Man kann sich das heute vielleicht gar nicht abenteuerlich genug vorstellen: "Die Stadt lag in Trümmern. Es gab kein Telefon, es gab keinen Strom. Dafür hatten wir abends Kerzen auf dem Schreibtisch", erzählt Otto Pesch. Der heute 87-Jährige war, wenn man so will, der erste deutsche Nachkriegsjournalist bei der ersten deutschen Nachkriegszeitung - den Aachener Nachrichten. Drei Monate nachdem Aachen als erste deutsche Stadt von US-Truppen befreit worden war, erschien am 24. Januar 1945 die erste Ausgabe.Doppelte ZensurDas Blatt kostete 20 Pfennig, hatte ganze vier Seiten, aber immerhin eine Auflage von 12 000 Exemplaren. Wegen der Ausgangssperre brauchten die Zeitungsboten militärischen Geleitschutz. Die Texte mussten von der alliierten Kontrollbehörden genehmigt werden. "Alles Selbstgeschriebene", sagt Pesch, "ging sogar durch eine doppelte Zensur, jede Kleinanzeige wurde von den Amerikanern umgeschrieben" - aus Angst vor chiffrierten Nachrichten. "Russischer Siegeszug rollt weiter!" lautete die Headline der Erstausgabe, darunter stand "Ostpreußen überrannt!" Wichtigste Lokalmeldung: "Aachener Schirmfabrikant erhält Gefängnis wegen Hamsterei", weil er "große Mengen Mehl, Zucker und Konserven im Schleichhandel erstanden und den Behörden verhehlt" hatte. Alle anderen Aachener durften sich freuen: Die Militärbehörden hatten die wöchentliche Brotrationen von drei auf fünf Pfund pro Person erhöht. "Eine Zeitung kann eine wichtige Waffe sein in der Verbreitung der Wahrheit", hatte Stadtkommandant Hugh Jones zur Erstausgabe erklärt. So richtig trauen wollte man den Deutschen aber anfangs nicht: Aus London wurden Texte gemorst, die die deutschen Redakteure nur kürzen, aber nicht umschreiben durften. Zudem gab es keine Autorennamen. Solcher Schutz war nötig: Die Front verlief nur 30 Kilometer entfernt, und aus dem untergehenden Reich blökte der Westdeutsche Beobachter, "jüdische Schreibsöldlinge" beteiligten sich am Hochverrat im Westzipfel. Die Vorsicht bestätigte bald der Fall Franz Oppenhoff. Aachens Oberbürgermeister wurde am 25. März von einem geheimen SS-Kommando ermordet.Bald erschien das Blatt zweimal die Woche. Ausgabe Nr. 16 am 8. Mai konnte als einzige deutsche Zeitung die Kapitulation vermelden "Der Krieg ist aus!", titelten die Redakteure um Otto Pesch. Die Originalausgabe hängt heute im Bonner "Haus der Geschichte".Im Juni 1945 gingen die Aachener Nachrichten mit der "License No. 1" offiziell in die Hände von Verleger Heinrich Hollands über, einem 67-jährigen Buchdrucker und SPD-Genossen. Jetzt gab es jeweils eine halbe Seite Anzeigen: "Tausche Oberhemdenstoff gegen gute Legehühner". Oder: "Suche Gänserich gegen Gans zu tauschen." Manche Annoncen lassen typische Familienschicksale der Zeit ahnen: "Elegante schwarze Herrenschuhe, Größe 42, gegen Anzug für kleinen Jungen zu tauschen". Inserenten mussten Wochen warten. Es sei denn, sie kannten die "rheinischen Beschleunigungsgesetze", von denen ein "Frollein" der Anzeigenannahme später berichtete: ",Welpen abzugeben' wurde gegen zwei bis drei Eier gehandelt". Oder es gab für umgehendes Erscheinen einer Annonce "bei einem Pferdemetzger ein Stückchen Pferdefleisch". Zwei Zeitungen - ein VerlagHeute ist die links-liberale AN (Auflage 60 000) hinter der konservativeren Aachener Zeitung (95 000) nur noch die Nummer zwei in Aachen. Beide erscheinen in dem selben Verlag, und seit dem 1. Dezember 2003 mit teilweise identischen Inhalten, etwa in den Bereichen Sport, Kultur, Wirtschaft. Die Blätter teilen sich auch den Chefredakteur, Bernd Matthieu, der vorher die Aachener Zeitung leitete. Sein Stellvertreter Bernd Büttgens koordiniert "das komplizierte Gebilde" zweier Redaktionen, die gleichzeitig konkurrieren und doch kooperieren.Am Samstag feierte man den Geburtstag trotzdem gebührend. Unter den Gästen war auch die in Aachen geborene Gesundheitsministerin Ulla Schmidt. Sie legte zwei Versprechen ab: Wenn Alemannia in die Bundesliga aufsteigt, werde sie "die Aachener Nachrichten morgens am Kiosk verkaufen". Und sollte sie je zurücktreten, werde sie die AN als erste informieren. Eine Überschrift lieferte sie gleich mit: "Sie hat es geschafft", solle dann über dem Text stehen.------------------------------Foto: Die Leser standen Schlange für die Aachener Nachrichten.