BERLIN, 25. August. Alcides Sagarra ist der erfolgreichste Boxcoach der Welt. 35 olympische Goldmedaillen gewannen kubanische Boxer seit 1972. Natürlich sind sie auch für das bevorstehende Turnier in Sydney wieder favorisiert. Doch in Australien darf ihnen der Nationaltrainer Alcides Sagarra nicht am Ring sekundieren. Denn wie zwei andere kubanische Funktionäre - Verbandspräsident José Barrientos und der dreimalige Olympiasieger Teofilo Stevenson - wurde Sagarra vom Box-Weltverband AIBA sanktioniert. Vor einem Jahr waren die Kubaner nach zahlreichen offensichtlichen Fehlurteilen vor dem zweiten Finaltag der Amateur-Weltmeisterschaft in Houston/Texas abgereist. Im Verständnis des AIBA-Clans um den Präsidenten Anwar Chowdhry (Pakistan) und Generalsekretär Loring Baker (USA) haben die Kubaner in Houston einen Skandal ausgelöst. Tatsächlich aber hat Chowdhry Bestechung und Manipulation jeder Art zum Tagesgeschäft der AIBA gemacht.Anruf aus UsbekistanDie Kubaner sind spätestens seit der Weltmeisterschaft 1997 in Budapest Opfer mafioser Umtriebe. Im Finale des Superschwergewichts "besiegte" damals der gerade 19 Jahre alte Usbeke Ruslan Schagajew den 30 Jahre alten Kubaner Felix Savon, einen der besten Boxer aller Zeiten, der bis dahin bereits fünfmal Weltmeister und zweimal Olympiasieger geworden war. Es war ein merkwürdiger Kampf: Der türkische Ringrichter verwarnte den Kubaner zweimal wegen angeblich unfairer Schläge und brachte ihn dadurch aus dem Rhythmus; die Punktrichter sahen den Usbeken mit unglaublichen 14:4 Zählern in Front. "Savon war ein Opfer dubioser Schiedsrichterentscheidungen", meldete die Agentur "Reuters". Die Kubaner protestierten, die Usbeken feierten, und in einer Ehrenloge stieß auch ein gewisser Gafour Rachimow auf den sensationellen Sieg seines jungen Landsmannes an.Die Entscheidung von Budapest wurde nur deshalb revidiert, weil amerikanische Journalisten herausgefunden hatten, dass Schagajew zuvor in den USA bereits zwei Profikämpfe absolviert hatte. Am 1. Februar 1998 erkannte die AIBA-Rechtskommission dem Usbeken den Titel ab. Im Verlaufe der Diskussion um Schagajew war der damalige AIBA-Generalsekretär Karl-Heinz Wehr von usbekischer Seite enorm unter Druck gesetzt worden. Zunächst hatte Wehr in seinem Berliner Büro einen Anruf erhalten - von Gafour Rachimow. Später versuchte der usbekische Verbandsfunktionär Wladimir Schin den deutschen AIBA-Generalsekretär mit 6 000 Dollar zu bestechen. Das Geld verrechnete Wehr dann großzügig als Anzahlung auf die insgesamt 8 500 Dollar (Strafe und Prozesskosten), die die Usbeken im Schagajew-Verfahren zu begleichen hatten. Es war eine der letzten wichtigen Amtshandlungen Wehrs als AIBA-Geschäftsführer. Er und der Amerikaner Paul Konnor, damals noch Chef der Rechtskommission, sollten bald ihre Posten verlieren. Die Situation der beiden Alliierten, die sich gegen eine "balkanisch-russische Fraktion" (Wehr) der Rettung des olympischen Boxsports verschrieben hatten, wurde noch hoffnungsloser, nachdem sich Konnor bei IOC-Chef Samaranch über Chowdhrys Machenschaften beschwert hatte.In einem Brief listete Konnor, ein Anwalt aus Milwaukee, die von Chowdhry zu verantwortenden Skandale auf, so auch die Schiebungen beim olympischen Turnier 1988, als nicht nur der Amerikaner Roy Jones um seinen Olympiasieg betrogen worden war. Goldmedaillen seien in der AIBA käuflich, schrieb Konnor, Chowdhry begehe "verachtenswerte Verbrechen" an Sportlern, und er könne zudem rund 400 000 Dollar Ausgaben aus der AIBA-Kasse nicht begleichen. Konnor forderte eine Untersuchung durch das IOC und sandte Kopien seines Briefes an die amerikanischen IOC-Mitglieder Anita Defrantz und James Easton. Eine Antwort erhielt er nie. Wohl aber wurde Wehr und Konnor auf dem AIBA-Kongress im November 1998 in Antalya eine besondere Quittung überreicht: Sie verloren ihre Ehrenämter. Das "Wahlergebnis" stand - wie in der AIBA üblich - schon am Abend vor der Abstimmung fest: An der Hotelbar wurden Listen mit den exakten Resultaten des Kongressvotums gehandelt. Zum neuen Exekutivkomitee zählt auch der Usbeke Gafour Rachimow, jener Mann, der sich so leidenschaftlich für den jungen Boxer Schagajew eingesetzt und dem Talent sogar die Anwaltskosten beglichen hatte.Wer ist dieser Gafour Rachimow, der als Business-Chef der AIBA über jene vier Millionen Dollar verfügt, die der Boxverband in Sydney aus den olympischen Fernsehverträgen erhält? Experten des organisierten Verbrechens ist er schon lange bekannt. Europäische Ermittler und das amerikanische FBI stimmen darin überein, dass ohne ihn kaum ein Geschäft mit Usbekistan zu Stande kommt. Was auch damit zusammenhängt, dass sich Rachimow Berater des usbekischen Staatspräsidenten Islam Karimow nennen darf. In einem Lagebericht des Wiener Innenministeriums heißt es: "Vertraulichen Informationen zufolge sind Handelsbeziehungen mit der usbekischen Regierung nur über die Vermittlung von G. R. möglich." Und weiter: "G. R. gilt als Führer der usbekischen organisierten Kriminalität."Zu ähnlichen Einschätzungen gelangten Moskauer Kriminalbeamte. Sie bezeichneten Rachimow als einen der drei weltgrößten Baumwollbarone, der in Usbekistan ein Monopol aufgebaut habe. Er kontrolliere die "Drogenproduktion in den Ländern Zentralasiens" und gehöre zu den Schlüsselfiguren des weltweiten Handels mit Heroin. Das FBI führt Rachimow sogar mit einem gestochen scharfen Passfoto in seiner Kartei. Der Londoner "Observer" betitelte Rachimow als "Paten von Taschkent" und "Chef des boomenden Heroinhandels von Usbekistan".Rachimow, der darauf verweist, nie rechtskräftig verurteilt worden zu sein, wird langsam heimisch in der AIBA und damit in der olympischen Korona. Dies belegen zwei kürzlich in England ("The great olympic swindle") und in Deutschland ("Der olympische Sumpf") erschienene Bücher. Rachimow hat in Lausanne sogar mit IOC-Größen konferiert. So im März 1998, als eine usbekische Delegation mit IOC-Präsident Samaranch, Exekutivler Jacques Rogge, Generalsekretär Carrard und Marketingchef Payne verhandelte. Nach dem Meeting nahm Rachimow das Flug-Angebot eines anderen umtriebigen Gesellen an, in dessen Privatjet auch Samaranch gern durch die Welt düst: Rachimow ließ sich im Falcon-900-Jet von André Guelfis nach Paris pilotieren. Guelfi hat es in Deutschland als Geldbriefträger im Leuna-Skandal zu einiger Berühmtheit gebracht. Natürlich macht Guelfi seit Jahren glänzende Geschäfte in Usbekistan.Mysteriöse ÜberweisungenRachimow hat 1998 auf dem AIBA-Kongress eine Hauptrolle gespielt. Chowdhry behauptete in Antalya in kleinem Kreis: "Wenn ich 100 000 Dollar brauche, gibt mein Freund Gafour die mir sofort." Um die so genannte Wahl zu entscheiden, waren sogar 750 000 Mark nötig, denn diese Summe wurde unter dem Stichwort "Kongresskosten" aus der AIBA-Kasse auf ein Konto in Istanbul überwiesen. Karl-Heinz Wehr sah sich schon damals von der Russenmafia verfolgt, die nach seinen Angaben die AIBA infiltriert hatte. Es hatte sogar Morddrohungen gegen ihn gegeben.Wehr und seine Koalitionäre versuchen nun, mit einem westeuropäischen Boxverband gegen die AIBA und den ebenso anrüchigen europäischen Verband EABA zu opponieren. Doch immer mehr nationale Verbände verschwinden aus dieser Allianz, so auch der deutsche Verband. Die DABV-Bosse sind der Meinung, sie müssten sich im Interesse ihrer Sportler mit den Machthabern arrangieren. Alleingänge seien sinnlos und beschwörten die Gefahr herauf, dass man in Sydney medaillenlos bleibt. So weit ist es im Amateurboxen schon gekommen. Zum Wohle des Sports.Chowdhrys Reich // Anwar Chowdhry aus Pakistan fungiert seit 1986 als Präsident des Box-Weltverbandes AIBA. Seine Inthronisation wurde unter skandalösen Umständen von Adidas-Chef Horst Dassler organisiert. Chowdhry ist der Hauptverantwortliche für Schiebungs- und Bestechungsaffären im Amateurboxen.Karl-Heinz Wehr aus Berlin war von 1985 bis 1998 AIBA-Generalsekretär. Als IM der Staatssicherheit hat Wehr zahlreiche Details über Chowdhrys Machenschaften notiert. Im November 1998 wurde Wehr, der gemeinsam mit dem IOC-Mitglied Wu (Taiwan) die AIBA-Führung übernehmen wollte, in Antalya von Chowdhry durch gefälschte Wahlen ins Abseits gestellt. Wehr organisiert von Berlin aus mit dem neuen Boxverband der EU-Länder den Widerstand gegen die mafiosen AIBA-Bosse.Gafour Rachimow alias Gafour Arslambek wird von Kriminalisten in den USA, Österreich, der Schweiz, Frankreich und Russland als Mitglied gefährlicher Verbrechersyndikate geführt. Die französische Polizeidirektion bezeichnete ihn als einen "Führer der usbekischen Mafia" und "Bedrohung der öffentlichen Sicherheit". Rachimow bestreitet die Vorwürfe. Er war selbst Boxer. In der AIBA fungiert er als Chef der Business-Kommission.Der usbekische Boxsport nahm unter Rachimows Patronage einen märchenhaften Aufstieg. Immer öfter profitieren Usbeken von dubiosen Urteilen der Punktrichter. In Sydney boxen Usbeken in zehn von zwölf Gewichtsklassen. Bei der Skandal-WM 1999 in Houston gab es zweimal Gold (für Adbullajew, Welter, und Haydarow, Mittelgewicht) und eine Silbermedaille.Die European Union Boxing Group im Internet unter: http://eurobox. jumpsports. com AFP/ADALBERTO ROQUE Für Fidel und die Revolution: Kubas Staats- und Parteichef Castro verabschiedet Felix Savon und das Boxteam zu den Olympischen Spielen nach Sydney.AFP/PAUL BUCK Kubas Nationaltrainer Alcides Sagarra, erfolgreichster Box-Coach der Welt, protestierte am zweiten Finaltag der WM 1999 in Houston gegen die Benachteiligung seiner Aktiven. Superstar Felix Savon (rechts) verzichtete auf den Finalkampf.In unserer Serie zu den Olympischen Spielen erschienen bisher: Vernunft auf hoher See/Jochen Schümann (15. Juli); Chronik einer ungewöhnlichen Beziehung/Marie-José Pérec und Wolfgang Meier (21. Juli); Warum aufhören?/Gespräch mit Heike Drechsler und Birgit Fischer (26. Juli); Für mich zählt ein Menschenleben noch/Jos Hermens (5. August); Opfer der stillen Post/Gespräch mit Falk Balzer (19. August).