Der Stadtlärm verfängt sich in den Ästen von Kiefern und Eiben. Läge die stille, denkmalgeschützte Erich-Weinert-Siedlung in Pankow - das in Vergessenheit geratene Künstlerrefugium der frühen DDR - nicht so nahe der Tegeler Einflugschneise, könnte man glauben, auf dem Land zu sein. Ein unscheinbares kleines Haus mit patio-ähnlichem Garten bewohnte einst der Maler Max Lingner: von 1950 bis zu seinem Tod am 14. März 1959, heute vor 50 Jahren. Das Haus ist Sitz des Lingner-Archivs, das bis in die neunziger Jahre von der Akademie der Künste betreut wurde.Lange Zeit sorgte die Lingner-Vertraute und Nachlass-Erbin Gertrud Heider für das Haus und die Kunst. Noch vor ihrem Tod 2007 überführte sie das Archiv, aus dem die Akademie sich zurückgezogen hatte, in eine unselbstständige Stiftung; deren Treuhänder ist seither die Rosa-Luxemburg-Stiftung. Mit Thomas Flierl, dem vormaligen Berliner Kultursenator aus der Linkspartei, hat die Lingner-Stiftung einen engagierten Vorstand. "Wir wollen die Pflege, Aufarbeitung und Verbreitung des Werks von Max Lingner fördern", sagt Flierl. "Schließlich geht es um Kunst, die von Emigration, Krieg, Lagerhaft betroffen war und zudem Zeugnis des kulturellen Aufbruch in der Nachkriegszeit ist."An die tausend Werke, meist Arbeiten auf Papier, lagern in den Grafikschränken, etliche füllen die Wände. Die junge Kunstwissenschaftlerin Angelika Weißbach kümmert sich um Ausstellungen, Veranstaltungen, Publikationen. Die Historikerin Barbara Gase und der Kulturwissenschaftler Martin Wolfram betreuen den Nachlass und damit auch das in die Jahre gekommene Haus samt Inventar. Die Hellerau-Möbel von Max und Erika Lingner haben kürzlich neue, originalgetreue Leinenbezüge bekommen, die Fußböden schlichten Sisalbelag. Lingners Bibliothek ist akkurat geordnet. Und im Atelier mit dem originalen DDR-Linoleum ist alles so gerichtet, als käme der Maler gleich um die Ecke. Das Mädchenporträt auf einer der Staffeleien wirkt mit der über der Stirn hochgebauschten Frisur pariserisch elegant. Das Gesicht indes ist voll und breit. Lingner muss sich bis zur Qual gemüht haben, dem gegen ihn erhobenen Vorwurf des Formalismus zu entkommen. Aber die stalinistischen Kulturpolitiker wollten nicht diesen Stil. Er sollte "nationale", "deutsche" Porträts malen, "keine westlich dekadenten".1949 war der gebürtige Leipziger mit 61 Jahren aus der französischen Emigration zurückgekehrt. Schon vor dem Machtantritt der Nazis hatte er Paris als Zuflucht gewählt. Dort gab er mit Henri Barbusse die Wochenzeitschrift "Monde" heraus, er war der Kommunistischen Partei Frankreichs beigetreten, und er hatte sich mit den Malern um Matisse und Léger angefreundet. Lingners Stil wurde "französisch": betont zeichnerisch wie bei Ingres oder Matisse, leicht und charmant, nie pathetisch oder inhaltsschwer.Nach dem Einmarsch der Deutschen wurde Lingner in Paris interniert, doch er konnte fliehen und ging in die Résistance. Als die SS ihn 1944 doch verhaftete, entkam er Dank gefälschter Papiere abermals. Im Nachkriegs-Paris war er ein anerkannter Maler. Zur Rückkehr bewog ihn schließlich eine Professur an der Kunsthochschule Weißensee, dazu die Berufung in die Akademie der Künste.1950 beginnt die Geschichte von Max Lingner und seinem kleinen, graugeputztem Haus. Hier malte er die anmutigen "Weintraubenverkäuferinnen in Nîmes". Eine nicht ganz fertige Fassung hängt im Wohnraum; die vollendete Version gehört der Nationalgalerie. Bei sanftem Nordostlicht entstanden sehnsuchtsvolle Reminiszenzen an Frankreich: an die Boulevards, Parks und Tanzlokale, die Pressefeste der "Humanité", die jungen Fabrikarbeiterinnen oder die nächtlichen Vororte. Flierl weist auf das Bild auf der zweiten Staffelei: "Es verrät Lingners Bemühen um ein Pendant: die graue Rummelsburger Industrie-Vorstadt mit ihrem kalten Laternenlicht - ein Berliner Sehnsuchtsbild von Paris."Auch die Vorarbeiten für den berühmten Wandfries am heutigen Finanzministerium an der Leipziger Straße hat Lingner hier gemalt. Das Bild aus Meißner Kacheln, eine sozialistische Bilderbibel, war nach der Fertigstellung freilich nicht mehr das, was er gewollt hatte, nämlich ein rhythmisch-fröhliches Fest am 1. Mai, ein schwungvolles Stück Volksfront. In sechs Teilen entwarf er Szenen im Sinn der französischen Linken: Die Nazis waren geschlagen, es herrschte Frieden. Man glaubte sich an der Schwelle zu einem brüderlichen Leben."Zu französisch", lehnten die Funktionäre die erste und auch die zweite Fassung ab. Lingner hat sich still gewehrt, denn die byzantinische und die wilhelminische Tradition von Wandbildern, wie sie in der DDR eine zweifelhafte Wiederauferstehung erlebten, war ihm zuwider. Dann, erzählt Angelika Weißbach, habe der Maler sich gefügt. Otto Grotewohl, der hobbymalende Ministerpräsident, korrigierte die Haltungen der Figuren, sorgte dafür, dass der Intellektuelle statt des Pullovers Schlips und Kragen trägt, ließ Volkspolizisten in die Szene setzen. Die Menschenmasse, in Lingners Entwürfen noch bewegt und weltbürgerhaft, wurde pathetisch und steif im realen Sozialismus verortet.Noch ehe das Bild an die Wand kam, starb Lingner. Die Auseinandersetzungen um seinen Stil waren Gift für sein krankes Herz.------------------------------Max-Lingner-Haus, Straße 201 Nr. 2 in Pankow. Vorträge und Führungen am 15. März ab 15.30 Uhr.------------------------------Otto Grotewohl korrigierte persönlich Max Lingners Figuren.------------------------------Foto : Französisch beschwingt: Max Lingners "Arbeiterliebe V", gemalt 1929.