Vor 60 Jahren starb meine Mutter im Alter von 34 Jahren in der Hinrichtungsstätte Plötzensee. Ihr Tod war ein Justiz-Mord, gefasst in ein Urteil "wegen Vorbereitung zum Hochverrat in Tateinheit mit Feindbegünstigung, Spionage und Rundfunkverbrechen." Die Begründung ihres Urteils ist nicht erhalten.Immer wieder habe ich nach Menschen gesucht, die meine Mutter kannten und nach Zeugnissen ihres kurzen Lebens geforscht. Vor kurzem konnte ich in der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte in ihre Personalakte aus der Reichsversicherungsanstalt einsehen. Eine frühere Arbeitskollegin erzählte mir, dass sie eine ruhige, liebenswerte und freundliche Frau gewesen war, mit der sie gerne zusammengearbeitet hat. In der "Kartei Hinrichtungen Barnimstraße" im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde fand ich einen Eintrag von unbekannter Hand auf einer kleinen Karteikarte: "Hilde Coppi, Hochverrat und Landesverrat, Schulze-Boysen-Kreis, zart, fein, tapfer, ganz selbstlos. Gebar am 27.11.42 ihr Kind. Hinrichtung ihres Mannes durfte ihr nicht mitgeteilt werden, ließ darum ihren Schmerz nicht laut werden. Kind wurde von ihrer Mutter erst in der Woche der Hinrichtung geholt. Stolz, beherrscht und lieb. Kein Hass. Eine rührende Persönlichkeit. Rechnete nie mit ,Gnade der Menschen. Nie bereut."Meine Mutter hatte im Frühjahr 1943 mit dreizehn weiteren vom Reichskriegsgericht zum Tode verurteilten Frauen und drei Männern ein Gnadengesuch eingereicht, das Hitler ohne Begründung am 21. Juli 1943 abgelehnt hatte. Daraufhin ordnete der Präsident des Reichskriegsgerichtes für den 5. August 1943 die Vollstreckung an. In den Morgenstunden des 5.August wurde meine Mutter mit der 22-jährigen Keramikerin Cato Bontjes van Beek, der 19-jährigen Schülerin Liane Berkowitz, auch sie hatte im Gefängnis ein Kind zur Welt gebracht, der 22-jährigen Studentin Eva-Maria Buch, der 27-jährigen Studentin Ursula Götze, der 57-jährigen Abteilungsleiterin Else Imme, der 30- jährigen Hausfrau Ingeborg Kummerow, die zwei kleine Kinder hinterließ, der 58-jährigen Geschäftsinhaberin Annie Krauss, der 48-jährigen Stenotypistin Klara Schabbel, der 35-jährigen Sekretärin R ose Schlösinger, Mutter einer elfjährigen Tochter, der 37-jährigen Tänzerin und Bildhauerin Oda Schottmüller, der 33-jährigen Juristin Rosemarie Terwiel, der 55-jährigen Hausfrau Frida Wesolek aus dem Berliner Frauengefängnis in der Barnimstraße in die Todeszellen nach Plötzensee gebracht. Dort waren inzwischen auch der 55-jährige Schriftsteller Adam Kuckhoff, der 81-jährige Rentner Emil Hübner und sein Schwiegersohn, der 64-jährige Möbeltischler Stanislaus Wesolek eingetroffen. In Anwesenheit von Vertretern des Reichskriegsgerichtes und der Gestapo wurden sie ab 19 Uhr in einem Abstand von drei Minuten in der Hinrichtungsstätte ermordet. Den Angehörigen war verboten, ihre Toten zu bestatten, die sofort in die Anatomie der Berliner Universität überstellt wurden. Als Zivilisten waren die Angeklagten vom Reichskriegsgericht, dem höchsten deutschen Militärgericht, in der Strafsache "Rote Kapelle" zum Tode verurteilt worden. Unter dem Fahndungsbegriff "Rote Kapelle" fasste die Gestapo alle tatsächlichen und vermeintlichen Kontakte aus Westeuropa und Deutschland nach Moskau zu einem sowjetischen Spionagenetz zusammen und ordnete die Berliner Widerstandsgruppierung einer real nie existierenden europaweit agierenden "bolschewistischen Hoch- und Landesverratsorganisation" zu. Die Gestapo verhaftete von Ende August bis in den November 1942 mehr als 50 Frauen und 70 Männer. 77 wurden vor dem Reichskriegsgericht angeklagt und 45 hingerichtet, darunter 19 Frauen. An dieser Mordbilanz wirkten Staatsanwälte und Richter des Reichskriegsgerichtes willfährig mit. Hitler nahm auf den "Rote-Kapelle-Prozess" immer wieder direkten Einfluss. Er ordnete für die vier Hauptbeschuldigten des ersten Prozesses im Dezember 1942 den Tod durch Erhängen an und hob die gegen Mildred Harnack und Erika von Brockdorff ausgesprochene Haftstrafe auf. Worauf sie in einem erneuten Prozess zum Tode verurteilt wurden. Und er lehnte den Gnadenerweis gegen die am 5. August hingerichteten Frauen und Männer ab.Der größte Teil der verhafteten Frauen und Männer gehörte Berliner Freundes- und Widerstandskreisen um den Oberregierungsrat im Wirtschaftsministerium Arvid Harnack und um den Oberleutnant Harro Schulze-Boysen aus dem Luftwaffenministerium an. Sie hatten sich an Diskussionen und an einzelnen kleinen Aktionen gegen das NS-Regime seit Anfang 1942 beteiligt, entwarfen und verteilten Flugblätter, dokumentierten NS-Verbrechen, halfen Verfolgten, knüpften Verbindungen zu weiteren Nazi-Gegnern. Harnack und Schulze-Boysen informierten die sowjetische Botschaft über den bevorstehenden Einfall deutscher Truppen in die Sowjetunion. Stalin verwarf diese Warnungen als Desinformationen. Ein vorgesehener Funkkontakt in die Sowjetunion, an dem mein Vater mitwirkte, kam nicht zu Stande. Andere gewährten aus Moskau kommenden deutschen Emigranten, die im Frühjahr 1942 als Fallschirmspringer hinter der Front abgesprungen waren und sich nach Berlin durchgeschlagen hatten, vorübergehend Unterkunft. Meine Mutter hatte Flugblätter verteilt, Nachrichten aus dem Moskauer Rundfunk abgehört, die Angehörigen von deutschen Kriegsgefangenen wissen lassen, dass ihre Väter oder Söhne lebten. Manchmal hatte sie meinem Vater geholfen, das nicht funktionierende Funkgerät bei Freunden unterzustellen.Der 5. August gehört zu den schwierigen Tagen in meinem Leben. Manchmal habe ich ihn verdrängt. Oft hatte ich das Gefühl, mich zu diesem Tag nicht richtig verhalten zu können. Meine Mutter hat sich am 2. August endgültig von mir verabschieden müssen. Ihre Mutter nahm mich in Empfang. Ohne es zu merken, hatte ich das Frauengefängnis verlassen. Ein Ort, in dem ich über acht Monate vielleicht meine beste und behütetste Zeit meines Lebens verbracht hatte. Erst viel später habe ich begriffen, was da mit ihr und mit mir passiert war. Geblieben ist eine sehnsuchtsvolle Zwiesprache und eine offene Wunde, eine Trauer, für die es wohl keinen Trost gibt. Unser Autor, Hans Coppi, wurde im November 1942 im Frauengefängnis geboren. Er hat mit Geertje Andresen das Buch "Dieser Tod passt zu mir. Harro Schulze-Boysen Grenzgänger im Widerstand" im Aufbau-Verlag veröffentlicht. Es ist 2002 als Taschenbuch erschienen.Am 5. August findet um 10 Uhr eine Kranzniederlegung in der Gedenkstätte Plötzensee statt. Um 12.30 Uhr wird im Eingang zur Fachhochschule der BfA, Nestorstr. 25, eine Ausstellung zu Hilde Coppi und um 19 Uhr wird im Haus der Demokratie, Greifswalder Straße 4, eine Ausstellung zur "Roten Kapelle" eröffnet."Der 5. August gehört zu den schwierigen Tagen in meinem Leben. " ARCHIV HANS COPPI "Hilde Coppi, Hochverrat und Landesverrat, Schulze-Boysen-Kreis, zart, fein, tapfer, ganz selbstlos. " So lautet ein anonymer Eintrag auf einer Karteikarte. Hilde Coppi gebar ihren Sohn , den Autor dieses Beitrags, im Gefängnis.