Vor zehn Jahren ist Ken Adam schon mal hier gewesen. Vermutlich fand er die Hallen, Filmstudios und Kulissen in Babelsberg damals reichlich kümmerlich. Aber so sagt er es nicht. Er sagt es auf die britische Art: "Ich war nicht sehr beeindruckt." Wie sollte er das auch sein - Ken Adam ließ einst in London die größte Filmhalle der Welt bauen, weil das Unterwasserlabor, das er für den James-Bond-Film "Der Spion, der mich liebte" baute, in keinen vorhandenen Raum auf dem Studiogelände Pinewood reinpasste. Und in den 60er- und 70er-Jahren schuf er den fiesesten Schurken der Filmwelt, Dr. No und Goldfinger, elegante und raffinierte Kommandozentralen.Nun hat der Mann, der als Filmarchitekt und Designer der ersten sieben James-Bond-Filme berühmt wurde und die Ausstattung von 80 Filmen prägte, ein Büro im Filmpark Babelsberg. Im Erdgeschoss von Haus acht produziert Sat 1 seine Talkshow "Peter Imhof", darüber arbeitet das Art Department von Istvan Szabos Film "Taking Sides - Der Fall Furtwängler". Ken Adam leitet die Abteilung, die den "Look" des 20-Millionen-Mark-Projekts kreieren wird - nach dem Stalingrad-Epos "Enemy at the Gates" wieder mal eine Großproduktion, die in Babelsberg entsteht.Von den Hallen auf dem Studiogelände ist der 79-Jährige immer noch nicht beeindruckt - "die müssten hier mal was richtig Großes hinstellen". Von seinen zehn Mitarbeitern aber schon, die dafür sorgen, dass die Skizzen des zweifachen Oscar-Preisträgers zu Filmkulissen und Studiobauten werden. Das Team, eine Mischung aus jungen Zeichnern und Ausstattern und altgedienten Studioangestellten aus Defa-Zeiten, ist aber auch sorgfältig ausgewählt: "Ich habe vorher allen Angst gemacht; die wissen, wie anspruchsvoll ich bin." Diesmal muss er keine Fantasie-Welt entstehen, sondern eine vergangene Zeit auferstehen lassen: Berlin im Jahr 1946. Der Film nach einem Theaterstück von Ronald Harwood erzählt das Entnazifizierungsverfahren nach, dem sich der Dirigent und Chef der Berliner Philharmoniker Wilhelm Furtwängler 1946 stellen musste. Wie sehr sich Kunst treu bleiben könne in einer Diktatur und wann Verstrickung und Schuld begännen, das sei das Thema des Films, sagt Ken Adam. Und darum habe er sich entschieden, für ein halbes Jahr von London nach Berlin zu kommen: weil ihn, den Sohn einer jüdischen Berliner Familie, der mit 13 Jahren nach London emigrieren musste, diese Frage besonders interessiert.Die Suche nach geeigneten Drehorten geriet Ken Adam so auch ein wenig zu einer Reise in die eigene Kindheit in Berlin. "Sehr nostalgisch" sei er geworden, als er die großbürgerliche Altbauwohnung am Kurfürstendamm betrat, in der ein paar Szenen spielen sollen: in einer ähnlichen Wohnung in Tiergarten hatte er gelebt, als er noch Klaus Adam war und Sohn des erfolgreichen Sportgeschäft-Inhabers Fritz Adam. Der vornehme alte Westen ist Ken Adams Berlin geblieben - hier wohnt er, wann immer er in der Stadt ist, zuletzt vor ein paar Monaten, als er den Lichthof des Martin-Gropius-Baus für die Ausstellung "Sieben Hügel" gestaltete. Hier, an der Fasanenstraße, steht das Hotel Savoy, in dem er bei jedem Besuch eine kleine Drei-Zimmer-Suite bezieht. In einem der Zimmer ist eine Küche, da kocht Adams italienische Frau Letizia Moauro, mit der er seit 48 Jahren verheiratet ist, abends Pasta. Danach setzt sich Ken Adam oft noch auf eine Zigarre in den Club "La Casa del Habano" im Erdgeschoss des Hotels. Ken Adam kam immer wieder mal nach Berlin, doch nie für so lange Zeit wie dieses Mal. "Wir mögen die Stadt wirklich", sagt er, und meint sich und Letizia. Ein bisschen provinziell findet er seine frühere Heimatstadt, aber mit viel Charme. "Ganz wunderbar" nennt er das Jüdische Museum. Das verrät eine Geistesverwandtschaftt zwischen dem Architekten Daniel Libeskind und dem Filmarchitekten: Mit schiefen Winkeln, Schrägen und verzerrten Perspektiven hat auch Ken Adam immer wieder gearbeitet. "Theatralisch" nennt er seine Fantasie, der er immer lieber an extravaganten Studiobauten freien Lauf ließ als an "echten" Drehorten.Für "Taking Sides" durfte er nur eine Kulisse im Studio bauen: das Büro des amerikanischen Majors - gespielt von Harvey Keitel - der Wilhelm Furtwängler verhört. Hier spielt fast die Hälfte des Films, der Rest wird in Villen gedreht, in einem alten Café, einer Kirche und auf den Straßen des zerbombten Berlin. Eine richtig große Halle wird Ken Adam in Babelsberg nicht hinterlassen: Die Ruinen lässt er sich vom Computer bauen.BERLINER ZEITUNG/CHRISTIAN SCHULZ Wenn Ken Adam in seinem Büro in Babelsberg zeichnet, hält oft die eine Hand den Stift, die andere die Zigarre.