Vor einem Jahr hat ein Investor den Wandlitzsee erworben - jetzt präsentiert er seine Rechnung: Wer einen Steg hat, soll Aktien kaufen

WANDLITZ. Eine der Perlen unter Brandenburgs Seen liegt versteckt zwischen den Wäldern. Noch kreuzt kein Boot auf dem Wasser, die vielen Stege sind menschenleer. Die Saison an einem der beliebtesten Ausflugsziele nördlich von Berlin beginnt erst in einigen Wochen. Doch der Ärger ist schon jetzt da. Denn nun soll es teuer werden für die etwa 120 Stegbesitzer am Wandlitzsee.Im Juli 2003 meldete die Bodenverwertungs- und -verwaltungsgesellschaft (BVVG) einen Verkaufserfolg: 80 Interessenten hatten sich für den einst volkseigenen See mit dem bekannten Namen gemeldet - nun war für gut 350 000 Euro ein Käufer gefunden. Im Vertrag stand, dass die Öffentlichkeit weiterhin Zugang zum See haben müsse und die Fischereirechte nicht angetastet würden. Wie der Käufer mit dem See hätte Geld verdienen können, war damals unklar. Aber alle schienen zufrieden. Denn der Käufer - Werner Becker, Vorstand bei der Düsseldorfer Immobilienfirma Teutonia - schien keine wirtschaftlichen Interessen zu haben. Er habe bereits ein Seegrundstück, hieß es. Becker selbst ließ mitteilen: "Eingriffe in die derzeitige Nutzung des Sees sind nicht beabsichtigt. " Aber nun will Becker doch Geld von den Anrainern. Er gründete die Wandlitzsee Aktiengesellschaft. Ihr Zweck: "Die Nutzung des Wandlitzsees durch die Vorzugsaktionäre der Gesellschaft". Seine Idee: Die Stege stehen im Wasser und der See gehört ihm. Und wer am See einen Steg von bis zu 30 Meter Länge besitzt, der kann eine der etwa 100 Vorzugsaktien zum Ausgabekurs von mindestens 7 500 Euro kaufen. "Angebot und Nachfrage werden letztlich den Preis bestimmen", teilte Becker mit. Auch für den Steg im kommunalen Strandbad verlangt er nun 10 000 Euro Jahresmiete."Wir werden erst mal nicht zahlen", sagt Bürgermeister Udo Tiepelmann erbost. Ein Urteil des Bundesgerichtshofes stütze die Rechtsauffassung der Gemeinde, dass die Stege zu den Grundstücken gehören, von denen aus sie ins Wasser gebaut sind. "Wir hatten vom Käufer die Zusage, dass er die Zukunft des Bades nicht gefährdet", so Tiepelmann. Den Steg des 80 Jahre alten Bades hat die Gemeinde erst für 260 000 Euro saniert. Wandlitz leiste sich das beliebte Ausflugsziel, obwohl es trotz 50 000 Besuchern im Jahr ein Zuschussgeschäft blieb - mit Ausnahme des Jahrhundertsommers im vorigen Jahr. Noch hofft der Bürgermeister auf eine Einigung und auch darauf, dass der Seebesitzer nicht noch auf neue Ideen kommt. "Herr Becker scheint sehr kreativ zu sein", sagt er.Für zusätzliche Aufregung am See sorgt das Schullandheim des Kreises - ebenfalls mit Zugang zum See. Denn es kursiert das Gerücht, dass es nur deshalb geschlossen werden soll, weil nebenan eine ehemalige Stasi-Villa zum Verkauf steht. Kostenpunkt: 1,8 Millionen Euro. Das aufwändig sanierte Areal gehört der Ost-West-Handelsbank. Der zuständige Immobilienmakler streitet einen Zusammenhang ab."Der Verkauf wäre bestimmt einfacher, wenn nebenan nicht die Kinder lärmen", sagt Grundschullehrer Lutz Müller. Er kämpft mit seiner Frau Kerstin Bolz und anderen Wandlitzern für das Heim, in dem seit 1996 mehr als 60 000 Übernachtungen bei Klassenfahrten oder Ferienlagern gezählt wurden. "Es ist mit der Regionalbahn leicht erreichbar, das Angebot hier ist sehr gut. " Vor dem Haus ist der 30 000 Euro teure Parcours der Verkehrsschule für die Grundschüler, dahinter sind Fußball- und Volleyballplatz, Klettergerüste. Müller ärgert es, dass schon wieder eine Kindereinrichtung geopfert werden soll."Wir haben dafür kein Geld", sagt Kreisbildungsdezernent Ulrich Gräfe. 600 000 Euro würden die Behebung der Brandschutzmängel und nötige Umbauten kosten. In Wandlitz gebe es zudem eine neue Jugendherberge und in der Nähe zwei ähnliche Einrichtungen. Dass es einen Zusammenhang mit dem Verkauf der benachbarten Villa gebe, sei "völliger Quatsch".Auch der Bürgermeister ist für den Erhalt des Heims. Am Mittwoch entscheidet der Kreistag darüber. Der Streit um die Stege wird wohl erst zum Saisonstart entschieden.Beliebtes Ausflugsziel der Berliner // See: Der Wandlitzsee ist 212 Hektar groß und bis zu 20 Meter tief. Das für 2,5 Mio. Euro sanierte kommunale Strandbad ist ein beliebtes Ausflugsziel der Berliner.Wandlitz: Bekannt wurde der Ort durch die "Waldsiedlung Wandlitz", die aber zu Bernau gehörte. Bis 1989 war das die abgeschottete Wohnsiedlung des SED-Politbüros.Verkauf: Die Gemeinde konnte die für den Kauf geforderten 420 000 Euro nicht aufbringen. 2003 erwarb der Düsseldorfer Werner Becker den See.Foto: Eine Perle der Mark: Der Wandlitzsee wurde im Zuge der Bodenreform enteignet, war später Volkseigentum.