Am Montag, dem 9. März 1931, kurz nach 17 Uhr, ist rund um den Bahnhof Friedrichstraße der Teufel los. Tausende Berliner stehen dicht an dicht. Mehrere Hundertschaften Polizei, zu Fuß und zu Pferde, mit nervösen Hunden an der Leine, riegeln das Gebäude ab. An den Bahnhofszugängen drängen sich Mütter mit ihren Kindern, Arbeiter, Büroleute. Auch auf dem Bahnsteig, der nur mit besonderer Genehmigung betreten werden darf, wird die Luft knapp. Reporter und Fotografen klettern auf mitgebrachte Stehleitern, Filmleute richten ihr Äußeres, Ehrenjungfrauen halten Blumensträuße schützend an die Brust. Im letzten Moment schiebt sich die leicht derangierte Marlene Dietrich durch die Menge. "Ist in Berlin die Revolution ausgebrochen?", fragt anderntags die Zeitung Licht Bild Bühne.Das ist ein rein rhetorischer Satz, aber irgendwie trifft er den Kern. Die Revolution heißt diesmal Charles Spencer Chaplin. Charlie, der Komödiant aus Hollywood, der auch in Deutschland geliebt wird wie kein zweiter Filmschauspieler seiner Zeit, bereist Europa. Nach London will er nun acht Tage in Berlin bleiben, kurz vor der Deutschlandpremiere seines neuen Films "City Lights" (Lichter der Großstadt). Chaplins Reise ist eine Werbetour, und doch viel mehr als das. Denn er hofft, in der pulsierenden Metropole künstlerische Anregungen zu gewinnen. Der Tonfilm hat den tradierten Stummfilm längst abgelöst, und Chaplin weiß noch immer nicht, wie er mit der neuen Herausforderung umgehen soll. Muss seine Figur, der anarchische Tramp mit den zerbeulten Schuhen, etwa sprechen lernen? Sollte er sich vielleicht sogar ganz von ihm verabschieden und völlig neue künstlerische Wege suchen? Chaplin ist unsicher, Zukunftsangst quält ihn, manchmal fällt er in Depressionen. Er sehnt sich danach, in den Berliner Theatern, Revuen und Kabaretts Antworten auf die Frage zu finden, wie er Gestik und Worte, Mimik und Sprache auch in seinem filmischen Spiel vereinen könnte.Doch zunächst muss er durch die Bahnhofshalle zum Auto, das ihn ins Hotel Adlon bringt. Chaplin, der "kleine, fein aussehende Herr mit stark angegrautem Haar" (Berliner Morgenzeitung), badet in der Menge: Gekommen ist "das Volk ohne Unterschied der Klasse des Standes, der Religion. Sie rufen jubelnd den Namen, der ihnen teuer ist und ein Versprechen des Glücks", wie Siegfried Kracauer berichtet.Noch am selben Abend besucht Chaplin zuerst das Große Schauspielhaus, um Erik Charells Revue-Operette "Im weißen Rössl" zu sehen, und gleich darauf die "Lachbühne" am Weinbergsweg, Erich Carows Varietéanstalt fürs "einfache" Volk. Während dessen brauen sich erste dunkle Wolken über dem Berlin-Aufenthalt des Komödianten zusammen. In den Redaktionsstuben rechter Gazetten werden die Messer gewetzt. "Es gibt eine Grenze, wo Begeisterung zum Rummel, Huldigung zum Byzantismus wird", erklärt die Deutsche Tageszeitung. Ein Major Stein faucht im Generalanzeiger: "Manche Leute sagen, Charlie Chaplin sei gefährlicher als die bolschewistischen Filmhersteller, denn er bringe uns unter Lachen den Hass gegen die bestehende Weltordnung bei." Und Der Angriff, das vom Berliner NSDAP-Gauleiter Goebbels redigierte faschistische Hetzblatt geifert, der Rummel um den "jüdischen Filmaugust" sei das "Ungeheuerste, was sich je ein Volk an nationaler Würdelosigkeit geleistet" habe. Bereits beim Empfang am Bahnhof Friedrichstraße hatten einige Dutzend Nazis lauthals "Nieder!" geschrien, waren aber von den Hochrufen auf den Gast übertönt worden. Goebbels" blinde Wut auf den angeblichen "Juden Chaplin" ist schon neun Jahre vor dem "Großen Diktator" unerbittlich.In den nächsten Tagen streift Chaplin durch das alte Berlin, sieht den Molkenmarkt und die Volksbühne, das Polizeipräsidium mit dem Untersuchungsgefängnis, das Kriminalmuseum, das Metropoltheater und die Scala. Er interessiert sich für soziale Fragen, informiert sich über Hilfen für Arbeits- und Obdachlose. Er besucht den Reichsinnenminister Joseph Wirth, der ihm weitere Kabinettsmitglieder vorstellt, und lässt sich von einem Spross der letzten deutschen Kaiserfamilie die Schlösser und Gärten von Sanssouci zeigen. Einmal zieht er sich einen halben Tag in sein Hotelzimmer zurück. Ein später Wintereinbruch macht ihm zu schaffen. Und es mag sein, dass ihm überhaupt alles zu viel wird: die Empfänge und Honneurs, und die geplante Audienz bei Reichspräsident von Hindenburg, der allerdings im letzten Moment absagt, weil er "indisponiert" sei.Ob der greise Feldmarschall tatsächlich erkrankt ist oder ob es ihm, dem streng konservativen Nationalisten, plötzlich inopportun erscheint, mit dem "linken" Chaplin gesehen zu werden, lässt sich heute nicht mehr sagen. Fünf Tage nach seiner Ankunft in Berlin gerät der Gast aus Amerika jedenfalls mitten in die politischen Strudel der Zeit. Ausgerechnet am Freitag, dem 13. März, publiziert die Junge Garde, das Zentralorgan der Kommunistischen Jugend Deutschlands, ein Telefoninterview mit Chaplin, in dem dieser geäußert haben soll: "Meine Grüße und all meine Sympathie für die Kommunistische Jugend Deutschlands." Für die Redaktion ein Indiz, dass "der geniale Filmkünstler (...) einer der Unseren" sei und seine Filme den "Endkampf der Arbeiterklasse" unterstützten. Der Filmhistoriker Wolfgang Gersch schreibt 1988: "Der Urheber des Tramps wurde zu einer Projektionsfigur, der maßlos mehr abverlangt wurde, als der real existierende Chaplin zu leisten imstande war: wie ein Erlöser gefeiert, als Retter angerufen, als Mitstreiter gefordert!"Nach der Veröffentlichung in der Jungen Garde drischt die versammelte rechte Presse erbarmungslos auf den Künstler ein. "Das Genie - Hosiannah - hat jetzt eine neue Liebe entdeckt, die Kommunisten", regt sich die Deutsche Zeitung auf. Und Goebbels' Angriff droht: "Das erwachende Deutschland marschiert. Auf den Tag. Und dann wird der Chaplin keine Lust mehr verspüren, nach Deutschland zu kommen." Solche Sätze bekommt der Künstler während seiner Berliner Tage vermutlich nicht zu Gesicht, und wenn, dann wären sie ihm angesichts der beglückenden Begegnungen mit Menschen aller Altersgruppen und sozialer Schichten nur als dummdreist vorgekommen: Aus seiner Perspektive, mit seinem durchaus marginalen Wissen um politische Verwerfungen hält er das Deutschland der späten Weimarer Republik für eine stabile Demokratie.Viel gefährlicher als die Tiraden der Nazis erscheint Chaplin und seinem Team die Drohung, deutsche Zuschauer würden angesichts prokommunistischer Äußerungen in Zukunft auf das Betrachten seiner Filme verzichten. Wenige Tage vor der Berliner Premiere von "City Lights" kommt dies einem Menetekel gleich. Und dann geschieht noch etwas anderes Unerwartetes, Ungeplantes: Am Abend des 13. März dringt eine Gruppe sogenannter "revolutionärer Filmkomparsen" ins Adlon ein, die sich mit Chaplin über die Lebensbedingungen unbeschäftigter Bühnen- und Filmarbeiter unterhalten will. Die überrumpelte Chaplin-Entourage gibt klein bei. Nach einigem Hin und Her werden die vier Männer zum Genius vorgelassen, weil sonst, so heißt es, Hunderte Genossinnen und Genossen das Hotel stürmen würden. Will man dem Bericht in der KPD-Zeitung Die Rote Fahne vom 15. März Glauben schenken, erklärt sich Charlie während des Gesprächs zum Gegner des Kapitalismus und Freund der Sowjetunion. Und er bekundet seine Solidarität mit allen kämpfenden Arbeitern und Erwerbslosen der Welt.Schon am Vormittag des nächsten Tages veröffentlichen Chaplins Ratgeber ein Dementi. Es bezieht sich nicht nur auf das angebliche Telefoninterview mit der Jungen Garde, sondern auch auf den Disput mit den "revolutionären Filmkomparsen", der bis dato überhaupt noch nicht bekanntgeworden ist. In dem Widerruf bekennt Chaplin zwar sein Interesse an sozialen Fragen, erklärt aber: "Mein Gespräch berührte in keiner Weise die Politik. Ich würde es kaum wagen, in einer Angelegenheit, von der ich zu wenig verstehe, zu raten. (...) Es ist lächerlich, zu behaupten, dass ich seit meiner Ankunft in Berlin ein telephonisches Interview gegeben habe. (...) Es tut mir leid, dass man mich missverstanden hat." Chaplin will sich schützen. Sich und seinen neuen Film, womöglich seine Zukunft als Filmemacher überhaupt.Nach dem erzwungenen Kotau vor der vermeintlich "öffentlichen Meinung" gönnt sich der angeschlagene Chaplin noch ein paar glücklichere Stunden. Von Sonnabend zu Sonntag plaudert er die halbe Nacht mit Hans Albers über dessen Rolle als Liliom in Molnßrs gleichnamigem Stück: Vielleicht könnte das ja ein Stoff für den nächsten Chaplin-Film sein? Und am Sonntagnachmittag besucht er Albert Einstein, führt eine tiefe, ernste Unterhaltung über soziale Fragen - und dass die Welt anders werden müsse. Ein Plädoyer "mit größter Leidenschaft, die eher auf einen Nationalökonomen oder einen Politiker als auf einen Künstler schließen ließ" (Rudolf Kayser).Für Chaplin mag das ein überaus würdiger Abschluss seiner Berliner Tage gewesen sein. Er entscheidet kurzfristig, am selben Abend um 22.50 Uhr abzureisen, einen Tag früher als zunächst geplant. Ist das eine Flucht vor der Masse, die erneut zu erwarten gewesen wäre? Am Anhalter Bahnhof, in dem Chaplin in den Nachtzug nach Wien steigt, sind jedenfalls nur vergleichsweise wenige Menschen. Die meisten erkennen ihren berühmten Mitreisenden nicht.Am 26. März 1931 hat "City Lights" im Ufa-Palast am Zoo Premiere; Chaplin grüßt aus Paris. Der Film wird ein Erfolg; die Naziangriffe im Vorfeld der Premiere scheinen ihre Wirkung weitgehend verfehlt zu haben. Doch in mehreren deutschen Städten versucht die SA, Besucher von den Kinos fernzuhalten, nach der Machtergreifung Hitlers im Januar 1933 kommen alle Chaplin-Filme auf den Index. Erst zwölf Jahre später werden sie, nach und nach, wieder in Deutschland gezeigt.-----------------------Das Kino Babylon in Berlin-Mitte zeigt u. a. präsentiert von der Berliner Zeitung vom 15. 7. bis 7. 8. 2011 in einer einzigartigen Retrospektive 80 Filme von Charlie Chaplin, zehn davon mit Livemusik des Neuen Kammerorchesters Potsdam unter Leitung von Timothy Brock.------------------------------Foto: Auch in Deutschland war Charlie Chaplin Anfang der Dreißigerjahre ein gefeierter Star, was vor allem die Nazis ziemlich ärgerte.