Pünktlich landete die Maschine auf dem Schönefelder Flughafen. An Bord die international gesuchte Terroristin Inge Viett, Mitglied der "Bewegung 2. Juni". Die Beamten der Paßkontrolle am Schönefelder Flughafen brachten die 34jährige mit den gefälschten Papieren in einen Nebenraum. Minuten vergingen. Dann öffnete sich die Tür, und herein kam ein Mann, der sich als "Harry" vorstellte. Der Endvierziger redete fast zwei Stunden mit der Terroristin, bevor diese in den Westteil der Stadt reisen durfte - so begann im Frühjahr 1978 eine wechselvolle Beziehung, die bis zur Auflösung der DDR 1990 andauerte. "Harry" war niemand anderes als Harry Dahl, damals Leiter der für Terrorabwehr zuständigen MfS-Hauptabteilung XII.Ab morgen steht der 67jährige Dahl wegen seiner Kontakte zu westdeutschen Terroristen vor dem Landgericht, und mit ihm seine einstigen Kollegen Günter Jäckel (62), Hans-Herrmann Petzold (52) und Gerd Zaumseil (48). Vor den Richtern wird dann ein besonderes Kapitel der deutsch-deutschen Beziehungen aufgerollt: Die Angeklagten sollen in den 80er Jahren zehn Aussteigern aus der westdeutschen Terrorismusszene Unterschlupf in der DDR gewährt, sie betreut und ihre Enttarnung verhindert haben. Eine Unterstützung, die den Ermittlungen zufolge vor allem durch den persönlichen Kontakt zwischen Viett und Dahl ermöglicht wurde. Die aus der Nähe von Hamburg stammende Inge Viett gehörte damals zu den meistgesuchtesten Terroristinnen. Zu Beginn der 70er Jahre hatte sie sich der "Bewegung 2. Juni" angeschlossen, die wie die Rote Armee Fraktion (RAF) mit Bomben das gesellschaftliche System der Bundesrepublik erschüttern wollten. Nach ihrer Festnahme und dem Ausbruch aus der Berliner Frauenhaftanstalt ging Viett 1972 in den Untergrund. Gesucht wegen der Ermordung des Kammergerichtspräsidenten Günther von Drenkmann im November 1974 und der Entführung des Berliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz im Februar 1975. Quartier im Forsthaus Schon wenige Wochen nach der ersten Begegnung sollte Dahl für Viett zum Helfer werden. Damals wollte Viett über Ostberlin nach Bulgarien flüchten, nachdem ein Kommando den Terroristen Till Meyer aus dem Moabiter Untersuchungsgefängnis befreit hatte. Doch an der Grenzübergangsstelle Friedrichstraße fielen die gefälschten Papiere und Waffen auf. Viett bat darum, jenen "Harry" vom Schönefelder Flughafen zu benachrichtigen. Kurze Zeit später konnte sie weiterreisen. "Harry" öffnete Türen.Auch zwei Jahre später. In einem Haus nahe Königs Wusterhausen trug Inge Viett im Mai 1980 dem MfS-Funktionär Dahl ihre Wünsche vor. Acht Mitglieder der Roten Armee Fraktion hatten sich zum Ausstieg entschlossen. Nun suchten sie Unterschlupf in einem sozialistischen Land, möglichst Angola oder Mosambik. Unterstützung bei der Aufnahme erhofften sich die Aussteiger dabei vom MfS. Doch dessen Hilfe fiel anders aus als erwartet: Das Ministerium ermöglichte den Aussteigern ein neues Leben in der DDR. Am 18. August 1980 reisten die gesuchten RAF-Mitglieder Ralf Friedrich und Sigrid Sternebeck in die DDR. Als die streng geheime Aktion gelang, folgten Susanne Albrecht, Monika Helbing, Silke Maier-Witt, Christine Dümlein, Ekkehard von Seckendorff-Gudent und Werner Lotze, 1982 schließlich auch Inge Viett und Henning Beer. Sie alle standen auf den Fahndungslisten von Interpol. Sie alle konnten einen neues Leben beginnen, sicher vor der Verfolgung westdeutscher Sicherheitsbehörden - und laut den Ermittlungen mit tatkräftiger Unterstützung der Staatssicherheit.In einem Forsthaus bei Briesen, dem "Objekt 74", wurden die Aussteiger einquartiert und über das politische System der DDR und über die Partei geschult - schließlich wurde von ihnen ein gesellschaftskonformes und unauffälliges Verhalten erwartet. Legenden wurden erarbeitet, gefälschte Geburts- und Heiratsurkunden, Schul- und Ausbildungszeugnisse beschafft, Wohnungen und Arbeitsplätze vermittelt.Bei Inge Viett mußte dieser Aufwand gleich zweimal betrieben werden. Sie hatte sich in Dresden als "Eva Maria Sommer", Mitarbeiterin im Grafischen Großbetrieb Völkerfreundschaft eingelebt. Doch als ein Inoffizieller Mitarbeiter der Dresdner MfS-Bezirksverwaltung in ihr die westdeutsche Terroristin erkannte, drohte die Aufdeckung. Viett kam in eine konspirative Wohnung in Berlin-Marzahn, in der eine neue Legende erarbeitet wurde. Unter dem Namen Eva-Maria Schnell, Buchdruckerin, geboren am 15. 1. 1946 in Moskau, zog Viett 1986 nach Magdeburg. Aussteiger abgeschöpft Wohl aufgrund der persönlichen Beziehung zu Dahl zeigte sich das MfS ihr gegenüber spendabler als bei den übrigen Aussteigern. Eva-Maria Schnell erhielt mehr Geld, ihre Wohnung wurde besser ausgestattet, das MfS stellte ihr einen Lada zur Verfügung.Während westdeutsche Behörden nach den Untergetauchten fahndeten, sie sogar noch für seit 1980 begangene Anschläge verantwortlich machten, lebten die Aussteiger als Arzt, Maschinist und Fotografin in Frankfurt (Oder), Senftenberg und Schwedt.Doch das neue Leben hatte seinen Preis. Die Staatssicherheit blieb mißtrauisch. Die Aussteiger, die in dem Operativvorgang "Stern 2" beim MfS erfaßt waren, wurden überwacht, ihre Wohnungen verwanzt, die Telefongespräche abgehört. Ein- bis zweimal im Monat fanden zwischen Betreuern und Betreuten Treffen statt. Die Aussteiger wurden zum Thema RAF "abgeschöpft". Die Mielke-Behörde zeigte sich zufrieden. Gefahren gingen von der Zehner-Gruppe nicht mehr aus, hieß es 1985 in einem Bericht. "Alle Personen haben sich fest in das berufliche und öffentliche Leben eingegliedert."Häufige Kontakte untereinander waren den einstigen Terroristen verboten worden. Alljährlich aber trafen sich die Aussteiger im Briesener Forsthaus: zum Jahrestag der Gründung der DDR unter Aufsicht des MfS. Nur zwei fehlten, die Nachzügler Inge Viett und Henning Beer. Daß auch sie sich in der DDR aufhielten, erfuhren die übrigen erst im Sommer 1990 - bei ihrer Festnahme. Beamte des Zentralen Kriminalamtes der DDR hatten auf Ersuchen westdeutscher Behörden systematisch die Unterlagen der Personen durchstöbert, die in der DDR aufgenommen worden waren. Dabei stachen ihnen Besonderheiten wie Französischkenntnisse ins Auge, die schließlich zur Enttarnung führten. Juristischer Kunstgriff Fünf Jahre dauerten die Ermittlungen zur Stasi-RAF-Connection. Ursprünglich richteten sie sich gegen 14 Verdächtige, darunter auch Honecker und Mielke. Doch der einstige Vorwurf der Beihilfe zum Mord, bei dem die Ermittler die militärische Ausbildung von Terroristen in der DDR im Visier hatten, wurde fallengelassen. Übriggeblieben ist die Anklage auf Strafvereitelung - obwohl sich die Angeklagten nach DDR-Recht nicht strafbar gemacht haben. Doch die Ankläger bedienten sich eines Kunstgriffs. Die Männer hätten gegen westdeutsches Recht verstoßen, weil sie die Verhaftung der Aussteiger in der Bundesrepublik verhindert hätten.In dem Prozeß werden die Verteidiger nicht nur diese juristische Argumentation angreifen. Sie werden auch danach fragen, was die Bundesrepublik damals über das Untertauchen der RAF wußte und ob es politische Absprachen zwischen Bonn und Ostberlin gab. Denn auch das ist inzwischen klar: Spätestens seit 1985 hatte das Bundeskriminalamt Hinweise darauf, daß Aussteiger in der DDR lebten. Ein Ausgereister hatte Silke Maier-Witt auf einem Fahndungsfoto erkannt.Mit den RAF-Aussteigern zeigte man sich nachsichtig: Zwei Verfahren wurden wegen Verjährung eingestellt. Die übrigen acht wurden zwar verurteilt, sind aber inzwischen aus der Haft entlassen worden. Inge Viett kam vor wenigen Wochen frei. In dem Prozeß gegen die einstigen MfS-Funktionäre könnte sie als Zeugin aussagen und sich an die erste Begegnung mit "Harry" erinnern, damals im Schönefelder Flughafen. +++