Berlin bei Nacht. Ein Sündenpfuhl! Und dahinein soll ich mich stürzen?" Noch war Joseph Goebbels Angst und Bange bei dem Gedanken, nach Berlin zu gehen, um dort als neuer Gauleiter die verlotterte NSDAP auf Vordermann zu bringen. Dieses "Stadtungeheuer aus Stein und Asphalt" war schon etwas Anderes als das beschauliche Rheydt am Niederrhein, seine Heimatstadt. Aber der "Führer" wünschte es; das schmeichelte Goebbels. Und reizte ihn nicht doch die Reichshauptstadt? Als ihn am 30. Oktober 1926 ein Brief Hitlers erreichte, notierte er jedenfalls in seinem Tagebuch: "Berlin ist perfekt. Hurra!"Am 7. November bestieg Goebbels den Zug. Der Abschied fiel ihm nicht leicht. In seinem Buch "Kampf um Berlin" heißt es: "Ein kurzes Winken, ein fester Händedruck. Mein braver Benno, ein herrlicher deutscher Schäferhund, heult ein letztes Mal klagend zum Abschied auf." Die ganze Fahrt beschäftigte ihn nur ein Gedanke: "Was erwartet mich in Berlin?"Nun, das ist bekannt. Goebbels machte sich mit rabiaten Auftritten rasch einen Namen, er steht noch heute als Synonym für volksverhetzende Demagogie. 1933 dann avancierte er zum Reichspropagandaminister, ein Jahr später ernannte Berlin ihn zum Ehrenbürger. Auch für den deutschen Film war er zuständig und galt bald als "Bock von Babelsberg". Die Gerüchte um seine Affären sind Legion.Aber eigentlich hatte Joseph Goebbels andere Ziele: 1943 vertraute er dem Tagebuch an, mit der "Befreiung Berlins von den Juden" habe er eine seiner größten "Leistungen" vollbracht. Gerade mal zwei Jahre später, die Welt um ihn herum lag in Trümmern, beging er gemeinsam mit seiner Frau Magda Selbstmord. Denn: "Die Welt, die nach dem Führer und dem Nationalsozialismus kommt, ist nicht mehr wert, darin zu leben." Zuvor hatte er seine sechs Kinder - Helga, Hilde, Helmut, Holde, Hedda und Heide - mit Zyankali vergiftet.Goebbels machte Eindruck im Berlin der zwanziger Jahre. "Es gehört zum guten Ton, nicht nur seinen Versammlungen beigewohnt und einen kleinen blauen Fleck auf dem Rücken davongetragen zu haben", schreibt Heinz Pol in der "Weltbühne", "sondern man muss auch festgestellt haben, dass der Diktator des Nollendorfplatzes ein schwerer Epiker ist und ein zartes lyrisches Talent dazu." Goebbels, der kleine Nazi mit der großen Schnauze, ein Schriftsteller? Dass er anders war als seine nicht gerade durch Schöngeistigkeit auffallenden Parteigenossen, verkündeten schon die Plakate: "Dr. Goebbels spricht." Immer hat er ein Klassikerzitat parat, bis zum Schluss. Was wäre sein "Wollt ihr den totalen Krieg?" im Sportpalast ohne das Pathos der skandierten Körner-Zeilen: "Nun Volk steh auf,/ Und Sturm brich los"? Wer war dieser Joseph Goebbels, der vor 75 Jahren Gauleiter von Berlin wurde?Paul Joseph Goebbels, 1897 in Rheydt geboren, wuchs in einer Familie auf, die geprägt war vom unbedingten Willen, ins Bürgertum aufzusteigen. Der Vater hatte es vom Laufburschen zum Prokuristen einer Dochtfabrik gebracht. Auf dem mühsam ersparten Klavier musste der Sohn fleißig üben. Das tat er nicht ungern, denn die Außenwelt schien ihm versperrt. Sein kleiner Wuchs und vor allem der Klumpfuß - wohl die Folge einer Knochenmarkentzündung - ließen ihn zum Objekt von Hohn und Spott werden. Tag für Tag schleppte ihn die Mutter in die Kirche. War der verkrüppelte Fuß eine Strafe Gottes?Goebbels zumindest waren solche Gedanken nicht fremd: "Warum hatte Gott ihn so gemacht, dass die Menschen ihn verlachten und verspotteten?", notierte er 1919 in einem autobiografisch geprägten Romanversuch. "Warum durfte er nicht wie die anderen sich und das Leben lieben? Warum musste er hassen, wo er lieben wollte und lieben musste?"Er floh in die Welt des Geistes, las am liebsten Goethe und Schiller, Keller und Raabe und zeichnete sich durch enormen Fleiß in der Schule aus. Zum Stolz der Eltern besuchte er das Gymnasium und durfte 1917, weil er den besten Deutsch-Aufsatz geschrieben hatte, die Abiturrede halten. Mitten im Krieg, feierte er, der nicht ins Feld ziehen konnte, den Tod gefallener Mitschüler als Opfer für die Nation: "Denn sie haben das Größte und Herrlichste geleistet, indem sie ihre reinen Seelen freudig auf den Altar des Vaterlandes legten", predigte Goebbels vom Podium herab. "Vor allem, meine lieben Freunde, wollen wir dafür sorgen, dass uns unserer Jugend frischer, von der Welt noch unberührter Idealismus bewahrt bleibe. Er soll uns in den nächsten Jahren ein starker Führer sein, er soll als hell leuchtender Stern unserem Leben scheinen." "Tief und träumerisch", so sah sich Goebbels, der in Bonn sein Studium der Germanistik begann und es später in Freiburg und Heidelberg vollendete. Er schrieb Gedichte und kleine Novellen. Veröffentlichen wollte sie niemand. Zwar war er in die bildungsbürgerliche Sphäre aufgestiegen, doch litt er unter ständiger Geldnot. Gegenüber den Kommilitonen aus bürgerlichen Häusern kam er sich vor wie "ein Paria, ein Verfemter, ein nur Geduldeter". Besonders quälte es ihn, als er sich in die reiche Anka Stahlherm verliebte. Sie betrog ihn mit einem anderen, er schrieb Gedichte und einen autobiografischen Roman, um ihr seine Auserwähltheit zu beweisen. Doch sie heiratete kurze Zeit später einen wohlhabenden Rechtsanwalt. Goebbels war am Boden zerstört, fantasierte von Selbstmord und setzte einen Bruder als "literarischen Nachlassverwalter" ein. Er vertagte den Suizid mit der Entscheidung: "In Heidelberg promovieren und dann Schluss machen."Diesen Vorsatz erfüllte er bekanntlich nur zur Hälfte. Im April 1922 überreichte ihm sein Doktorvater, der jüdische Professor Max von Waldberg - und nicht wie oft behauptet der Stefan-George-Meisterschüler Friedrich Gundolf -, die Dissertationsurkunde. Thema der Arbeit war "Wilhelm von Schütz als Dramatiker". Auf den Doktortitel war Goebbels unendlich stolz. Nie mehr sollte er seinen Namen ohne den Zusatz verwenden. Seine flüchtig hingekritzelte Paraphe lautete auch im "Dritten Reich" nur "Dr. G.".Goebbels kehrte ins Elternhaus zurück. Konkrete Berufspläne besaß er keine. Getragen war er nur vom diffusen Glauben, eine Bestimmung zu haben. Zunächst versuchte er sein Glück im Journalismus. Über einige Artikel bei der "Westdeutschen Landeszeitung" und eine kurze, stundenweise Anstellung kam er jedoch nicht hinaus. Die Zeit der Inflation war nicht eben günstig für Berufsanfänger. Goebbels war wie gelähmt. Er lebte in der Dachkammer seiner Kindertage und unternahm nichts, sein Schicksal zu ändern.Erst seine neue Freundin Else Jahnke verschaffte ihm im Januar 1923 in Köln eine Anstellung bei der Dresdner Bank. Dem Idealisten und promovierten Philologen war dieser "Tempel des Materialismus" ein Graus. Nach wenigen Monaten ließ er sich krank schreiben und war heilfroh, im Herbst die Kündigung zu erhalten. Wieder zu Hause las er viel, verfasste Dramen und arbeitete seinen Roman von 1919 um. Doch kein Verlag zeigte Interesse, niemand wollte das Manuskript "Michael Voormann. Ein Menschenschicksal in Tagebuchblättern" drucken.Über zwei Jahre waren seit seiner Promotion vergangen. "Ich bin gereizt und ungenießbar. Ich sitze den ganzen Tag hier oben auf meinem Büdchen, lese, grübele, ärgere mich, denke über allerhand dummes Zeug nach und bin froh, wenn man mich in Ruhe lässt. Für die Zukunft kann ich nichts unternehmen und habe demgemäß auch keine bürgerlichen Hoffnungen. Es muss ein Wunder geschehen." Die Tagebucheinträge der Zeit schwanken zwischen der Hoffnung zu Höherem berufen zu sein und tiefstem Selbstzweifel: "Ich warte auf den Geist der Gegenwart und bin gewiss, dass er in den Besten unseres Jahrhunderts lange schon arbeitet. Dürfte ich mich auch zu diesen rechnen? Ewige Frage nach dem eigenen Bedeuten! Wer bin ich, wozu bin ich, was ist meine Aufgabe und was mein Sinn? Darf ich an mich selbst glauben? Warum glauben die anderen nicht an mich? Bin ich ein Faulenzer, oder ein Geschickter, der auf das Wort Gottes wartet? Aus der tiefsten Verzweiflung rettet sich immer wieder das eine strahlende Licht: der Glaube an die eigene Reinheit und daran, dass einmal doch meine große Stunde kommen muss."Goebbels, der Spenglers "Untergang des Abendlandes" und Chamberlains "Grundlagen des XIX. Jahrhunderts" gelesen hatte, flüchtete sich in den Glauben, sein Schicksal sei mit dem der deutschen Nation verbunden. Böse Kräfte hielten sie - und ihn - am Boden. In diesen Monaten radikalisierte sich sein Antisemitismus, der in seinem Hass auf das Geld gründete: "Das Geld, das ich nicht habe, drückt mich nieder." Und einen Monat später schreibt er: "Der verfluchte Gedanke des Geldes! Das Geld ist die Kraft des Bösen und der Jude sein Trabant. Arier, Semit, positiv und negativ, aufbauend, niederreißend. Der Jude hat die schicksalhafte Mission, die kranke arische Rasse wieder zu sich selbst zu bringen. Unser Heil oder unser Verderb. Das hängt von uns ab."Im Lauf des Jahres 1924 begann der in München stattfindende Prozess gegen die Putschisten des 9. November 1923 Goebbels Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. War Hitler vielleicht der "Führer", der die Erlösung bringen würde? Goebbels schloss sich nun öfter dem alten Schulkameraden Fritz Prang an und besuchte Versammlungen der verbotenen NSDAP. Prang nahm Goebbels auch mit nach Weimar, wo sich im August 1924 die Reste der nationalsozialistischen Partei unter Gregor Strasser mit den Deutschvölkischen von Erich Ludendorff zusammentaten. Goebbels war zutiefst beeindruckt von der kleinen Stadt an der Ilm, in der sich einige Tausend Anhänger beider Parteien versammelt hatten: "Ja, dieses prächtige Weimar. Ein Platz der gesegneten Kultur einer schöneren Zeit. Und dann heute dieses Festleben in der Stadt. All diese Jugend, die mit mir kämpft. Das Herz geht mir auf! Oh, unsere gesegnete Jugend! Wir Begeisterten, wir Fanatiker! Heilige Flamme glüh !" Wie einen Traum durchlebte er die Tage in Weimar. Goebbels berauschte sich an dem Gedanken, dass Goethe und Schiller die Paten der "Bewegung" seien: "Und dies alles um das Denkmal der beiden Großen. Sie stehen stumm und halten die Hände einander fest. Und deuten keines ihrer Worte. Und doch glaube ich, dass sie an dem Schauspiel da unten ihre Freude haben. Vor allem der Schiller, der tolle Brausekopf." Weimar war für den promovierten Germanisten die Erweckung. Kaum zurück in der Heimat, gründete er mit Prang zusammen die erste Ortsgruppe der "Nationalsozialistischen Freiheitsbewegung". Hatte er das Jahr zuvor nur in der Dachstube gehaust, sollte er im kommenden Jahr 189 Reden für den Nationalsozialismus halten.Der aus der Haft entlassene Hitler erkannte rasch die Potenzen des kleinen Doktors. Leicht gelang es ihm, diesen, der mit Strasser für sozialrevolutionäre Ziele eingetreten war, auf seine Seite zu ziehen. Goebbels verfiel dem "Führer": "Hitler ist da. Meine Freude ist groß", vertraute er dem Tagebuch 1925 an. "Er begrüßt mich wie einen alten Freund. Und umhegt mich. Wie lieb ich ihn! So ein Kerl! Und er erzählt den ganzen Abend. Ich kann nicht genug hören. Wie klein ich bin! Er gibt mir sein Bild. Ich möchte Hitler als Freund haben. Ich könnte es nicht ertragen, an diesem Mann verzweifeln zu müssen." Hitler belohnte die Treue seines Jüngers und ernannte ihn am 28. Oktober 1926 zum "Gauleiter von Groß-Berlin", wohl wissend, dass Talent und sozialistische Attitüde Goebbels dazu prädestinierten, die dortige Partei in eine schlagkräftige Organisation zu verwandeln. Berlin war das rechte Pflaster für Goebbels hemmungslosen Aktionismus. Auffallen, koste es, was es wolle, war sein Ziel. Den meisten Wirbel versprach die Konfrontation mit den Kommunisten. So wählte Goebbels für seine erste Großkundgebung die Pharus-Säle, den traditionellen Veranstaltungsort der KPD im "roten Wedding". Die Schlacht mit Kommunisten und Polizei brachte ihm die gewünschten Schlagzeilen. Andererseits war ihm am gediegenen Auftritt gelegen. Gerne ließ er sich in einer Limousine kutschieren. Als er dafür kritisiert wurde, die Parteigenossen seien arme Teufel und nähmen daran Anstoß, soll Goebbels geantwortet haben: "Da sind Sie aber gehörig im Irrtum. Ich soll kein Taxi nehmen? Im Gegenteil. Wenn ich in zwei Autos fahren könnte, würde ich in zweien kommen. Die Leute müssen sehen, dass die Firma auftreten kann!""Joebbels", spottete später Tucholsky, "Wat wärst du ohne deine Möbelpacker!/ Die stehn, bezahlt un treu, so um dir rum./ Dahinter du: een arma Lauseknacker,/ een Baritong fort Jachtenpublikum./ Die Weiber - hach - die bibbern dir entjejen/ un möchten sich am liebsten uffn Boden lejen/ Du machst un tust und jippst da an./ Joseph, du bist n kleener Mann."Zu Goebbels Auftreten gehörte auch das Kokettieren mit seinem Künstlertum. Später als Filmminister im "Dritten Reich" liebte er es, sich in Gesellschaft ans Klavier zu setzen. Im Berlin der Zwanziger überarbeitete er seinen Roman und ließ ihn unter dem Titel "Michael. Ein deutsches Schicksal in Tagebuchblättern" im parteieigenen Verlag erscheinen. Heinz Pol fantasierte wohl ein wenig, als er in der "Weltbühne" über eine Feier im exklusiven Tennisklub Blau-Weiß berichtete: "Im Trubel der wohl assortierten Menge erblickte man unter andern den Verleger Ernst Rowohlt und den Berliner Arbeiterführer Doktor Joseph Goebbels. Prost , sagte Rowohlt, trank sein Sektglas zu Ende und aß es dann auf. Prost, mein lieber Goebbels, ich hoffe, dass ich das Vergnügen haben werde, Ihr nächstes Buch herausgeben zu dürfen. Der Arbeiterführer lächelte sein berühmtes bestrickendes Lächeln und sagte dunkel: Das hängt von den Prozenten ab, Herr Rowohlt. Einige Gäste, in der deutschen Literatur der Gegenwart nicht allzu bewandert, mischten sich in das Gespräch und fragten mit staunendem Mund: Aber hat denn Herr Doktor Goebbels schon ein Buch geschrieben? Davon wussten wir ja noch gar nichts! Der Arbeiterführer winkte leicht mit der Faust ab." Und wie war Goebbels als Schriftsteller? Heinz Pol bringt es wohl auf den Punkt: "Beim ersten Mal lacht man, dann wird einem speiübel."Goebbels machte Eindruck im Berlin der zwanziger Jahre. "Der Diktator des Nollendorfplatzes", schrieb Heinz Pol in der "Weltbühne", "ist ein schwerer Epiker und ein zartes lyrisches Talent dazu. " ULLSTEIN Vor dem Auftritt, Propagandaminister Dr. Joseph Goebbels, im März 1936.