Die Schüler im Treppenhaus grüßen freundlich, der Mann vom Wachschutz redet schon eine Ewigkeit mit einem Jungen am Eingangstor. Dann lachen beide. "Spaß muss sein", sagt der Wachmann. Aus einem geöffneten Fenster dröhnt laut ein Schlagzeug, die Trommel AG übt. Es fällt schwer sich vorzustellen, dass in den Klassenzimmern Schüler gerade Türen eintreten, mit Papierkörben Fußball spielen, Knallkörper zünden und die Lehrer froh sind, dass sie ihr Handy mit in den Unterricht genommen haben, um schnell Hilfe holen zu können.Nichts davon passiert tatsächlich. Doch vor drei Jahren beschrieben die Lehrer der Rütli-Schule so ihren Alltag in einem Brandbrief an das Bezirksamt Neukölln und an den Senat. Der Brief sorgte für enormes Aufsehen, aus der Rütli-Schule wurde die berüchtigtste Hauptschule Deutschlands. Eine öffentliche Debatte über das Ende der Hauptschule begann.In dem Brief der Rütli-Lehrer standen ähnliche Dinge, wie sie kürzlich auch die Leiter der 68 Schulen in Mitte formuliert haben. Der Bezirk stehe vor seinem bildungspolitischen Aus, schrieben die Schulleiter. Bei den Lehrern der Rütli-Schule hieß es damals, die Stimmung in den Klassen sei von Aggressivität und Respektlosigkeit geprägt. "Wir sind ratlos", gaben die überforderten Lehrer zu.Davon ist heute kaum noch etwas zu spüren. Ein Sofortprogramm wurde in Gang gesetzt, eine Arbeitsgruppe gebildet, die im Laufe eines Jahres das Vorzeigeprojekt Campus Rütli entwarf. Die Neuköllner Initiatoren gewannen Christina Rau als Schirmherrin für das bundesweit einmalige Bildungs- und Integrationsprogramm Campus Rütli.Auf einem 48 000 Quadratmeter großen Gelände rund um die RütliSchule sollen in den nächsten Jahren bis zu 1 400 Kinder und Jugendliche aus Nord-Neukölln ein komplettes Betreuungs- und Bildungsangebot nutzen können: Kindergärten, Schulen, Spiel-, Sport- und Freizeitangebote von morgens bis abends. Es wird auch Jugendklubs geben, ein Café, Werkstätten, ein Medienzentrum, Berufsberatungsstellen, Grün- und Spielflächen. 26 Millionen Euro wird das Vorhaben kosten. 5,5 Millionen Euro zahlt das Land Berlin, weitere Beträge geben Stiftungen, Firmen und Vereine.Kernstück des Campus bleibt die Rütli-Schule. Schulleiter Aleksander Dzembritzki sagt: "Die Stimmung in der Schule ist heute eine ganz andere als damals." Das Schulleben habe sich völlig verändert. "Die Schüler haben begriffen, dass sie eine Chance haben, wenn sie es wollen." Emine und Tugba, zwei Mädchen aus der 7. Klasse, erzählen auf dem Heimweg nach der Schule, der Unterricht mache ihnen Spaß, die Lehrer seien nett, es gebe keine Gewalt. Es klingt fast ein bisschen unglaubwürdig, zu nett und zu friedlich für Nord-Neukölln.Aleksander Dzembritzki hat die Leitung der Schule im Oktober 2006 übernommen, ein halbes Jahr nach Erscheinen des Briefes. Einige Lehrer verließen damals die Schule. "Nur wer Lust hatte, hier zu unterrichten, sollte bleiben", sagt Dzembritzki. Heute gehören zum Kollegium auch eine türkische Lehrerin und ein arabischer Lehrer. "Sie haben für viele Schüler eine wichtige Vorbildfunktion", sagt der Schulleiter. Die Rütli-Hauptschule bildet mit der Heinrich-Heine-Realschule und der Franz-Schubert-Grundschule heute eine Gemeinschaftsschule, es gibt einen Schulsozialarbeiter und drei interkulturelle Moderatoren. Diese Kollegen vermitteln den Kontakt zu den meist türkischen und arabischen Eltern, sie begleiten die Lehrer bei Hausbesuchen und dolmetschen, wenn die Eltern nicht gut Deutsch sprechen. Der Kontakt mit vielen Müttern und Vätern sei besser geworden, sagt der Schulleiter.Um schwierige Schüler, die schwänzen oder kriminell sind, kümmern sich heute Schulpsychologen, Mitarbeiter des Jugendamtes, der Jugendgerichtshilfe und der Polizei. "Wir überlegen gemeinsam, wer kann helfen? Woher kommen die Probleme?", sagt Dzembritzki. Nach der Schule gibt es viele Freizeitangebote für die Schüler. Kurse für Theater, HipHop, Trommeln, Tanz und Kunst. Im Flur neben dem Lehrerzimmer hängt eine Kollektion der Bekleidungsmarke Rütli Wear. Schüler verkaufen sie über eine Schülerfirma.Im nächsten Monat eröffnet eine neue Mensa, für 550 000 Euro wurde die frühere Turnhalle der Rütli-Schule umgebaut. Danach werden veraltete Fachräume neu ausgestattet. Kosten: 700 000 Euro. Anschließend bekommt die Schule neue Computer, 130 000 Euro liegen dafür bereit. Für eine neue Quartiershalle auf dem Gelände gibt der Senat 4,7 Millionen Euro, mit dem Bau soll Ende des Jahres begonnen werden. Die Quartiershalle nutzen die Schüler ab 2010 für den Sportunterricht, abends gibt es dort öffentliche Veranstaltungen. Im Viertel Reuterkiez leben etwa 20 000 Menschen, 35 Prozent von ihnen sind arbeitslos, fast doppelt so viele wie im Berliner Durchschnitt.Für den Campus müssen die Kleingärtner in der Rütli- straße ihre Grundstücke bis November 2009 verlassen. Dort soll ein Schulhof errichtet werden, vielleicht auch eine neue Grundschule. "Wir haben ein enormes Tempo bei der Entwicklung unseres Vorhabens", sagt Klaus Lehnert, Projektleiter des Campus Rütli. Seit zwei Jahren ist sein Team unterwegs, um bei den Anwohnern und den Geschäftsleuten für den Campus zu werben. Lehnert spricht von einem "großen Wir-Gefühl" zwischen Lehrern, Eltern und Anwohnern.Schulleiter Dzembritzki sagt: "Das Lehrerkollegium kann stolz sein, was es mit dem Brief 2006 alles angeschoben hat. Doch wir müssen jeden Tag aufpassen, dass es keinen Rückfall gibt." Denn die Rütli-Schule liegt nun mal in Nord-Neukölln.------------------------------Foto: "Das Lehrerkollegium kann stolz sein, was es mit dem Brief 2006 alles angeschoben hat." Aleksander Dzembritzki, SchulleiterFoto: Mit Mode gegen das schlechte Image: Rütli Wear heißt das Modelabel der Schule. Gemeinsam mit Produktdesignern und Soziologiestudenten haben die Schüler T-Shirts und Basecaps bedruckt.Foto: Tanzen statt prügeln: In der Rütli-Schule werden regelmäßige Kurse für HipHop, Kunst, Theater und Trommeln angeboten. Gibt es Konflikte unter den Schülern, werden Streitschlichter einbezogen.

Lesen oder hören Sie doch weiter.

Erhalten Sie unbegrenzten Zugang zu allen B+ Artikeln der Berliner Zeitung inkl. Audio.

1 Monat kostenlos.

Danach 9,99 € im Monatsabo.

Jederzeit im Testzeitraum kündbar.

1 Monat kostenlos testen

Sie haben bereits ein Abo? Melden Sie sich an.

Doch lieber Print? Hier geht’s zum Abo Shop.