Es muß ein außergewöhnlicher Mann gewesen sein, der im Morgengrauen des 9. April 1945 im Konzentrationslager Flossenbürg hingerichtet wurde. "Dies ist für mich das Ende, aber auch der Anfang", sagte Dietrich Bonhoeffer kurz vor seinem Tod. Die Gelassenheit, die in diesem Satz zum Ausdruck kommt, zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Leben des protestantischen Theologen, dessen Todestag sich am Sonntag zum 50. Mal jährt. Dietrich Bonhoeffer war einer der wenigen Pfarrer, die sich aktiv am deutschen Widerstand gegen Hitler beteiligten: Er war nicht nur Mitbegründer der Bekennenden Kirche, die sich gegen die nationalsozialistische Einflußnahme auf die Amtskirche wandte, sondern kämpfte aktiv gegen das Regime - bis hin zu Attentatsplänen auf Hitler. Damit überwand er die unpolitische Haltung, die die Kirche seit Jahrhunderten in Deutschland vertreten hatte. USA-Aufenthalt prägend Entscheidend für die Entwicklung des Pfarrers zum Widerstandskämpfer war sein Studienaufenthalt in New York, wo der junge Theologe 1930 das soziale Engagement der amerikanischen Kirchen kennenlernte. Im Alter von 24 Jahren kehrte der Sohn einer liberalen Professorenfamilie nach Berlin zurück, wo er zunächst als Studentenpfarrer und Universitätsdozent arbeitete. Amtskirche schwieg Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten und dem Beginn der Judenverfolgungen 1933 verfaßte Bonhoeffer als einer der ersten Theologen eine Schrift, in der er die Kirche aufforderte, das Unrecht beim Namen zu nennen, den Opfern zu helfen und notfalls "dem Rad selbst in die Speichen zu fallen". Die Amtskirche reagierte nicht. Statt dessen wurden Mitarbeiter jüdischer Herkunft ab September 1933 vom Dienst ausgeschlossen. Als Gegenbewegung zur "braunen" Amtskirche gründeten protestantische Theologen im Mai 1934 die Bekennende Kirche, die das Wort Gottes als einzige Quelle der Verkündung anerkennt. Der Kirchenkampf hatte begonnen, und der 28jährige Bonhoeffer war einer seiner Hauptakteure. Ein Jahr später wurde Bonhoeffer Leiter des Predigerseminars der Bekennenden Kirche in Finkenwalde bei Stettin, das 1940 von der Gestapo geschlossen wurde. Als 1938 die Synagogen in Deutschland in Brand gesetzt wurden, schwieg die Amtskirche auch da. Sein Gewissen zwang Bonhoeffer nun dazu, sich auch konspirativ im Widerstand gegen das Regime zu engagieren. Sein Schwager, Hans von Dohnanyi, war Mitarbeiter der militärischen Abwehr unter Admiral Wilhelm Canaris und General Hans Oster. Canaris hatte sich in den Jahren seit 1933 vom fügsamen Staatsdiener zum Förderer der Opposition entwickelt. Das Vorgehen Hitlers gegen die Tschechoslowakei und Polen öffnete ihm engültig die Augen. Sein Amt begann sich zu einem Zentrum des Widerstands gegen Hitler zu entwickeln, es setzte Bonhoeffer ab 1939 als Kurier und Agenten ein. Für den Theologen war dies der Versuch, kompromißlos nach der Bergpredigt im Diesseits zu leben. Die Kirche habe die Verantwortung, Kriege abzuwehren, sagte er. Es gehe nicht darum, sich heroisch aus der Affäre zu ziehen, sondern für die kommenden Generationen zu sorgen. Ein Gleichnis Bonhoeffer stellte sich als Christ die Frage des Tyrannenmords und beantwortete sie mit einem Gleichnis: Soll man einen betrunkenen Autofahrer, der in eine Gruppe von Menschen fährt, gewähren lassen und die Verletzten versorgen - oder soll man ihn vorher vom Steuer ziehen? Er gab seine Antwort, indem er "in den Sturm des Geschehens" trat: Aktiv war er an der Vorbereitung eines Attentatsversuchs gegen Hitler beteiligt, der im Frühjahr 1943 scheiterte, da die Bombe nicht detonierte. Am 5. April 1943 wurden Bonhoeffer und die anderen Mitarbeiter der Abwehr in Berlin verhaftet.Für den Pastor begann in der Haftanstalt Tegel eine Zeit, in der er nach anfänglichen Selbstmordgedanken wichtige theologische Schriften verfaßte. Seine Freunde bewunderten in diesen Monaten seine gelassene, überlegene Haltung. Einen "vollen Menschen" nannte ihn der ehemalige Bischof von Berlin-Brandenburg, Albrecht Schönherr, im Rückblick. Urteil: Landesverrat Nach dem Attentatsversuch vom 20. Juli 1944 wurde Bonhoeffer in das Berliner Gestapo-Gefängnis verlegt. Seine aktive Widerstandsarbeit war bekanntgeworden. Ende 1944 brach der Kontakt zu seinen Freunden ab. Mit einem Transport prominenter Häftlinge wurde Bonhoeffer Anfang April in das Konzentrationslager Flossenbürg gebracht. Am 8. April wurde er wegen Landesverrats verurteilt und zusammen mit Canaris und Oster einen Tag später gehängt. +++