Es geschah am Tag vor dem Fest der Heiligen Margarethe vor 500 Jahren, genauer gesagt: am 19. Juli 1510. An diesem Morgen muss die Sonne blutrot über der Doppelstadt Berlin-Cölln aufgegangen sein. Gerichtsbüttel und Henkersknechte trieben 38 Juden und den christlichen Bernauer Kesselflicker Paul Frohm durch das Tor hinaus in die sandige Heide. Ganz Berlin war auf den Beinen und wollte dem bevorstehenden "Spectaculum" beiwohnen. Aus allen Ecken der Mark Brandenburg waren Tausende Schaulustige herbeigereist, und die Stadt "mag an jenem Tage", so berichtet ein Chronist, "so vielfach belebt und so mächtig erregt gewesen sein, wie nur je bei einem ihrer großen geschichtlichen Ereignisse". Der Zug führte zum Ort des Hochgerichts, genannt Rabenstein. Er lag vermutlich am heutigen Straußberger Platz, möglicherweise an der Landsberger Allee.Während der Delinquent Frohm an jenem Freitagmorgen noch gefesselt und als ordentlicher Christ der Reue fähig "auf einem niedrigen Wagen halb nackend durch die fürnehmsten Gassen" gezerrt und zur Belustigung wie zur Warnung des Volkes "mit glühenden Zangen gerissen" wurde, zogen die Juden, von ihrem Rabbiner geführt, unter lauten Trost- und Sterbegesängen, mit "wunderlichem Geschrei in ihrer jüdischen Sprache und mit seltsamen Gebärden" zum Rabenstein. Dort waltete der Scharfrichter seines Amtes. Er ließ die zum Tode Verurteilten auf das Schafott schmieden, Frohm an einen abseits gelegenen Brandpfahl. Währenddessen sollen die "verstockten Juden mit lachendem Mund ihren Lobgesang ausgeführt" und damit die Christen ein letztes Mal "erschreckt" haben. Dann loderten die Flammen auf.Für gewöhnlich gehörte es zu den Aufgaben des Scharfrichters und seiner Gehilfen, den Scheiterhaufen aufzutürmen, doch kamen "aus eigener Bewegung unerfordert viele dazu", wirkten also aus freien Stücken an den Arbeiten mit, sodass ein "wunderlicher Bau" entstand: Sechs Meter hoch zimmerten christliche Berliner Männer aller Stände drei starke Holzroste übereinander. Sie belegten diese mit Stroh, Reisig und Pech, zogen kräftige Balken ein, "daran von den Juden ein Teil auf den untersten, die anderen auf den mittelsten, und also fürder die übrigen auf den dritten Rost, alle bei den Hälsen mit eisernen Banden auf- und angeschmiedet" wurden.Die Vollstrecker taten dem Urteil genüge, das der als Richter und Bürgermeister tätige Hans Brackow und seine Schöffen am 11. Juli gefällt hatten. Das Gericht hatte auf dem größten Platz der Stadt verhandelt, dem Neuen Markt vor der Marienkirche, ziemlich genau dort, wo heute der Neptunbrunnen sprudelt. Am Ende erging der Richterspruch: "Die Juden soll man zu Pulver verbrennen, damit alle anderen Juden ein Beispiel und Exempel von ihnen nehmen möchten, dass sie solche und dergleichen Übeltaten nicht auch begehen möchten." Am Tag der Hinrichtung trat das Gericht abermals vor der Marienkirche zusammen, verlas das Urteil und genügte allen Formalitäten. Zu diesem Zweck hatte man ein dreistöckiges Podest errichtet. Oben saßen Rechtsgelehrte, in der Mitte der Richter, die Schöffen, der Schreiber und der Ankläger. Ganz unten standen die Angeklagten. Angetan mit spitzen gelben oder weißen Hüten mussten sie erklären, dass sie bei ihren Geständnissen bleiben und gegen sich die "gerechte Strafe" beantragen.Am Tag nach dem großen Feuergericht köpfte der Scharfrichter zwei weitere Juden. Unter der seinerzeit üblichen, besonders im Fall von Ketzerei und Zauberei gesetzlich vorgesehenen Folter hatten sich beide taufen lassen, der eine auf den Namen Peter, der andere auf den Namen Paul. Folglich stand ihnen, da sie nun Jesus Christus und die Heilige Jungfrau um Vergebung anrufen konnten, die gelindere Form der Todesstrafe zu.Wie und warum war es zu diesem justiziell verbrämten Staatspogrom gekommen? Die Bücher zur brandenburgisch-preußischen Geschichte geben nur wenige Auskünfte. Seit Ranke gilt der Hohenzollernkurfürst Joachim I. (mit dem Beinamen Nestor), der von 1499 bis 1535 regierte, als Mann "des emporkommenden Humanismus". 1506 stiftete er die Universität Frankfurt (Oder), machte einen Juristen aus Bologna zum ersten Universitätskanzler, reformierte das Recht, versuchte, das staatliche Gewaltmonopol und damit den Landfrieden durchzusetzen. Zu diesem Zweck ließ er - ebenfalls 1506 - kurzerhand 70 Raubritter hängen, darunter 40 Adelige.Im Sinne seiner Reformfreude und des mit Reformen stets verbundenen Geldbedarfs stellte Joachim 1509 seinen jüdischen Untertanen einen Schutzbrief aus. Der galt für zunächst drei Jahre, regelte Kreditzinsen, Fleischverkauf, die Wahl eines Rabbiners und dessen richterliche Befugnisse - im Gegenzug hatten die Juden erhebliche Steuern an Joachim zu entrichten, und zwar auf drei Jahre im Voraus. Für die Zeit danach stand für die Juden der nächste Schutzbrief in Aussicht und für den Fürsten die nächsten kräftigen Zusatzeinnahmen. Prälaten, Ritter und Bürger betrachteten "das Judenprivileg" als Provokation, schon seit mehreren Jahren hatten sie die Ausweisung der märkischen Juden nach dem Vorbild Magdeburgs und Mecklenburgs verlangt. Sie suchten einen Anlass zum Gegenschlag und fanden ihn am 6. Februar 1510.An jenem Tag entwendete der bettelarme Kesselflicker Paul Frohm in der Kirche des havelländischen Dorfes Knoblauch eine vergoldete Monstranz und zwei geweihte Hostien. (Knoblauch wurde 1968/69 zugunsten eines Erdgasspeichers abgerissen, die wüste Fläche gehört heute zur Gemeinde Ketzin.) Frohm konnte am 2. Juni verhaftet werden, gestand seine Missetat und sagte aus, er habe die beiden heiligen Oblaten gegessen. Die Verfolgung einer solchen Freveltat stand dem geistlichen Oberherren zu, in diesem Fall Bischof Hieronymus von Brandenburg. Unter hochnotpeinlichem Verhör, sprich unter schwerster Folter, sagte Frohm nun aus, was er aussagen sollte: Er habe die Hostien an den Juden Salomo in Spandau verkauft.Viel spricht dafür, dass Kurfürst Joachim die für ihn materiell günstigen Beziehungen zu den Juden aufrechterhalten wollte, doch musste er angesichts dieses Geständnisses Salomo als möglichen Hostienschänder einkerkern und verhören lassen. Das gebot ihm seine Glaubenspflicht. Die Ergebnisse ließen nicht lange auf sich warten. Salomo "bekannte", er habe die Hostien, also den Leib Christi, auf einen grob gezimmerten Tisch geworfen, sie bespien, verspottet, geschlagen und schließlich in drei Stücke gestochen, wobei etliches Blut herausgetropft sei. Der Untersuchungsrichter stufte Salomo als Rädelsführer ein. Der Kurfürst ordnete gerichtliche Untersuchungen gegen alle Juden an, und die durchweg bei den Juden verschuldeten Adeligen und Patrizier verbanden das Religiöse mit dem Materiellen, sahen den Tag gekommen, die verhassten Gläubiger samt Schulden auf einfache Art loszuwerden. Die Edelleute "zogen mit Fleiße alle", wie der Barde Jacob Winter 1510 sang, "über das ganze Land, sie fingen die Juden alle, die Juden jung und alt". Bald entdeckte man in weiteren brandenburgischen Städten Juden, die sich angeblich der Hostienschändung schuldig gemacht hatten, und schließlich solche, die christliche Kinder auf entsetzliche Weise geschlachtet haben sollten. So wurden Anfang Juli 1510 schließlich 51 märkische Juden in Berlin angeklagt, nicht zufällig die reichsten und angesehensten. Da schließlich nur 40 von ihnen mit dem Feuer- oder Schwerttode bestraft wurden und einer freigesprochen wurde, ist anzunehmen, dass die anderen unter der Folter gestorben waren, sich das Leben genommen oder eine Fluchtmöglichkeit gefunden hatten.Am Tag nach den Hinrichtungen verwies Kurfürst Joachim I. sämtliche Juden aus den märkischen Landen. Er begründete das mit der Behauptung, "dass alle Juden, wie sie in einem Fürstentum, Lande oder Gebiete wohnen, ein Geld zusammenzulegen pflegen, davon sie Christenkinder kaufen und erwürgen, um ihres Blutes zu einer Heilsalbe teilhaftig zu werden". Bevor die überlebenden Juden Brandenburg "straks" zu verlassen hatten, mussten sie schwören, dass sie "nimmer wieder kommen" und alle ihre Glaubensbrüder warnen würden, die märkischen Lande niemals zu betreten, weil ihnen widrigenfalls "Verlust des Leibes und Gutes" drohe. Die Juden wurden ihres Eigentums beraubt und ihre Friedhöfe zerstört. Im Jahr 1955 stieß man auf insgesamt 66 Grabsteine der Spandauer Juden im Gemäuer der Zitadelle. Der älteste stammt aus dem Jahr 1244, der jüngste von 1474.Erst vom 21. Mai 1671 an durften wieder Juden in Brandenburg-Preußen siedeln. Der Große Kurfürst brauchte Geld und sorgte sich um den wirtschaftlichen Wiederaufbau des im Dreißigjährigen Krieg ruinierten Landes. Später datierte die Jüdische Gemeinde Berlin ihre Gründung auf diesen Tag. Folglich feierte sie 1871 ihr zweihundertjähriges Bestehen. Die offizielle Festschrift streifte die Judenverbrennung von 1510 mit zwei nichtssagenden Sätzen. Der Autor Ludwig Geiger begründete das mit dem Hinweis, er wolle die dem Mittelalter zugehörigen Exzesse "nicht näher verfolgen", weil er die deutschen Juden auf dem Weg zu immer größerer Anerkennung sehe und Deutschland im "langsamen, aber stetigen geistigen Fortschritt" hin zu den "Ideen der Gleichheit und Freiheit". Deshalb beließ er es dabei, die Geschichte der Juden in Berlin nur für die vorangegangenen 200 Jahre nachzuzeichnen - als eine "schöne Entwicklung".------------------------------Foto; Zeitgenössischer Holzschnitt zur Berliner Judenverbrennung vom 19. Juli 1510: Links die zum Feuertod verurteilten Juden, rechts der christliche Kesselflicker Paul Frohm mit geistlichem Beistand.

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