Das Go-go-Girl wärmt sich auf. Es ist noch früh am Freitagabend, 22 Uhr, doch die Tanzfläche ist schon voll. Langsam, gelangweilt geradezu, lässt sie lasziv ihre breiten Hüften kreisen, fährt mit ihrem üppigen Oberkörper die Stange entlang, lässt träge ihre vollen Locken von rechts nach links schwingen. "Willkommen am Kudamm Berlin, Ladys und Gentlemen", ruft der DJ ins Mikrofon, "zickezacke, zickezacke, heuheuheu! Nach Mitternacht gibt es Brüste zu sehen!" Das Go-go blickt mit schweren Lidern aus ihren Katzenaugen auf die Menge, auf Mädchen mit Zahnspangen, die im Schwarzlicht blitzen, mit knappen Kleidchen, die man für ein Taschengeld bei H & M kaufen kann. Auf Jungen, die Holzfällerhemden tragen, wie man sie in den Szeneclubs in Mitte sieht, deren Kragen sie aber aufstellen und mit billigem Aftershave tränken. Sangria-Eimer mit Bouquets aus bunten Strohhalmen kreisen, es wird geschubst, gehüpft, geknutscht.Das Q-Dorf ist so etwas wie die letzte Bastion des Nachtlebens am Kudamm. Die Mädchen, die in schwindelerregend hohen Pumps jetzt aus der U-Bahn-Station Uhlandstraße taumeln, die Jungen, die an langen Tischen noch in den Straßencafés Bier literweise trinken - sie alle werden mit großer Wahrscheinlichkeit später hier landen. Denn da ist vielleicht noch das Puro ein paar Meter weiter am Tauentzien, aber sonst heißt es: Im Westen nachts nichts Aufregendes. Seit Jahren schon.Es ist nicht einfach mit der "Unterhaltung West". So nennt es Torsten Wiesske. Er rennt durch die Backstage-Gänge im Q-Dorf, überall stapeln sich Getränkekisten, Aktenordner. Seit 1998 arbeitet er hier, machte das Marketing, bis er 2004 dann eine Auszeit nahm und für eine Zeit zu Radio Energy ging. Seit zwei Jahren ist er wieder im Q-Dorf, jetzt als Geschäftsführer. Seit Oktober vergangenen Jahres managt er den gesamten Komplex "Jo 15", also auch das Maxxim nebenan und die Bar Nicos. Rund 200 Leute arbeiten im Jo 15.Mit Wiesske kam ins Q-Dorf, was er "Show Events der Modernen Art" nennt: Gogo-Girls, Liveauftritte von Stars wie Micki Krause. 2000 Quadratmeter müssen bespielt werden, unterteilt in 18 kleine Sektionen, die aussehen wie bayerische Wirtshäuser, Dschungelhöhlen oder Partykeller in der Provinz. Das Programm passt für Wiesske zur Tradition des Kudamms. "Bühnenshows, die gab's hier doch schon in den Zwanzigern." Wiesske nennt das Erlebnisgastronomie.Das sieht dann so aus: Gleich unten am Eingang steht ein Mann im Affenkostüm, wedelt mit den Armen und begrüßt alle, die hier reinkommen. Hinter ihm geht es in die Sportsbar des Q-Dorfs. Pils gibt es hier im Pitcher für 7,90 Euro. Wer sich jemals gefragt hat, wo eigentlich die Musik all dieser Casting-Retorten-Bands gespielt wird, der bekommt die Antwort hier. Auf Flachbildschirmen läuft Fußball. Die Mädchen sitzen mit den Rücken dazu, die Jungen gucken und johlen. Im Q-Dorf funktioniert die klassische Rollenverteilung noch, ist die Welt irgendwie ganz in Ordnung. Scheinbar.Denn mittlerweile macht das Q-Dorf meist entweder als "Randale-Disco" Schlagzeilen oder wenn es mal wieder eine ausgefallene Striptease-Show gibt. Eigentlich nimmt die Öffentlichkeit nur dann von der Diskothek Notiz, wenn mal wieder ein Skandal passiert ist. Dann berichtet der Boulevard von Sex, Alkoholexzessen, Drogen und Gewalt. Schwelbrand im Lüftungsschacht, Q-Dorf evakuiert, Razzia im Q-Dorf, die Polizei beschlagnahmte Stichwaffen und Anabolika bei den Türstehern, Massenschlägerei im Q-Dorf, 60 Personen warfen mit Glasflaschen und schlugen sich gegenseitig die Köpfe ein."Man verschimpft uns immer", sagt Wiesske. Für ihn steht das Q-Dorf für Feiern und Spaß-Haben, hier könne man auch mal "einen über den Durst trinken". Wiesske ist in Angriffsstimmung. Deshalb sagt er Sätze wie: "Das Q-Dorf will kein Club sein, wir sind eine Diskothek." Er scheint irgendwann beschlossen zu haben, einfach alle Negativ-Attribute, die dem Laden angepinnt werden, ins Positive umzuwandeln. "Wir müssen hier halt aus der Not eine, wie heißt das? Genau, aus der Not eine Tugend machen." Das Q-Dorf, ein Tourischuppen? Gut. Kein Problem. "Ist doch toll! Wo trifft man denn sonst Menschen aus Moçambique oder Peru?"Torsten Wiesske versteht die ganze Aufregung um das Q-Dorf eigentlich gar nicht. Am Eingang kontrollieren sie Ausweise und verteilen Bändchen je nach Alter, die Gogos ziehen sich erst nach Mitternacht aus, und sowieso, Schlägereien fänden meist draußen auf der Straße statt, da könnten sie dann auch nichts dafür, nur am nächsten Tag, da steht dann in der Zeitung, auf dem Kudamm sei es mal wieder eskaliert.Wiesske muss ein bisschen schmunzeln. Das sei doch heute eigentlich gar nichts. Früher, da standen in einer Samstagnacht schließlich Kolonnen von Mannschaftswagen auf dem Kudamm. Er hat das miterlebt. "Ich bin ein Kudammkind", sagt Wiesske. Er, 1973 geboren, ging selbst hier aus. Er ist nur zwei Jahre älter als das Q-Dorf. "Ich habe neulich beim Aufräumen einen Brief von einem Mädchen aus Bayern gefunden, 1987 geschrieben: Schön, dass ich dich im Q-Dorf kennengelernt habe." Damals begannen seine Nächte abends um acht Uhr, in einer Bar, die Yesterday hieß, dann trank er mit seinen Freunden weiter im Irish Pub, dann schaute er im Big Eden vorbei, in der Sperlingsgasse, im Pupasch. Man konnte hier von einem Laden in den nächsten ziehen, nicht nur vom Q-Dorf ins Maxxim, die ja sogar dieselbe Hausnummer tragen.Es steckt viel Geschichte in diesem Nachtleben. Hier lagen vor der Wende die Clubs, die wirklich Neues nach Berlin brachten. Das waren die Läden, in denen die amerikanischen Soldaten ausgingen, die während des Kalten Krieges in Berlin stationiert waren. Dort trauten sich sonst nur noch die Kinder der Gastarbeiter hin. Sie tanzten dann in Läden, die Early Bird hießen Far Out oder Sugar Shack, eng umschlungen mit den Berliner Frauen zu Soul und Funk. Eine Musik, die in Deutschland damals sonst niemand hören wollte. Erst heute wird die Musik der GIs von DJs und Produzenten ausgegraben und in Ostberliner Clubs wieder aufgelegt.Es war nach der Wende nicht einfach für das Nachtleben am Kudamm. Da war zum Beispiel das Linientreu in der Budapester Straße, in Sichtweite von der Gedächtniskirche. In den Achtzigerjahren soll hier Depeche Mode ein- und ausgegangen sein, die Band lebte damals für kurze Zeit in Berlin. "Wenn du nicht auf dem Kudamm warst, hast du was verpasst," erinnerte sich Linientreu-Geschäftsführer Karsten, der seinen Nachnamen nicht nennen will. In den Neunzigern versuchte der Club es mit Techno, machte also das, was die neuen Läden im Osten auch taten, fuhr damit eine Zeit lang ganz gut. Dann kam sogar das Achtziger-Revival und im Linientreu lief wieder IBM, Joy Division, Erasure und eben Depeche Mode.Doch es war vorbei. Irgendwann machte das Linientreu nur noch am Wochenende auf, für eine Modernisierung reichte das Geld sowieso nicht. Voll wurde es nur noch, wenn hier eine Böhse-Onkelz-Party stattfand, aber da stand dann auch meistens gleich die Polizei vor der Tür. Im Frühjahr 2008 war dann endgültig Schluss, und ein letztes Mal wiegten sich die Gäste im Schwarzlicht, nur der Nebel verhüllte, wie alt sie geworden waren. Depeche Mode bewegt im 21. Jahrhundert keine Jugend mehr. Schon gar nicht aus dem hippen Osten an den Kudamm. Manchmal wird hier noch etwas versucht, dann kommen Partymacher wie Mantu Overbeck hierher. Er hat in Kreuzberg das gemacht, wofür Berlin so bekannt ist: Partys in Dönerbuden, Partys in halblegalen Hinterhofclubs. Dann versuchte er mal einen Sommer lang, einen Club namens 5055 in der Lobby des Ellington-Hotels in der Nürnberger Straße zu etablieren. Eins, zwei gute Partys mag es wohl gegeben haben, zu denen dann tatsächlich die Szenefreunde hier herauskamen, um sich das anzuschauen. Dann blieben die Partys leer und nach ein paar Monaten hörte man nichts mehr vom 5055.Auch als 2008 das Puro aufmachte, schien am Kudamm etwas zu passieren. Im 20. Stock im Europacenter bekam der Westen so etwas wie ein sauberes Weekend. Weiße Designersofas, Kaminfeuer, exotische Blüten auf den Tresen und eben die Aussicht. Es gibt Parkplätze für die Gäste, bezahlt werden kann mit Karte. "Träumen heißt über den Horizont zu blicken" ist der Slogan des Clubs. Das reicht in Berlin schon lange nicht mehr um zum Szeneclub zu avancieren, auch wenn die Männer im Puro sogar beim Pinkeln über den Horizont blicken können.Doch auch wenn am Kudamm schon lange keine Trends mehr entstehen, wer die Gegend als bedeutungslos abstempelt, liegt falsch. 6000 bis 10000 Leute gehen jede Woche im Jo-15-Komplex aus, aus allen Bezirken, wie eine Umfrage des Hause ergeben hat. Hier ist fünf Tage die Woche geöffnet. Im Grunde hat Wiesske also recht, wenn er sagt: "Das Q-Dorf ist eigentlich der erfolgreichste Nachtclub der Stadt."Neid, das ist das Einzige, was Wiesske einfällt, fragt man ihn, wie er sich erklärt, dass das Q-Dorf von allen Seiten angefeindet wird. Das in Ost-Berlin, das ist für ihn "Schickimicki", illegal, schreckliches Ambiente, überteuertes Bier, "komisch". Diese "tollen Szeneclubs", sagt er und mimt mit beiden Händen Anführungszeichen in die Luft. Wiesske kann verstehen, dass viele West-Berliner erst einmal fasziniert waren, vom maroden Charme des Ostens. Dass sie rübergingen, um das mal kennenzulernen. Am Ende, als Torsten Wiesske schon fast wieder in einem der Gänge davongelaufen ist, dreht er sich noch mal um und sagt: "Wir haben eigentlich für jede Zielgruppe etwas zu bieten. Man muss gar nicht nach Prenzlauer Berg fahren."------------------------------KUDAMMCLUBSSQ-Dorf: Dienstags läuft Black Music, am Wochenende gibt es immer ein Motto, die Partys heißen dann zum Beispiel "Nacht der Piraten" oder "Tanz der Vampire". Geöffnet ist fünf Tage die Woche ab 20 Uhr.Joachimstaler Straße 15.www.q-dorf.deNicos VIP-Lounge: Hier ist das Publikum älter als im Q-Dorf, der Eintritt ist frei, jeden Abend gibt es wechselnde Getränke-Specials,geöffnet ist meistens ab 20 Uhr.Joachimstaler Straße 15.www.nicos-vip-lounge.deMaxxim: Der Club knüpft an alte Kudammzeiten an und nennt seine Partys dienstags und freitags "Far Out". Freitags ist Ü-30-Party.Joachimstaler Straße 15.www.maxxim-berlin.dePuro Sky Lounge: In 80 Metern Höhe kann hier donnerstags bis sonnabends gefeiert werden.Tauentzienstraße 9-12.www.puroberlin.de------------------------------3,5 Kilometer beträgt die Länge des Kurfürstendamms zwischen Halensee und Breitscheidplatz. Würde ein 70 Kilogramm schwerer Mann diese Strecke einmal abgehen, bräuchte er dafür ungefähr 82 Minuten und könnte dabei rund 245 Kilokalorien verbrennen. Das reicht, um sich im Starbucks am Kurfürstendamm 26 einen Caffè Latte Grande ohne schlechtes Gewissen zu gönnen. Für die doppelte Strecke kann es auch etwasdeftiger sein. Dann wären auch die 517 Kilokalorien eines 6-Inch-Meatball- Sandwiches bei Subway am Kurfürstendamm 180 erlaubt.Foto: Stangentanz für T-Shirt-Jungen. Bis zu 10000 Besucher kommen am Wochenende ins Q-Dorf. Es ist die größte Diskothek Berlins.