FRANKFURT (ODER). Es ist der 16. August 2006. Tim S., 34 Jahre alt, wartet auf den Gerichtsvollzieher. Er soll seine Wohnung im fünften Stock in der Valentina-Tereschkowa-Straße in Frankfurt an der Oder räumen. Er hat Mietschulden: 885 Euro und 29 Cent. Als der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht, stürzt sich Tim S. aus dem Fenster.Alles ganz normalDer Tod des jungen Mannes vor knapp einem Jahr hatte in Frankfurt an der Oder für Diskussionen über den Umgang der Ämter mit Mietschuldnern gesorgt. Der Oberbürgermeister ordnete eine Untersuchung an, doch der Abschlussbericht der Verwaltung fiel nichtssagend aus: Niemand in den Ämtern und dem kommunalen Wohnungswirtschaftsunternehmen sei für den Tod des Mannes verantwortlich, hieß es. Alle hätten rein rechtlich völlig korrekt gehandelt."Das ist es, was mich so aufgeregt hat", sagt Dagmar Uhlmann. Vielleicht trage ja niemand juristisch die Schuld. Aber doch wohl moralisch, weil aus einem Menschen ein bürokratischer Akt geworden sei. Die Autorin hat ein Buch über den Tod von Tim S. geschrieben, das gerade erschienen ist. Sie bezeichnet es als einen Sozialreport. Es ist ein Buch, in dem Tim S. zu Tom D. wird, in dem der Chef des Wohnungsunternehmens nicht Ronald Schürg, sondern Arnold Schulz heißt, in dem aus der Valentina-Tereschkowa-Straße die Jähnstraße wird. Dagmar Uhlmann sagt, es gebe Leute in der Stadt, die das Buch verhindern wollten, die die Straßenseite wechseln, wenn sie die Autorin sehen. Diese Leute sitzen im Wohnungsunternehmen, im Jobcenter, in der Stadtverwaltung. Ein Anwalt habe ihr geraten, die Namen zu ändern, um das Erscheinen des Buches nicht zu gefährden, sagt die 64-jährige Autorin.Das Buch heißt "Die Zwangsräumung des Tom D. Ein ganz normaler Geschäftsablauf." Als solchen hatte der Geschäftsführer des städtischen Wohnungswirtschaftsunternehmens den Fall bezeichnet. Das Buch ist im Verlag Books on Demand erschienen. Es ist nur auf Bestellung zu bekommen.Dagmar Uhlmann lebt seit mehr als 30 Jahren in Frankfurt an der Oder. Für das Buch hat sie lange mit den Eltern von Tim S. gesprochen und einiges über den Lebensweg des jungen Mannes zusammengetragen. Tim S. wird im Oktober 1971 geboren - er ist ein Nachzügler. Sein Bruder ist bereits zwölf, die Schwester sechs Jahre alt. Tims Mutter ist Ingenieur-Ökonomin, der Vater NVA-Offizier. Die Eltern beschreiben ihren Jüngsten als Liebling der Familie und guten Schüler. Tim schließt die zehnte Klasse mit "sehr gut" ab, 1990 beendet er im größten Unternehmen der Region, dem Halbleiterwerk, seine Lehre zum Elektronikfacharbeiter und wird sogleich auf Kurzarbeit Null gesetzt. Der Betrieb wird abgewickelt. Tim S. erhält seine Papiere. Er macht Fortbildungen, Umschulungen, bewirbt sich immer wieder, wird schließlich als Bühnenarbeiter im "Theater des Lachens" eingestellt. Die Arbeit macht ihm Spaß, er wird geachtet. Und steht nach drei Jahren und neun Monaten wieder auf der Straße, weil die ABM-Stelle ausläuft.Das Haus wird abgerissenDagmar Uhlmann hat aufgeschrieben, wie Tim S. zu einem Sozialfall wird. Wie er versäumt, Anträge auszufüllen, um eine Mietschuldenübernahme und Hartz IV zu bekommen. Wie er auf seinem Mieterkonto ein Minus von insgesamt 1 428 Euro aufbaut. Wie er von einem Amt zum anderen geschickt wird. Wie er dann ab Februar 2006 wieder regelmäßig Miete zahlt. Wie er anfängt, die Schulden abzubauen - mit der Unterstützung seiner Eltern. 885 Euro und 29 Cent betragen seine Schulden zum Schluss. In 22 Monaten wäre er schuldenfrei gewesen. Seine Eltern erklären sich bereit, die 885 Euro und 29 Cent mit einem Mal zu bezahlen. Doch der Vermieter beharrt auf der Räumung. Tim S. resigniert.Dagmar Uhlmann sagt, sie wolle mit dem Buch nicht verurteilen. "Doch jeder soll sich fragen, was er hätte anders machen können, um die Tragödie zu verhindern."Katja Wolle ist Bürgermeisterin der SPD und Sozialdezernentin der Stadt. Sie war bei der Buchpremiere im Frankfurter Oderturm die einzige aus der Stadtführung. Katja Wolle hatte schon kurz nach dem Fenstersturz gesagt, ihr sei schleierhaft, wie ein städtisches Unternehmen auf der Räumung bis zum Schluss beharren konnte, zumal Tim S. gerade dabei war, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Sie hat dafür im Rathaus nicht viel Beifall bekommen. "Das Buch ist wichtig für die Stadt, für das Klima hier. Wir dürfen nicht einfach wieder zur Tagesordnung übergehen", sagt sie.In dem Haus, in dem Tim S. lebte, wohnt kaum noch jemand. Es soll abgerissen werden.------------------------------Foto: Die Autorin Dagmar Uhlmann - sie nennt ihr Buch einen Sozialreport.