Die antisemitische Saat ist aufgegangen", schrieb der sozialdemokratische "Vorwärts" am 8. November in seinem Leitartikel. "Berlin hat sein Judenpogrom gehabt. Berlin ist geschändet worden. Eine Schmach für ein Volk, das sich zu den zivilisierten zählt." Am Morgen des 5. November hatten sich wie gewohnt zahlreiche Erwerbslose vor dem Arbeitsamt in der Gormannstraße eingefunden. Im Verlaufe des Vormittags hatten sich dann etliche völkische Propagandisten unter die Wartenden gemischt, Flugblätter verteilt, kurze Ansprachen gehalten. Als gegen 11.30 Uhr das Arbeitsamt den Leuten beschied, es sei kein Geld vorhanden zur Auszahlung der Unterstützung, schlug die Stunde der Agitatoren: Ein Arbeitsloser sei in der Münzstraße von einem ostjüdischen Händler betrogen worden. Die Nachricht verbreitete sich schnell. Binnen weniger Minuten machte sich die Menge auf den Weg, unter Rufen wie "Schlagt die Juden tot!", "Zieht die Juden aus!". Am helllichten Tag wurden Juden überfallen, ausgezogen und beraubt. Wohnungen und Geschäfte wurden demoliert, Autos gestoppt und deren Insassen, Juden oder Personen, die man dafür hielt, verprügelt. Das Pogrom im Scheunenviertel, das sich heute zum 80. Mal jährt, ist Teil einer unruhigen Zeit. Im Herbst 1923 drohte die Weimarer Republik im Chaos zu versinken. Der Preis für einen Laib Brot war auf 140 Milliarden Mark gestiegen, die Reichsregierung hatte in Thüringen und Sachsen die Reichswehr eingesetzt gegen die von Sozialdemokraten und Kommunisten getragenen Länderregierungen, kurz nach den Ausschreitungen in Berlin sollten Hitler und Ludendorff ihren Putschversuch in München unternehmen. Im ganzen Reich kam es 1923 zu Hungerrevolten und zur Plünderung von Lebensmittelgeschäften. Doch allein im Scheunenviertel trugen diese Ausschreitungen antisemitischen Charakter, so der Historiker Reiner Zilkenat. In der Gegend unweit vom Alexanderplatz lebten viele ostjüdische Einwanderer. Eine Minderheit unter der dort lebenden Unterschicht, fielen sie in Aussehen, Sprache und religiösem Verhalten deutlich auf - für die aufgehetzten Massen ein leichtes Ziel.Ob es sich bei den Gewalttätern vor allem um Arbeitslose gehandelt hat, darf jedoch bezweifelt werden. Laut "Jüdischer Rundschau" waren immerhin "viele Tausende" an den Exzessen beteiligt. "Man verfolgt dabei die Taktik, die Polizei zu ermüden. 50 bis 60 junge Burschen sammeln sich an einer Straßenecke an und beschäftigen die Sicherheitsbeamten. Im Rücken dieser Trupps wird dann von 12 bis 15 Personen geplündert . Wollen dann die Beamten eingreifen, so versperrt der deckende Haufen den Weg." Einem der Opfer gelang es, in ein Geschäft in der Hirtenstraße zu flüchten. Wie der völkische "Tag" seinen Lesern später mitteilte, kam es in dem Schlächterladen zum Gemetzel. Mit einem großen Beil habe sich der "jüdische Schlächter" der anstürmenden Menge entgegengeworfen. "Dadurch wurde ein Mann schwer und mehrere leicht verletzt." Der Schwerverletzte war der Fleischermeister Silberberg, der wenige Tage darauf verstarb. Mindestens zwei Stunden verstrichen, ehe die Polizei dazu überging, die Gegend um die Grenadierstraße, heute Almstadtstraße, abzusperren. Zum ersten Mal wurden nach amerikanischem Vorbild Gummiknüppel eingesetzt - allerdings nicht unbedingt gegen die Täter. Angehörige des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten bildeten spontan einen zwanzig Mann starken Trupp. Mit Knüppeln und Pistolen bewaffnet mühten sich die Männer vergebens, die orthodoxen Juden vor Übergriffen zu schützen. Am Bülowplatz, heute Rosa-Luxemburg-Platz, wurden sie von der Menge umringt und bedroht. Ein voll besetzter Mannschaftswagen der Schutzpolizei fuhr ungeachtet der Hilferufe an ihnen vorbei. In der Schlägerei wurde dann, wie aus Polizeiakten hervorgeht, ein Angreifer erschossen. Merkwürdigerweise fand der Todesfall in der Presse keine Erwähnung. Fest steht aber, dass die jüdischen Frontkämpfer kurz darauf von der Polizei festgenommen wurden. "In der Kaserne in der Alexanderstraße auf dem Hofe mussten wir inmitten von 200 Schupobeamten mit erhobenen Händen Aufstellung nehmen und wurden wiederum schwer misshandelt", berichtete ein Dr. Bernhardt, Träger des Eisernen Kreuzes II. und I. Klasse und des Sächsischen Ritterordens, der "Vossischen Zeitung".Dass sich an dem Pogrom, das sich noch bis in den nächsten Tag hinzog, auch die nichtjüdischen Bewohner des Viertels beteiligt hätten, lässt sich nicht belegen. Allerdings auch nicht, dass sie ihr Bedauern ausgedrückt oder sich gar auf die Seite ihrer jüdischen Nachbarn gestellt hätten. In einigen Schaufenstern hingen Schilder mit dem Hinweis, die Inhaber seien "christliche Geschäftsleute". Als zehn Jahre später, am 4. April 1933, die Plünderungen staatlich organisiert wurden, hatten diese Händler nichts zu befürchten. Eine Verwechslung war ausgeschlossen.Reiner Zilkenat: "Der Pogrom am 5. und 6. November 1923". In: "Das Scheunenviertel, Spuren eines verlorenen Berlins". Hrsg. vom Verein Stiftung Scheunenviertel, Berlin 1999."Berlin hat sein Judenpogrom gehabt . Eine Schmach für ein Volk, das sich zu den zivilisierten zählt. " Vorwärts, 8. 11. 1923.AUS: DAS SCHEUNENVIERTEL. SPUREN EINES VERLORENEN BERLINS. HAUDE & SPENER, BERLIN 1999. FOTOGRAFIE VON WALTER GIRKE. Orthodoxe Juden in der Grenadierstraße, 1928.