ROM, 2. Februar. Der Mittwoch wird ein kurzer Skitag sein in Cavalese. Heute werden die Lifte im norditalienischen Wintersportort schon um 15.15 Uhr stillstehen, die Geschäfte im Ort bleiben geschlossen. Die Gemeinde trauert um die Opfer einer Katastrophe, deren Absurdität bis jetzt Empörung erregt.Am 3. Februar 1998 saß der amerikanische Militärpilot Richard Ashby im Schleudersitz seiner Prowler EA-6b. Er war von der 70 Kilometer entfernten US-Basis in Aviano gestartet und sollte üben, sein Fluggerät unter feindlichem Radar durchzusteuern. Das Einsatzgebiet für den Ernstfall war Bosnien, und die Berge um das Fleimser Tal sahen ähnlich aus. Hier schien man gefahrlos Tiefflüge proben zu können. Daß die Anrainer protestierten und der Fremdenverkehr litt, kümmerte die Militärs wenig. Immerhin, eine Verbesserung hatte das italienische Verteidigungsministerium erwirkt: Die Mindestflughöhe wurde von 1 000 auf 2 000 Fuß hinaufgesetzt, auf etwas mehr als 600 Meter.Nicht beeindrucktRichard Ashby aber schien vom Dekret aus Rom nicht sonderlich beeindruckt. Als die verstärkte Heckflosse seiner Prowler um 15.15 Uhr das Tragseil der Gondelbahn auf den Berg Cermis durchschlug, muß seine Maschine im Abstand von knapp 100 Metern über die Erdoberfläche gedonnert sein. Höher steigt das Seil nicht, schon gar nicht, wenn eine volle Gondel dranhängt. Zu diesem Zeitpunkt zogen 20 Urlauber das Kabel nach unten. Die Wucht des Aufpralls schleuderte ihre Kabine fünfzig Meter hangaufwärts, wo sie plattgedrückt liegenblieb. Zwei Österreicher, sieben Deutsche, fünf Belgier, zwei Polen, drei Italiener und ein Holländer starben auf der Stelle.Was nun folgte, ist mit schlechtem Krisenmanagement nur unzureichend beschrieben. Erst beharrten die Amerikaner darauf, die Marines in den USA vor ein Militärgericht zu stellen. Dann begannen die Versuche, die peinliche Sache mit Geld aus der Welt zu schaffen, erzählt Werner Pichler, der Pressesprecher des "Komitees 3. Februar". Der US-Konsul sei mit Vertretern nordamerikanischer Firmen in den Ort gekommen und habe lockende Angebote gemacht. Eine Erinnerungstafel am Unfallort, die Cavalese als "Provinz Washingtons" bezeichnete, verschwand spurlos.Die Seilbahn war als erste wieder da. Als das hochmoderne Gerät vor einer Woche in aller Stille eröffnet wurde, fragten sich die Angehörigen der Opfer, wieso dieser Schaden so schnell behoben wurde. Daß die 18 Millionen Mark für die Gondel vorerst von der Gemeinde und der Provinz Trient vorgestreckt wurden, ändert nichts am Gefühl der Überlebenden, weniger zu zählen als der Fremdenverkehr. Am Dienstag erhoben sie bei einem Treffen in Cavalese weitere schwere Vorwürfe: Bisher habe die US-Regierung jeder Familie lediglich rund 8 750 Mark gezahlt; das habe zum Begleichen der Beerdigungskosten gereicht. Bürgermeister Lothar Naumann aus Burgstadt in Sachsen ist unfreiwillig zum Sprecher der Opfer geworden. Aus seinem Ort kamen alle sieben deutschen Opfer. Mit Hilfe eines US-Anwalts fordert er 60 Millionen Dollar Schadensersatz, drei Millionen für jeden der Toten. "Der US-Präsident hat ein gerechtes und schnelles Vorgehen versprochen", sagt Anwalt John Arthur Eaves. "Bisher war es weder gerecht noch schnell. Dieses Verhalten ist ein Zeichen für selektive Justiz."Für die Angehörigen wird die Erinnerung mit dem Gedenkgottesdienst und der Enthüllung der Gedenktafel am Friedhof am Mittwoch nicht zu Ende sein. Tags darauf beginnt in North Carolina der Prozeß. Ein paar Familien haben sich entschlossen, hinzufliegen, auch wenn in Camp Lejeune nur noch zwei Angeklagte vor dem Militärgericht stehen: Ashby und sein Navigator Joseph Schweitzer. Die beiden anderen Insassen des Jets kamen ohne Prozeß davon.Ashby und Schweitzer droht lebenslange Haft. Sie müssen sich gegen den Vorwurf wehren, eine frivole Mutprobe im Stile von "Top Gun" versucht zu haben. Ein Video dürfte das Manöver dokumentiert haben. Daß es verschwunden ist, trug Ashby einen zweiten Prozeß ein wegen Behinderung der Justiz.