Vor dreißig Jahren begann die Herrschaft des iranischen Schahs Reza Pahlawi zu zerfallen: Folgen eines Staatsbesuchs

Am 31. Dezember 1977 besuchte der amerikanische Präsident Jimmy Carter mit Gattin Rosalynn den Iran. Zunächst schien das alles andere als eine spannungsfreie Visite zu werden. Mohammad Reza Pahlawi, der Schah vom Iran, hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass er bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen ein Jahr zuvor lieber Carters konservativen Konkurrenten Gerald Ford als Gewinner gesehen hätte. Denn die republikanischen Präsidenten hatten bisher die despotische Politik der eisernen Faust des Schahs immer unterstützt. Jimmy Carter dagegen wollte mehr Stabilität erreichen, indem er verbündete Staaten in der Dritten Welt zu umfassenden Reformen drängte.Der Schah hatte Gerald Fords Wahlkampf massiv finanziell unterstützt. Umso erstaunter muss er gewesen sein, in Präsident Carter am Silvesterabend einen überaus freundlichen Gast vorzufinden. Allein schon der Termin: Kein amerikanischer Präsident hatte bis dahin den Jahreswechsel in einem fremden Land gefeiert. Der US-Präsident huldigte dem Schah mit Worten, die angesichts der im Vorfeld unterkühlten Beziehungen selbst seine eigenen Berater irritierte. Er nannte den Iran eine "Insel der Stabilität in einer der turbulentesten Gegenden der Welt". Er kenne kein Staatsoberhaupt, dem er mehr zu Dank verpflichtet wäre. Der sichtlich überraschte Schah interpretierte die Worte Carters als uneingeschränkte Unterstützung für seine Politik - ein klares Missverständnis.Carters Besuch war maßgeblich für die späteren Entwicklungen im Iran. Carter ging und ließ einen überheblichen Monarchen zurück. Nur sechs Tage danach ließ der Schah in der größten iranischen Zeitung, Ettelaat, einen Artikel veröffentlichen, in dem der noch im Exil weilende Ayatollah Khomeini mit wüsten Beleidigungen belegt wurde - eine gefährliche und unnötige Provokation. Der Lastwagen, der die Ettelaat in die heilige schiitische Stadt Qom bringen sollte, erreichte die Stadt nicht, sondern wurde vor ihren Toren in Brand gesteckt. Proteste der Mullahs in Qom ließ der Schah brutal niederschlagen. Mehrere Personen starben.Traditionell gedenken die Schiiten am 7. und 40. Tag nach einem Todesfall des Verstorbenen. So geschah es auch nach dem Blutbad von Qom. Jeder Gedenktag wurde zu einem Massenprotest, was sich schnell auf andere Städte ausweitete. Das führte in der Auseinandersetzung mit der Polizei zu neuen Opfern und neuen Protesten. Wachgerüttelt wurde der Diktator dadurch nicht. Im März 1978 beschrieb er die Lage mit den Worten: "Der Mond (der Schah) strahlt Aura und Licht aus und der Hund (seine Kritiker) bellt."Die Carter-Administration bekundete zwar weiterhin ihren Beistand für den Schah, versuchte ihn aber gleichzeitig zu Reformen zu bewegen. Washingtons Spagat zwischen Unterstützung und Druck, zwischen Macht- und Menschenrechtspolitik, und der Streit über die Iranpolitik zwischen Außenminister Vance und dem Nationalen Sicherheitsberater Brzezinski irritierten und lähmten Reza Pahlawi. Im August 1978 zeigte er im iranischen Fernsehen Verständnis für den Volksaufstand und bat um eine Chance zur Wiedergutmachung. Er bekam sie nicht. Es war zu spät.Carters Besuch war nicht die Revolutionsursache. Doch von jenem Tag an hat der Schah alles falsch gemacht, was er hätte falsch machen können. Vor dem beleidigenden Artikel in Ettelaat am 7.Januar1978 war der Name Ayatollah Khomeinis für die meisten Iraner keineswegs geläufig. Der Schah versuchte sich zu halten, indem er ständig seine Regierung auswechselte. Innerhalb von sechs Monaten erlebte der Iran drei Kabinette. Doch der politische Spielraum schrumpfte immer mehr. Zeigte der Schah Härte, brachte er die Masse noch mehr gegen sich auf. Machte er Konzessionen, wurde dies als Schwäche verstanden, was die Revolutionäre ermutigte.Der Schah ging am 16. Januar 1979 ins Exil, Ayatollah Khomeini kehrte am 2. Februar zurück. Zehn Tage später hatte die Revolution gesiegt. Noch heute bekommen die Älteren und die Revolutionsgeneration Kopfschmerzen von der Schnelligkeit des Revolutionssieges. Als Ayatollah Khomeini 1970 sein Buch, "Der Islamische Staat" schrieb, konnte er nicht ahnen, dass er selbst diesen Gottesstaat führen würde. Sein Nachfolger Ayatollah Khamenei legte sich Monate lang mit Argwohn schlafen. Er befürchtete, er könne wach werden und feststellen, dass das Ganze nur ein süßer Traum wäre. "Wir wollten Regen und bekamen die Flut", sagte Premier Mehdi Bazargan. Nicht die Stärke der Revolutionäre, die kaum selbst an ihren Sieg glaubten, sondern die tödlichen Fehler des Schah und die widersprüchlichen Signale der Carter-Administration ebneten der Revolution den Weg zum Sieg. Die Islamische Republik wäre vermeidbar gewesen.Der Entwicklung des Iran wäre die Fortdauer der Monarchie besser bekommen. Sie zählte nicht zu den brutalsten Despotien der Welt. Die iranische Auslandsopposition verbreitete dämonisierende Gerüchte, wonach das Land Zehntausende politische Gefangene hätte. Tatsächlich waren es weniger als dreitausend. Tausende sollten allein beim Massaker auf dem Teheraner Jaleh-Platz am 8. September 1978 getötet worden sein. Heute wissen wir nach der offizieller Statistik der Märtyrer-Stiftung, einer Revolutionseinrichtung, dass von 1963 bis zum 12. Februar 1979 insgesamt 3 164 Menschen Opfer des Pahlawi-Regimes geworden sind. Die Islamische Republik übertraf diese Zahl schon in ihren ersten drei Jahren. Die Monarchie war vor ihrem Ende zu Reformen bereit. Bei einem Fortbestand hätten ihr die globalen Rahmenbedingungen der 80er-, spätestens der 90er-Jahre keine andere Wahl gelassen, als demokratischen Wandel zuzulassen. Selbst wenn dies nicht der Fall gewesen wäre, wäre ein Volksaufstand in den 90er-Jahren von anderer Natur gewesen als der von 1979 in einem Land, in dem Analphabetismus herrschte und dessen Revolutionäre bis auf eine winzige Minderheit genauso wenig von Demokratie und Menschenrechten hielten wie der Schah selbst. Die Revolution kam zu früh. Sie war ein historisches Pech für den Iran.Zu den größten Verlierern zählten die beiden Männer, die in jener Silvesternacht in Teheran miteinander anstießen. Der Schah verlor die Krone und starb wenig später. Carter verlor den Iran und als Folge die Wiederwahl.Behrouz Khosrozadeh, geboren in Bushehr im Iran, ist Politologe und Publizist. Er lebt heute in Göttingen.------------------------------"Ich bin müde und brauche eine Pause." Schah Reza Pahlawi beim Abschied ins Exil------------------------------Foto: Silvester 1977 in Teheran: US-Präsident Jimmy Carter und Schah Reza Pahlawi. Von diesem Tag an machte der Schah alles falsch.