Man müßte es wie Göthe machen, der Idiot: alles und jedes gut finden/was der für eine permanente Selbststeigerung gemacht hat, ist unglaublich, sobald man das italienische Tagebuch liest: jeden kleinen Katzenschiß bewundert der und bringt sich ins Gerede." So schrieb Rolf Dieter Brinkmann in "Rom, Blicke".Rolf Dieter Brinkmann war nicht nur belesen, sondern auch komisch. Das ist vielleicht überraschend, wenn man den zornigen Hochkulturverächter und übersensiblen Dichter neu liest. Dreißig Jahre nach seinem Tod ist der 1940 im oldenburgischen Vechta geborene Brinkmann wieder aktuell. Man feiert ihn als ersten deutschen Popliteraten, da Pop bloß noch Mainstream und Popliteratur ein schlechter Witz ist. Als böse genialen Rebellen, der jung an Deutschland zu Grunde gegangen sei, während Walser und Grass, die Brinkmann schon in den sechziger Jahren als alte Männer beschimpfte, noch immer schreiben. Einige seiner Gedichte sind inzwischen zu modernen Klassikern geworden. Irgendwie scheint er es wohl geahnt zu haben:"Einen jener klassischen // schwarzen Tangos in Köln, Ende des / Monats August, da der Sommer schon // ganz verstaubt ist, kurz nach Laden / Schluß aus der offenen Tür einer // dunklen Wirtschaft, die einem / Griechen gehört, hören, ist beinahe // ein Wunder: für einen Moment / eine Pause in dieser Straße, // die niemand liebt und atemlos / macht, beim Hindurchgehen. Ich // schrieb das schnell auf, bevor / der Moment in der verfluchten // dunstigen Abgestorbenheit Kölns / wieder erlosch."Viele haben ihn kopiert wie Wondratschek oder missverstanden wie Theobaldy. Jüngere wie Michael Lentz beziehen sich heute auf seine "extremen Sprechakte". Brinkmanns Gedichte waren sinnliche Befreiungsschläge, sprachliche Polaroids, die Authentizität her- und so zugleich in Frage stellten. Türen sollten geöffnet werden aus der Sprache und den Konventionen, aus dem konditionierten Bewusstsein hinaus. "Break on through to the other side", nannten das die Doors.Brinkmann hatte von den Amerikanern gelernt, ohne sie nachzuahmen. Von Leslie Fiedler, der das Ende der literarischen Moderne propagierte ("Tötet Marcel Proust!"), von der alternative culture, deren poetisches LSD er in den Anthologien "Acid" (1968) und "Silverscreen" (1969) übersetzte und herausgab. "Keiner weiß mehr" (1968), sein einziger Roman, hält die Stimmung auf den Straßen der BRD und in den Beziehungen der Menschen kurz vor den Studentenprotesten monomanisch intensiv fest. Die jungen Westdeutschen waren berauscht, als Brinkmann Pop und Bewusstseinserweiterung in die deutsche Szene, harte Schnitte und Revolverschüsse der B-Movies in die Literaturtheorie brachte.Nach dem nächsten Zeilensprung aber steckten seine Gedichte auf einmal voller Dreck, verrosteter Kühlschränke, Wäscheleinen mit alten Socken und Warnschilder "Privat" an den Mauern. Plötzlich waren diese Texte Alltag, Normalität, waren sie Deutschland, stinkiges Köln und nicht San Francisco. Brinkmanns Lyrik, auch die spätere, komplexe Langgedichtform in "Westwärts 1&2", beanspruchen Gegenwart, auch wenn sie schmutzig ist und schlecht riecht. Ein Gegenentwurf zu dem, wofür heute die Poesie Durs Grünbeins steht.Ab 1970 vollzieht sich ein Bruch in Brinkmanns Werk. Das Empirische und die angestrebte Versinnlichung des Denkens bleiben relevant. Das Postulat eines übergreifenden Zusammenhangs von Kunst und Leben aber kippt um in einen "Non-Stop-Horror-Film der Sinne." Allenthalben diagnostiziert der Autor Zerstörung, Verrottung, Verfolgung. Gesellschaft, Staat, die ganze westliche "Ziviehlisation", auch der linksliberale Kulturbetrieb mit seinen "Copien von Kiffen, Teestunden, Unterhaltungen, Kumpaneien" bedrängen das Individuum, sperren es ein, entfremden es seiner selbst. Das Ich im Kriegszustand. Einer gegen alle.Brinkmann, mit Frau Maleen und Sohn Robert am Rande des Existenzminimums "im finsteren mumligen Köln" lebend, rennt nervös und hyperaufmerksam durch die Städte, beobachtet, registriert, sammelt, notiert, notiert, dass er notiert. Er parallelisiert Wahrnehmungs- und Schreibsituation, fingiert Zufälligkeit, macht Fotos, filmt, spricht aufs Tonband. Mit übersteigert autobiografischem Material führt er literarisches Sagen, Literatur überhaupt ad absurdum: "(Notizen; bleibe manchmal stehen unter einer Straßenlaterne & schreibe in den kleinen Block.) (Eben passiert!)". "Jetzt pinkel ich an der Maastrichter Straße." "Jetzt kratze ich mich zwischen den Beinen und tippe weiter."Die Prosa der siebziger Jahre wird erst postum veröffentlicht: "Rom, Blicke" (1979), "Erkundungen für die Präzisierung des Gefühls für einen Aufstand: Reise Zeit Magazin (Tagebuch)" (1987), "Schnitte" (1988)."Rom, Blicke", der Ertrag eines Stipendiums in Rom, ein grandioses, transzendentalpoetisches Experiment, ein wild collagiertes Gesamtkunstwerk aus Briefen, Tagebuch, Reisebericht, Textfetzen, bekritzelten Postkarten, selbst geschossenen Instamatic-Aufnahmen, Porno- und Illustriertenbildchen, Lektüreerlebnissen, Wutausbrüchen und Beschimpfungen, Störungen des Lesers und gezielten Provokationen, ist in seiner stilisierten Hässlichkeit und der radikalen Verneinung jeder gesicherten kulturellen Tradition als G egenentwurf zu Goethes Italienmythos ein (anti)literarisches Ereignis."Einen wilden, zerfetzten Aufstand des Bewusstseins machen/und die blöde schmierige Allgemeinheit in die Pfanne hauen, die den Himmel verwüstet und die Straßen verscheißt." Der Preis dieser bedingungslosen, nur den eigenen Sinnen trauenden, antimodernen Auflehnung sind Ohnmachtgefühle und Hass. Ist dies typisch deutsch oder gar faschistoid, wie manch einer behauptet hat? Brinkmann hat nie aufgehört, Gedichte zu schreiben.Am 23. April 1975, diesen Sonnabend vor 30 Jahren, ist Rolf Dieter Brinkmann in London von einem Auto überfahren worden. Wenig später ist sein Gedichtband "Westwärts 1&2" erschienen, den der Rowohlt Verlag nun erstmals in der "vom Autor geplanten Fassung" mit 23 zusätzlichen Gedichten und einem 89-seitigen Nachwort vorlegt. Ein Wunder von einem Buch, das noch heute wirkt.------------------------------Rolf Dieter Brinkmann: Westwärts 1&2. Erweiterte Neuausgabe, hg. v. Maleen Brinkmann. Rowohlt, Reinbek 2005. 384 S., 29,90 Euro.