Vor 90 Jahren wurden Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht von deutschen Freikorps ermordet: Noch schnell den Rocksaum genäht

Die Geschichte kennt keinen Konjunktiv. Doch was passiert wäre, hätten am Abend des 15. Januar die Wilmersdorfer Bürgerwehr niemanden angetroffen in der Mannheimer Straße 43 - keine "Spartakisten" und schon gar nicht die beiden Vorsitzenden der noch jungen KPD - ist eine interessante Frage. Was wäre geschehen, hätten diese braven Bürger keine Gefangenen gemacht und an die Freikorpssoldaten des Waldemar Pabst übergeben? Jener Hauptmann Papst, der noch in derselben Nacht den Mordbefehl erteilte, nach einem Telefonat mit Gustav Noske, dem SPD-Volksbeauftragten für Heer und Marine.Vermutlich waren sich Luxemburg und Liebknecht der Lebensgefahr nicht wirklich bewusst. Beide hatten es damals abgelehnt, Berlin zu verlassen; selbst eine Art Leibwache hielten sie nicht für nötig. Zudem hatten sie einen großen Teil ihres politischen Lebens im Gefängnis verbracht. Rosa Luxemburg packte bei der Verhaftung sogar noch ihren Koffer. Selbst kurz vor ihrer Ermordung nähte sie den beim Abtransport beschädigten Rocksaum und las in Goethes "Faust".Geschichte kommt von geschehen. Wenn nun aber Liebknecht nicht im Hotel Eden bespuckt, verhöhnt und mit einem Gewehrkolben niedergeschlagen worden wäre? Wenn man ihn nicht, unter der Führung des Kapitänleutnants Horst von Pflugk-Hartung, gegen 22.45 Uhr in einem Wagen mit offenem Verdeck in den Tiergarten gebracht und erschossen hätte? Und wenn nicht wenig später ein eingewisser Oberleutnant Kurt Vogel die Polin jüdischer Herkunft, die nur durch Scheinheirat deutsche Staatsbürgerin geworden war, aus dem bewachten "Arbeitszimmer" seines Hauptmanns geholt hätte? Wenn er sie nicht durch die Hotelhalle zum Ausgang gedrängt hätte? Dort wartete bereits der Soldat Otto Wilhelm Runge, um auf die erschöpfte Ein-Meter-Fünfzig-Person mit dem Gewehrkolben einzudreschen. Was wäre gewesen, wenn der Leutnant zur See Hermann Souchon wenige Augenblicke später nicht aufs Trittbrett des Wagens gesprungen wäre und Rosa Luxemburg durch einen Kopfschuss getötet hätte?"Ohne den Mord würden wir heute nicht von ihnen reden", so der Luxemburg-Biograf Jörn Schütrumpf. Wahrscheinlich wären Luxemburg und Liebknecht irgendwann aus der KPD ausgeschlossen worden. Denn nicht anders erging es ihren Nachfolgern an der Parteispitze: Paul Levi, Ruth Fischer und Heinrich Brandler. Von den 127 Delegierten, die sich am 30. Dezember 1918 im Gebäude des Preußischen Landtags eingefunden hatten, verließen in den Jahren darauf 37 die Partei als "Oppositionelle". Nur 29 Gründungsmitglieder blieben bis 1933 in der KPD aktiv, elf von ihnen wurden in den dreißiger Jahren in der Sowjetunion verhaftet; sieben wurden ermordet. Sich das Schicksal einer Rosa Luxemburg in der Stalin-Ära vorzustellen, dazu braucht es keine Fantasie. Mit deutlichen Worten hatte sie den frühen Terror der Bolschewiki kritisiert. Schütrumpf glaubt, dass Rosa Luxemburg nicht die Machtübernahme durch eine kleine Gruppe wollte, "keine Herrschaft der Minderheit über die Mehrheit".Der Historiker Sebastian Haffner sah in der Ermordung Luxemburgs und Liebknechts so etwas wie das Golgatha der deutschen Linken. - Ihr Tod ließ aus dem Graben zwischen Sozialdemokratie und radikaler Linken einen Abgrund werden. Dass die erste SPD-Regierung den Mord an ihren bekanntesten Kritikern zumindest billigend in Kauf nahm, diese Hypothek lastete wie ein Alptraum auf der Demokratie von Weimar.Dabei hatte ihr Tod auf den Ausgang der Revolution keinen Einfluss. Die Hauptakteure, so Haffner, waren die Revolutionären Obleute, die Matrosen, die Räteversammlungen und eben auch die überforderte Regierung Friedrich Eberts, der sich aus kruder Angst vor dem Bolschewismus der reaktionären Freikorps bediente (und umgekehrt). Doch habe niemand die Wirklichkeit der Novemberrevolution und die Gründe ihres Scheiterns - die Unaufrichtigkeit der SPD, die Zerfahrenheit der USPD, die Konzeptionslosigkeit der revolutionären Obleute - vom ersten Augenblick an so hellsichtig und rückhaltlos öffentlich analysiert wie Rosa Luxemburg Tag für Tag in der "Roten Fahne". Allerdings sei das eine journalistische Leistung gewesen, keine revolutionäre.Weder Rosa Luxemburg noch Karl Liebknecht waren revolutionäre Führer. Nach den langen Jahren der Haft bot sich beiden nur wenig Gelegenheit die politischen Ereignisse zu beeinflussen; ihnen blieb eine Lebensfrist von kaum mehr als zwei Monaten. Die wichtigsten Weichen waren bereits gestellt: Der Kaiser dankte ab, der Krieg war beendet, der Achtstundentag eingeführt. Die Räte hatten ihren Zenit längst überschritten.Wie gering der Rückhalt Luxemburgs und Liebknechts bei den Massen war, wurde während des Allgemeinen Kongresses der Arbeiter- und Soldatenräte deutlich, der in Berlin vom 16. bis zum 21. Dezember 1918 tagte. Der Vorschlag, sie "als Gäste mit beratender Stimme" zuzulassen, wurde gleich zu Beginn zurückgewiesen. - Der Kongress verzichtete nicht nur auf Luxemburg und Liebknecht, sondern auch auf die Macht: Die Mehrheit stimmte für Wahlen zu einer verfassungsgebenden Nationalversammlung.Selbst der KPD-Gründungsparteitag sollte für die späteren Symbolfiguren alles andere als ein Erfolg werden. In zentralen Fragen wurden sie an jenem 30. Dezember überstimmt. So lehnten die meisten Delegierten jegliche Teilnahme an Wahlen ab. - Um so tragischer ist der Umstand, dass die beiden KPD-Vorsitzenden einer Sache wegen ermordet wurden, die zumindest Rosa Luxemburg nicht zu verantworten hatte:Auslöser der Berliner Januarkämpfe, die unsinnigerweise als "Spartakusaufstand" in die Geschichte eingingen, war die Ablösung des Berliner Polizeipräsidenten Emil Eichhorn, der zum linken Flügel der USPD gehörte. Der Zentralvorstand der USPD rief daraufhin mit den Revolutionären Obleuten der Berliner Metallbetriebe und der KPD-Zentrale zur Protestkundgebung auf. Und noch am selben Tag, dem 5. Januar 1919, gerieten die Ereignisse außer Kontrolle.Um das Zeitungsviertel zwischen Koch- und Zimmerstraße tobten die blutigsten Kämpfe. Der spontan gebildete Revolutionsausschuss, dem Liebknecht angehörte und der jetzt zum Sturz der Regierung Ebert-Scheidemann aufrief, hatte nicht die geringste Vorstellung, wie ein solches Vorhaben in die Tat umzusetzen war. Rosa Luxemburg kritisierte die schlechte Organisation und den Aktionismus. Anders als Liebknecht plädierte sie intern für einen sofortigen Abbruch. Zu spät.Mit den Worten: "Meinetwegen! Einer muss der Bluthund werden" übernahm am 7. Januar Gustav Noske, eine "präfaschistische Gestalt", wie Christoph Diekmann unlängst in der "Zeit" konstatierte, den Oberbefehl über die Regierungstruppen in Berlin. Bis zum 12. Januar dauerten die Kämpfe. Danach marschierte seine Soldateska durch die Stadt; Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht fielen ihrer Rache zum Opfer. Dass der SPD-Politiker Noske dazu persönlich den Befehl gegeben hat, ist nie bewiesen worden. Fest steht aber, dass er nichts tat, um dem Morden seiner Freikorps Einhalt zu gebieten.------------------------------Wahrscheinlich wären Luxemburg und Liebknecht irgendwann aus der KPD ausgeschlossen worden.------------------------------Foto: (2) Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Was wäre aus ihnen geworden, hätte man sie nicht umgebracht?