Im Oktober 1949 steht Kim Philby das erste und einzige Mal der Frau gegenüber, die sein Schicksal besiegeln soll. Philby, Mitarbeiter des britischen Auslandsgeheimdienstes MI6 und Sowjetspion, hat gerade seine Stelle als Verbindungsoffizier in Washington angetreten. Einer seiner Antrittsbesuche führt ihn in die US-Lauschbehörde Armed Forces Security Agency. Dort wird er Meredith Gardner vorgestellt, einer genialen Dechiffrierexpertin, die seit 1948 in einem Geheimprojekt namens "Venona" mit der Entschlüsselung von Telegrammen des sowjetischen Geheimdienstes befasst ist. Pfeife rauchend und ohne erkennbare Gemütsbewegung lässt sich Philby von der Geheimdienstkollegin die Fortschritte im Venona-Projekt erklären. "Philby sah uns mit gespannter Aufmerksamkeit zu, aber er sagte kein Wort, nicht ein einziges Wort", erinnerte sich Gardner ein halbes Jahrhundert später in einem BBC-Interview an ihr Zusammentreffen mit dem Spion.Philby werden auch Telegramme der Moskauer Geheimdienstzentrale an die sowjetische Botschaft in London gezeigt, die zwischen dem 15. und 21. September 1945 abgefangen worden waren. Aus den bis dahin entschlüsselten Fragmenten geht die Existenz eines Kreises sowjetischer Agenten in London hervor, die Zugang zu Staatsgeheimnissen haben. Wer aber diese Spione sind und wo sie arbeiten, weiß niemand - außer Kim Philby.Philby war der Kopf einer Gruppe aus Cambridge-Absolventen, die der sowjetische Geheimdienst Mitte der Dreißigerjahre angeworben und in den Staatsapparat begleitet hatte. Als die "Cambridge Five" gingen sie als die fähigste Truppe britischer Agenten in die Geheimdienstgeschichte ein, die je für eine ausländische Macht spioniert hatten.Neben Philby, dem MI-6-Spitzenbeamten, gehörten dazu: Donald MacLean, Chef der Amerika-Abteilung im Londoner Außenministerium mit Zugang zu Informationen aus der gemeinsamen Atomwaffenforschung mit den USA; Guy Burgess, Mitarbeiter des Inlandsgeheimdienstes MI5 und des Außenministeriums, zuletzt Sekretär an der Botschaft in Washington; Sir Anthony Blunt, MI-5-Mitarbeiter mit besten Beziehungen zur königlichen Familie; und John Cairncross, der während des Krieges für den MI6 tätig war und nach 1945 ins Auße nministerium zurückkehrte.Erst jener Meredith Gardner sollte es gelingen, Philby und seinen Leuten auf die Spur zu kommen. Vor genau sechzig Jahren, im April 1951, schafft sie mit der vollständigen Entschlüsselung eines der aus Moskau nach London gefunkten Venona-Telegramme den Durchbruch bei der Suche nach den "Cambridge Five". Die nun einsetzende Jagd nach den Spionen, die der britische Historiker Christopher Andrew in seinem 2009 erschienenen Buch über den MI5 anhand von Geheimdienstakten rekonstruiert hat, sollte aber insgesamt noch drei Jahrzehnte dauern.Die ganze Geschichte beginnt im Juni 1934 im Londoner Regent's Park. Kim Philby ist dort mit einem Mann namens Otto verabredet. Philby, der 1933 sein Wirtschaftsstudium am Trinity College in Cambridge beendet hatte, ist gerade aus Wien zurückgekehrt. Der glühende Kommunist hat dort für die Internationale Arbeiterhilfe gearbeitet, Kurierdienste für die Kommunistische Partei Österreichs erledigt - und seine erste Frau, Litzi Friedmann, kennengelernt. Sie ist es auch gewesen, die das Treffen zwischen Philby und dem geheimnisvollen Otto arrangiert hat.Viele Jahre später beschreibt Philby jenen Otto als einen 1,70 Meter großen, stämmigen Mann mit blauen Augen, hellem, gelocktem Haar und einem beachtlichen Bildungshorizont. "Er war ein fabelhafter Mann", so Philby. "Das Erste, was mir an ihm auffiel, waren seine Augen. Er sah dich an, als gäbe es im Moment nichts Wichtigeres im Leben als dich und das Gespräch mit dir."Otto ist in Wahrheit der sowjetische Geheimdienstoffizier Arnold Deutsch. Deutsch, ein tschechischer Jude, ist gerade erst aus Wien nach London übergesiedelt, wo er am University College Psychologiekurse belegt. Sein eigentlicher Auftrag aber lautet, Kontakte zu Studenten in Oxford und Cambridge anzubahnen, weil diese Unis überdurchschnittliche viele Staatsdiener hervorbringen. Selbst in diesen Eliteuniversitäten besitzt die kommunistische Bewegung in den Dreißigerjahren wegen des aufkommenden deutschen Faschismus eine große Anhängerschaft. Die Strategie des sowjetischen Geheimdienstes zielt darauf ab, einzelne Sympathisanten herauszulösen und ihnen eine neue, nichtkommunistische politische Persönlichkeit zu geben. Dem MI5 bleiben die Aktivitäten Moskaus in "Oxbridge" verborgen. Die meisten der damals geworbenen Spione der Russen werden erst weit nach Kriegsende enttarnt.Philby wird der erste Agent, den Deutsch in Cambridge für die Sowjets rekrutieren kann. Der Geheimdienstler gibt ihm den deutschen Decknamen "Söhnchen". Philbys Anwerbung zahlt sich schon nach wenigen Monaten aus: Ende 1934 verpflichtet Deutsch mit "Söhnchens" Hilfe Donald MacLean, der in Cambridge moderne Sprachen studiert hat, und Guy Burgess, der gerade an seiner Doktorarbeit in Geschichte arbeitet. Burgess schließlich macht Deutsch 1937 mit Anthony Blunt bekannt, einem Sprachwissenschaftler, Kunsthistoriker und Fellow des Trinity College in Cambridge. Und Blunt bringt wiederum seinen Schüler John Cairncross mit Deutsch zusammen, einen begeisterten Marxisten, der 1936 bei der Aufnahmeprüfung für das Außenministerium die besten Ergebnisse erreicht hatte.Wie es Deutsch verlangt, lösen sich die fünf Agenten völlig aus dem kommunistischen Milieu und machen sich als scheinbar politisch konservativ eingestellte Karrieristen auf den Marsch durch die Institutionen. Jeder der fünf wird hohe Posten in den Geheimdiensten und im Regierungsapparat erklimmen. Anderthalb Jahrzehnte lang, so schreibt es Historiker Andrew, liefern sie so viel streng geheimes Material nach Moskau, dass die Zentrale mit der Auswertung kaum noch nachkommt.Ein paar Jahre nach dem Krieg beginnt sich jedoch langsam die Schlinge um die "Cambridge Five" zuzuziehen. Der Durchbruch gelingt im April 1951. Meredith Gardner kann ein sechs Jahre altes Telegramm aus Moskau entschlüsseln, das direkt zu MacLean führt. Da die im Rahmen des Venona-Projekts entschlüsselten Telegramme aber aus Geheimhaltungsgründen nicht in einem Strafverfahren verwandt werden dürfen, muss der MI5 für eine Anklage erst noch weitere Beweise für MacLeans Verrat finden.Philby, noch immer in den USA, trifft sich in New York mit Burgess und weist ihn an, in London Kontakt zum dortigen KGB-Stützpunkt aufzunehmen. Er solle die Russen warnen, dass der psychisch labile MacLean in einem Verhör die ganze Gruppe auffliegen lassen könnte. MacLean müsse daher sofort nach Moskau geholt werden. Burgess solle ihn aber auf keinen Fall begleiten, weil das einen Verdacht auf ihn, Philby, leiten könnte.Doch Moskau entscheidet anders. Am 25. Mai 1951 wird der seit Wochen vom MI5 observierte MacLean das letzte Mal in London gesehen. Mit einer großen Pappschachtel unter dem Arm verlässt er das Außenministerium, steigt im Bahnhof Victoria Station in einen Zug und entwischt seinen Verfolgern. In Southampton trifft er sich mit Burgess. Unter falschem Namen besteigen sie am Abend den Ausflugsdampfer "Falaise", der sie ins französische Saint-Malo bringt. Von dort fahren sie über Rennes und Paris nach Bern, wo ihnen die sowjetische Botschaft falsche Pässe und Flugtickets von Zürich nach Stockholm übergibt. Bei einem Zwischenstopp in Prag verlassen Burgess und MacLean das Flugzeug und werden von KGB-Offizieren in Empfang genommen.Philby ist außer sich, als er erfährt, dass auch Burgess hinter dem Eisernen Vorhang verschwunden ist. Seine Ahnung, dass damit das Ende der "Cambridge Five" besiegelt ist, soll sich zumindest teilweise bewahrheiten. Für die Amerikaner steht jetzt nämlich fest, dass Philby MacLean gewarnt hat. Auf ihr Drängen hin wird Philby aus Washington abberufen, in London entlässt ihn der MI6, obwohl viele dort von seiner Unschuld überzeugt sind. Auch Cairncross und Blunt geraten jetzt in Verdacht, aber die Ermittlungen gegen die drei erbringen keine Beweise für eine Spionagetätigkeit.Wieder ist es dann Meredith Gardner, die neue Bewegung in den Fall der "Cambridge Five" bringt. Im Oktober 1955 gelingt ihr die Entschlüsselung eines zehn Jahre alten Telegramms, das nun eindeutig auf Philby hinweist. In London aber hat man inzwischen das Interesse an einer weiteren Aufklärung des Spionagefalls verloren, zumal Philby inzwischen als Journalist im Libanon arbeitet.Dann läuft im Dezember 1961 der sowjetische KGB-Major Anatoli Golizin zur CIA über. Er berichtet unter anderem, dass es seit den Dreißigerjahren ein als Fünferring bezeichnetes, sehr wichtiges Spionagenetz in Großbritannien gegeben habe, zu dem Burgess und MacLean gehört hätten. Die Aussagen Golizins führen nun doch noch zu einer neuen Untersuchung des MI5. Als Philby im Januar 1963 in Beirut befragt wird, rettet er sich mit einer Lüge: Er habe nur bis Kriegsende für die Russen gearbeitet, sagt er. Nur eine Woche später flieht er nach Moskau.Im April 1964 geben auch der inzwischen in den USA lebende Cairncross und Anthony Blunt ihre Spionagetätigkeit für die Russen zu. Doch im MI5 glaubt man ihnen nicht, dass sie zu jenem geheimnisvollen Fünferring zählten, von dem der Überläufer Golizin berichtet hatte. Und so jagt der MI5 jahrelang weiter dem Phantom zweier noch unentdeckter KGB-Spione in höchsten Positionen nach.Erst 1974 kommt der Dienst zu dem Schluss, dass Blunt wohl doch zu dem Fünferring gehört haben muss. Nun bleibt nur noch, das vermeintliche Rätsel um den fünften Mann zu lösen. Und wieder ist es ein Überläufer, dem dies gelingt: Oleg Gordiewsky, ein vom MI6 angeworbener KGB-Offizier, bestätigt 1982, dass John Cairncross - wie er es auch schon 1964 gestanden hatte - der fünfte Mann gewesen ist. Nach drei Jahrzehnten Agentenjagd waren die "Cambridge Five" endgültig Geschichte.------------------------------Foto: Britischer Geheimagent & sowjetischer Spion I: Kim Philby (1911-1988).Foto: Britischer Geheimagent & sowjetischer Spion II: Donald MacLean (1913-1983).Foto: Britischer Geheimagent & sowjetischer Spion III: Guy Burgess (1911-1963).Foto: Britischer Kunsthistoriker und Agent & sowjetischer Spion: Anthony Blunt (1907-1983).Foto: Britischer Codeknacker & sowjetischer Spion: John Cairncross (1913-1995).

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