Musik machen heißt, zu vielen Leuten sprechen", hat der Komponist und Dirigent Leo Spies einmal gesagt, der zeitweilig Sekretär der Sektion Musik der Ostberliner Akademie der Künste war und 1965 verstorben ist. Nun will ich keine Musik machen, sondern ein Rundfunkorchester rühmen, das das älteste Deutschlands, wenn nicht Europas ist und dessen Geburtsstunde mit der Gründung des Rundfunks vor 75 Jahren zusammenfällt und das sich bis heute die Pflege der zeitgenössischen Musik auf seine Fahnen geschrieben hat.Zwei Tage nach diesem 29. Oktober 1923 beschrieb ein witziger Journalist unter dem Pseudonym "Sindbad" in den "Hamburger Nachrichten" das neue Erlebnis Radio folgendermaßen: "Damit kann er (der Hörer) dann Konzerte im eigenen Heim veranstalten lassen und die Ausgaben für Straßenbahn, Programm und Garderobe sparen, die uns heute den Kunstgenuß schon vor der Saaltür verbittern. Mutter hat dann das Vergnügen, beim Kartoffelpufferbacken Battistini singen zu hören, Vater kann während des Zeitunglesens der großen Arie der Marta in der Berliner Oper lauschen." Schließlich resümiert er: "Vorläufig sind aber erst die Berliner so weit " Hinter dem Pseudonym "Sindbad" verbarg sich der Journalist Hans Bodenstedt, der ein begeisterter Radiomann war und fünf Monate später mit dem Aufbau des Rundfunkprogramms in Hamburg beauftragt wurde. In diesen 75 Jahren hat das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB) nicht nur alle Höhen und Tiefen der deutschen Rundfunkgeschichte durchlebt, sondern auch das Auf und Ab der politischen Geschichte unseres Landes mit ertragen. Erst seit 1994, seitdem es die Rundfunk-Orchester und -Chöre (ROC) GmbH gibt, kann es gesichert die Früchte der gewonnenen Freiheit genießen.Ein neues MediumAls der Rundfunk 1923 gegründet wurde, war es eine der schwersten Stunden der Weimarer Republik. Seit Mitte August war die Regierung Stresemann für ein Vierteljahr im Amt. Es war der Höhepunkt der Inflation, im Ruhrgebiet hatte die Besetzung durch die Franzosen zum "passiven Widerstand" der Bevölkerung geführt. Es gab erneut Konflikte mit Bayern, Sachsen und Thüringen. Separatistische Bewegungen im Rheinland und in der Pfalz riefen die Autonomie aus. Am Tag der Berliner Rundfunkeröffnung, also am 29. Oktober, setzte die Reichsregierung die sächsische Volksfrontregierung ab. Am 9. November putschte Hitler in München. Die Arbeitslosigkeit stieg ins Unermeßliche, Hunger und Armut herrschten. Der Staat stand auf der Kippe, man sprach vom Finis Germaniae. In dieser Situation den Rundfunk zu gründen, also an die Lebensfähigkeit eines neuen Mediums zu glauben, dazu gehörten geistige und seelische Kraft, vielleicht auch Neugierde auf Neues, Unbekanntes, vor allem aber Unternehmungsgeist.Der Rundfunk wuchs und wuchs, und mit ihm ein Orchester. Zunächst wurden die einzelnen Musiker aus anderen Orchestern ausgeliehen. Doch schon bald merkte man, daß das nicht ausreichte, weil es technische Schwierigkeiten gab man hatte nur ein Mikrophon zur Verfügung. So konnte Kurt Weill in der ersten Rundfunkzeitschrift "Der deutsche Rundfunk" über die Gründung eines eigenen Funkorchesters berichten, "das dann speziell auf die Erfordernisse der Senderaum-Akustik hin erzogen werden mußte". Das war im Frühjahr 1924. Weill fuhr dann fort: "Deutlich wurde spürbar: es fehlte die leitende Hand, um diesen Orchesterkörper zusammenzuhalten, um seiner Entfaltung den einheitlichen Willen der künstlerischen Persönlichkeit aufzuprägen. So entschloß man sich, den Posten eines ständigen Dirigenten des Funkorchesters zu schaffen." Nach den ersten Chefdirigenten Wilhelm Buschkötter (1924 bis 1926) und Bruno Seidler-Winkler (1926 bis 1932) trat mit Eugen Jochum (1932 bis 1934) ein profilierter, junger Künstler an die Spitze des aufstrebenden Ensembles. Schon in den ersten Jahren standen als Gäste bewährte Dirigenten wie Hermann Abendroth, Bruno Walter, Otto Klemperer oder Erich Kleiber am Pult. Dazu kamen viele bedeutende zeitgenössische Komponisten: Richard Strauss, Hans Pfitzner, Franz Schreker, Arnold Schönberg, Arthur Honegger. Ein Höhepunkt war es, als Igor Strawinsky am 23. Oktober 1931 die Uraufführung seines Violinkonzertes "Concerto in Ré" leitete.Am 29. Mai 1929 wurde der Grundstein für das neue Funkhaus an der Masurenallee gelegt, und es konnte bereits am 22. Januar 1931 eingeweiht werden. Als Architekt hatte man Hans Poelzig gewonnen, der seit 1923 an der TH Berlin lehrte. Poelzig baute ein Rundfunkhaus, das modern, aber gleichzeitig klassisch wirkte. Der Große Sendesaal wurde erst zwei Jahre später fertig da herrschten schon die Nazis. Mit der Inbetriebnahme des Sendesaals am 20. August 1933 stand dem Orchester ein repräsentativer Konzert- und Aufnahmeraum zu Verfügung.Die Bedeutung des Rundfunks hatten die Nazis von Anfang an erkannt, und deshalb hatte Hitler ihn bereits am 15. Februar 1933 seinem Propagandaminister Goebbels unterstellt. Schon bald setzten "Säuberungen" ein, die nicht nur die jüdischen Komponisten und Künstler vertrieben. Fortan war gemäß der nationalsozialistischen Ideologie jedes Experiment verboten. Atonalität war artfremd, Musik sollte das Herz und das Gefühl ansprechen, nicht den Verstand. Musikkritik wurde verboten und durch Musikbetrachtung ersetzt. Schönberg, Hindemith, Eisler, Strawinsky und viele andere waren unerwünscht, ihre Werke wurden verfemt. "Kulturelles Erbe" waren Bach, Mozart, Beethoven, Bruckner und Wagner, die in glanzvollen Aufführungen gefeiert wurden.Höhepunkt waren die von Goebbels organisierten Reichsmusiktage Ende Mai 1938 in Düsseldorf. Während dieser Zeit wurde auch die Ausstellung "Entartete Musik" gezeigt. Hans Severus Ziegler, der damalige Generalintendant des Nationaltheaters Weimar, der die Ausstellung zusammengestellt hatte, sagte in seiner Eröffnungsrede: "Was in der Ausstellung ,Entartete Kunst zusammengetragen ist, stellt das Abbild eines wahren Hexensabbat und des frivolsten geistig-künstlerischen Kulturbolschewismus dar und ein Abbild des Triumphes von Untermenschentum, arroganter jüdischer Frechheit und völliger geistiger Vertrottelung."So opportunistisch, angepaßt und verlogen konnten die Intellektuellen dieser Zeit sein, von der Hannah Arendt einmal verbittert gesagt hat, sie seien die Menschen, denen zu jeder Situation noch etwas einfiele.Nach dem Krieg galt es neben dem klassischen und romantischen Repertoire vor allem die Werke der von den Nazis Vertriebenen, Verfemten, Verbotenen aufzuführen. So gab es viele Ur- und Erstaufführungen, vor allem von Hindemith, aber auch von Bartók, Strawinsky, Prokofjew und Schostakowitsch. Chefdirigent war 1945 Sergiu Celibidache, der 1991 auch Ehrenmitglied des Orchesters wurde. Celibidache war damals Musikstudent in Berlin, also ein völlig unbeschriebenes Blatt. Die sowjetische Besatzungsmacht hatte zur Leitung des Rundfunk-Sinfonieorchesters einen Dirigentenwettbewerb ausgeschrieben, und Celibidache gewann ihn mit der 1. Sinfonie von Brahms und Strawinskys "Feuervogel-Suite". Er blieb nur ein Jahr beim RSB, weil er bereits 1946 anstelle von Wilhelm Furtwängler, dem die Alliierten bis zum Entnazifizierungsverfahren Berufsverbot erteilt hatten, die Leitung der Berliner Philharmoniker übernahm. Das war eine sensationelle Karriere.Das "Haus des Rundfunks" hatte den Krieg relativ unzerstört überstanden. Es lag zwar im britischen Sektor, wurde aber von den Sowjets beherrscht. Das RSB unter Artur Rother und Hermann Abendroth spielte weiter im Großen Sendesaal in der Masurenallee, bis als Folge des "Kalten Krieges", der schon bald einsetzte, die britische Militärpolizei Anfang Juni 1952 den "Russen-Sender" blockierte. Die sowjetische Enklave mitten im britischen Sektor sollte verschwinden, und so zog das Orchester nach Berlin-Köpenick, in die Nalepastraße. Die ideologische Gängelung folgte auf dem Fuße. Man propagierte den "Sozialistischen Realismus", setzte auf Populismus, beharrte also auf Traditionalismus, war gegen "Formalismus", den man beispielsweise auch Dessau und Brecht beim "Lukullus" vorwarf. Die SED bestimmte, wo es langging. Nur "das fortschrittliche Leben unserer Zeit" sollte auch den Inhalt der Kompositionen bilden. "Praktiken des NS-Staates", so schreibt Dieter Uhrig, "schienen hierin erneut ihre bereits erprobte totalitäre Wirkung zu zeigen."Doch der heutige Intendant des Schauspielhauses, in dem dieser Festakt stattfindet, Frank Schneider, der zusammen mit einem westdeutschen Wissenschaftler ein mehrbändiges Werk über "Neue Musik im geteilten Deutschland" herausgab, kommt bei seiner Analyse der 50er Jahre zu folgendem Ergebnis: "Aber der permanente Versuch, auch solche zentralen, praktizierenden Einrichtungen, wie z. B. die Musiksparten des Rundfunks, des Kulturbundes, der Akademie der Künste, das musikwissenschaftliche Institut der Hochschule und nicht zuletzt die Spielplanpolitik der Ostberliner Opernhäuser und Sinfonieorchester gleichzuschalten, gelang nicht immer im gewünschten Maße, weil dort in den 50er Jahren neben dem Häuflein willfährig-militanter Genossen noch immer hochqualifizierte, unabhängig denkende Spezialisten oder international bekannte Künstler wirkten "Von 1959 an leitete Rolf Kleinert und von 1973 bis 1993 Heinz Rögner das Orchester. Unter Kleinerts minutiöser Arbeit wurde ein Teil des Repertoires in Stereophonie neu aufgenommen. Viele unbequeme Werke konnten so am offiziellen Kurs vorbei eingespielt und aufgeführt werden. Auch gesellschaftspolitisch trug das Orchester zur Wende bei, weil es noch im September 1989 eine Resolution verfaßte, in der es hieß: "Immer deutlicher treten die Differenzen zwischen den Erwartungen der Bürger an die Lebensqualität einerseits und der Realität in der DDR andererseits zutage. Die gegenwärtigen Ereignisse, daß Zehntausende legal oder illegal das Land verlassen, zeigen, daß Enttäuschung und Resignation über unzureichende Perspektiven in allen Schichten und Altersgruppen der Bevölkerung wachsen." Die Leitung des Staatsrundfunks drohte umgehend mit der Auflösung des Orchesters.Acht Monate nach dem Fall der Mauer und drei Monate nach den ersten freien Wahlen in der DDR entstand im Juni 1990 ein neues Radio-Programm aus den Sendern "Radio DDR II" und Deutschland-Sender unter dem Namen "Deutschlandsender Kultur" (DS Kultur). Kultur stand im Mittelpunkt, Musik machte mehr als die Hälfte des Programms aus.Der Einigungsvertrag sah in Artikel 36 eine Beendigung des DDR-Staatsrundfunks bis zum 31. 12. 1991 vor. Bis dahin sollte einerseits das Programm aufrechterhalten werden, andererseits sollten die mehr als 14 000 Mitarbeiter "abgebaut" oder in öffentlich-rechtliche Anstalten überführt werden. Als Rundfunkbeauftragten setzten die Ministerpräsidenten Rudolf Mühlfenzl ein, der "die Einrichtung", wie es damals hieß, pünktlich "abwickelte". Es ist keine dankbare Aufgabe, wenn man Entlassungen verantworten muß. Rudolf Mühlfenzl ist deshalb für seine Aufgabe oft angegriffen worden. Man muß jedoch sagen, daß er sich mit großem persönlichem Engagement für den Erhalt von DS Kultur, Rundfunk-Sinfonieorchester und Chor eingesetzt hat. Dafür gebührt ihm an einem Tag wie diesem Dank und Anerkennung.Politische EntscheidungenIm Frühjahr 1991 sah es eine Zeitlang so aus, als wenn DS Kultur gemeinsam mit dem Deutschlandfunk in Köln und dem Rias Berlin, deren Programmauftrag mit der Wiedervereinigung ebenfalls obsolet geworden war, unter die Fittiche des ZDF kommen würde. Das ZDF war national wie international die einzige große Fernsehanstalt, die leicht über die Möglichkeit verfügte, Hörfunk auszustrahlen. Wir hätten diese Aufgabe gern übernommen. Doch die Politik hat anders entschieden. Die Ministerpräsidenten befürchteten, daß dann ein weiterer Ausbau des somit eingerichteten "Hörfunkbeines" des ZDF einhergehen würde. Bei ihrem Treffen am 28. Februar 1991 beschlossen sie deshalb, die drei Sender unter ihre Obhut zu stellen mit dem Tendenzbeschluß, ein nationales Hörfunkprogramm zu entwickeln.Am 1. August 1994 gelang es, Rafael Frühbeck de Burgos, der Mitte September dieses Jahres seinen 65. Geburtstag feiern konnte, als Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin zu gewinnen. Frühbeck war seit der Spielzeit 1991/92 Chefdirigent der Wiener Symphoniker und vor allem ab 1992/93 Generalmusikdirektor der Deutschen Oper Berlin. Diese Aufgaben gab er mit der Spielzeit 1997/98 ab, um sich ganz dem Rundfunk-Sinfonieorchester zu widmen, das er schon vorher nämlich seit April 1991 als Gast dirigiert hatte.Ich gratuliere dem Orchester zu seinem 75. Geburtstag, und ich wünsche ihm alles Gute für die Zukunft. Meine Worte kommen aus tiefer Überzeugung.Auszug aus einem Vortrag von ZDF-Intendant Professor Dieter Stolte zum 75. Jahrestag der Gründung des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin am 29. Oktober 1998.