Michael Faraday, der größte Physiker des 19. Jahrhunderts, glaubte ernstlich, die Beschäftigung mit der Wissenschaft mache den Menschen liebenswürdig und edelsinnig. Einen drastischen Gegenbeweis hat Johannes Stark geliefert, der Nobelpreisträger für Physik des Jahres 1919."Johannes Stark war stets ein höchst egozentrischer Mensch von ungewöhnlich starkem Geltungsbewußtsein", schrieb Albert Einstein nach dem Zweiten Weltkrieg über seinen Kollegen Stark. Einstein war im Entnazifizierungsverfahren gegen Stark um seine Einschätzung gebeten worden. Darin attestierte der weltberühmte Physiker seinem Widersacher und vormals bekennendem Nationalsozialisten eine paranoide Persönlichkeit. Nach einem langen Leben starb Stark heute vor fünfzig Jahren, am 21. Juni 1957, auf seinem Alterssitz bei Traunstein in Oberbayern.Der eigenwillige Mann wurde 1874 auf einem Einödhof unweit von Weiden im bayerischen Regierungsbezirk Oberpfalz geboren. Er studierte an der Universität München, verbrachte einige Jahre in Göttingen und erhielt 1909 an der Technischen Hochschule Aachen seine erste ordentliche Professur und ein eigenes Institut.1913, im Alter von knapp vierzig Jahren, erzielte Stark seinen größten wissenschaftlichen Erfolg. Er entdeckte einen Effekt, der später nach ihm benannt wurde. Stark wusste, dass Atome im angeregten Zustand, zum Beispiel in einer Leuchtröhre, farbiges Licht aussenden, das aus einzelnen Spektrallinien besteht. Er fragte sich, ob und wie eine elektrische Kraft die Linien beeinflussen würde und entwarf entsprechende Experimente. Dabei entdeckte er, dass die Linien sich durch die Einwirkung des elektrischen Feldes aufspalten und verschieben. Diese Erkenntnis trug wesentlich zum Verständnis der Atomstruktur bei.Fast zur gleichen Zeit stellte der Kopenhagener Physiker Niels Bohr sein Atommodell auf, das später von Arnold Sommerfeld in München weiter ausgebaut wurde. Auf dieser Grundlage konnten die wesentlichen Aspekte des Stark-Effektes später mathematisch beschrieben werden.Für Johannes Stark hätte das eine doppelte Genugtuung sein können. Zum Ersten war er der Entdecker des Effektes, zum Zweiten stand die neue Atomtheorie auf der Grundlage von Quantenvorstellungen. Für diese hatte Stark noch wenige Jahre zuvor zusammen mit Einstein gekämpft. Als sich die Belege für die Quantentheorie jedoch mehrten und sie zunehmend Anerkennung erfuhr, wurde Stark zu ihrem Gegner. Wie sein Effekt anders zu erklären sei, wusste er aber auch nicht.1917 wurde Stark an die kleine Universität Greifswald berufen. In diese Zeit fiel die Verleihung des Nobelpreises und die schöne Reise nach Stockholm zur Entgegennahme der Urkunde, der Medaille und des Schecks. Im Herbst 1920 übernahm er die Physikprofessur an der Universität Würzburg.Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg und der Gründung der Weimarer Republik wurde auch in der Wissenschaft heftig darüber debattiert, wie es weitergehen solle. Es gab zwei Lager: eines um den Pazifisten und Demokraten Einstein, das andere um die Nationalisten und Antisemiten Stark und Philipp Lenard. So wollte Stark demonstrativ an seiner neuen Universität einen Gegner Einsteins, Ludwig Glaser, fördern und ihm mit der Habilitation den akademischen Ritterschlag verschaffen. Daraus entwickelte sich ein Streit mit der Würzburger Fakultät und Stark trat von seiner Professur zurück.Nicht mehr in einem eigenen Institut arbeiten zu können, war bitter für ihn. Obwohl Stark als Nobelpreisträger Ansehen unter seinen Fachkollegen besaß, wunderten sie sich darüber, wie vehement er die Quantentheorie und andere Teile der modernen Physik ablehnte und für eine arische Deutsche Physik focht. Bei den Berufungen kam er nicht zum Zuge und die Kollegen spotteten: "Was man nicht verstehen kann, sieht man drum als jüdisch an."Erst die Machtergreifung 1933 schuf neue Verhältnisse. Stark jubelte: "Endlich ist die Zeit gekommen, da wir unsere Auffassung von Wissenschaft und Forschern zur Geltung bringen können." Der neue Reichsinnenminister berief ihn zum Präsidenten der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt in Berlin. Bei der Tagung der deutschen Physiker im September 1933 präsentierte sich Stark in seiner neuen Würde. Wie nun der Führer die Verantwortung für das deutsche Volk trug, wollte er für die Physik die Verantwortung übernehmen. Für den Ausbau der Reichsanstalt entwickelte er gigantische Pläne. Hand in Hand damit sollte das Fach in Deutschland neu organisiert werden - mit der von ihm beherrschten Reichsanstalt als Steuerungszentrum. Taktlos drohte er: "Und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt."Die Rede hinterließ einen verheerenden Eindruck. Die Kollegen lehnten den Anspruch Starks entschieden ab, von nun an der Führer in der Physik zu sein.Einen neuen Machtzuwachs erlebte Stark im Jahr 1934, als er zum Präsidenten der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft, der späteren Deutschen Forschungsgemeinschaft, eingesetzt wurde. Die Aufgabe der Organisation war (und ist es bis heute) die finanzielle Förderungswürdigkeit der Anträge von Wissenschaftlern zu bewerten. Als Gegner der Quantentheorie aber war Johannes Stark nicht objektiv. Aber der pathologische Exzentriker glaubte sich wie kein anderer in der Lage, ein gerechtes Urteil über Anträge von Kollegen fällen zu können. Unter das positive Votum von Gutachtern ließ er oft die Bemerkung setzen: "Präsident Stark verfügt Ablehnung".Nach dem Krieg wurde Stark in die Gruppe der Hauptschuldigen eingestuft. Mit seinen mehr als siebzig Jahren erhielt er eine Strafe von vier Jahren Arbeitslager. Bei der Berufungsverhandlung 1949 kam er als Mitläufer davon und musste lediglich eine Geldbuße entrichten.------------------------------Foto: Johannes Stark (1874-1957) machte als Mitbegründer der Deutschen Physik in Nazi-Deutschland Karriere. Das Foto zeigt den 60-Jährigen im Jahr 1934.