. Egon Kornblum ist 1948 in die USA ausgewandert, später nach Israel weitergezogen, bevor er sich 1958 in Essen ansiedelte. Fred Freud ist froh, in den USA zu leben, "es ist mein Land"."Kennst du dieses Lied?" fragt Sonja Mühlberger in einer Konferenz-Pause ihre Nachbarin. Sie stimmt einen chinesischen Kinderreim an. Es gibt Worte, deren Klang ein Mensch in seinem Leben nicht vergißt.

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