Die Möwe" war einmal ein Haus, in das jeder rein wollte, aber nicht jeder durfte, ein Ort des Begehrens. Für den Künstlerklub in der Luisenstraße, die zu DDR-Zeiten Hermann-Matern-Straße hieß, brauchte man einen Ausweis. Drinnen war es schön - das Ambiente großbürgerlich, die Küche gut und günstig. Selbst die Kellner bedienten zuvorkommend. Künstler verkehrten dort, es gab Lesungen und Konzerte, eine große Theater-Bibliothek, die auch verbotene Bücher führte. Vor allem aber wurde in dem Klub getrunken, gegessen, geredet. Nächste Woche wird "Die Möwe" 60, und es gibt sie immer noch. Ihr Mythos, den jetzt eine Ausstellung im Palais am Festungsgraben zu greifen sucht, beschränkt sich freilich auf die DDR-Zeit.Der hat natürlich mit der Exklusivität zu tun, die damals so selten war. Das Gründungsmitglied Wolfgang Leonhard beschreibt die "Möwe" rückblickend als einen anderen Stern inmitten der Einöde und als Insel im Einheitsgrau. Alles, was in der Kulturwelt der Nachkriegszeit einen Namen hatte, verkehrte dort. Später dann, 1968, als Klub der Gewerkschaft Kunst, verlor er ein wenig das Besondere. Jetzt brauchte man einen Gewerkschaftausweis zum Eintritt, und für viele war es eine Herausforderung, sich sonnabends zur Disko und im Februar zum Fasching Zutritt zu verschaffen. Und die Stasi war immer dabei. Das wusste man, und auch, dass man vom Klofenster aus den Westen hören konnte.Ansonsten war das Haus mit seinen vielen Schließungen und Wiedereröffnungen und Vereinnahmungen einfach typisch DDR. Man ging mit den Künstlern nicht viel anders um als mit dem Rest des Volkes, wie die Ausstellung zeigt. Zunächst wurde der Besitzer kurzerhand enteignet, damit die sowjetischen Besatzer den Klub gründen konnten, im Juni 1946 zur Speisung notleidender Künstler. Als "Die Möwe" dann saniert und umgebaut war, schloss sie im September 1953 plötzlich wieder und kündigte allen Angestellten. Zu sehen ist ein Briefwechsel mit einem Schwerbeschädigten, dem eine 4-wöchige statt einer 14-tägigen Kündigungsfrist zugestanden wird. Es ist nicht bekannt geworden, dass die Möwe je ein Hort des Widerstands war, aber Künstler waren unsichere Kantonisten, wenn sie zusammenhockten, vor allem nach dem 17. Juni. Und so verfasste der "Möwe"-Präsident Wolfgang Langhoff, Intendant des DT, einen hässlichen Brief an die gekündigten Angestellten: "In der Folge des neuen Kurses unserer Regierung, der darauf abzielt, das wirtschaftliche, politische und kulturelle Leben unserer Bevölkerung in kurzer Frist zu verbessern, soll auch der Treffpunkt der Berliner darstellenden Künstler, die ,Möwe', einer Renovierung und Erweiterung unterzogen werden." Der Rausschmiss, so Langhoffs Diktion, diente also einer noch besseren Sache. Angebliche Renovierungsarbeiten waren es auch, die eine Lesung von Martin Walser 1968 verhinderten. Viele einvernehmliche Briefe und Telegramme gingen hin und her, bis eine Woche vor dem Termin die Absage kam: Im Klub finde gerade eine "seit langem vorbereitete Umstrukturierung" statt.Die wirkliche Umstrukturierung passierte erst nach 1990, als der Klub sein Haus verlor, seine 70 Mitarbeiter, seine Subventionen und natürlich seine Exklusivität. Sie ließ sich nicht wieder holen. Längst wird hier nur noch tapfer ehrenamtlich gearbeitet. Dieser Selbstlosigkeit sowie einem Sponsor (Wall AG) verdankt sich auch die kleine Schau, mit ihren zahllosen Fotos, Plakaten und einigen Video-Filmen liebevoll zusammengestellt. Den "Mythos Möwe" kann sie nicht zu fassen kriegen.Magazin Seite 3------------------------------Nach dem 17. Juni 1953 schloss der Klub und alle Angestellten wurden entlassen.