Rippenbrüche, ein angeknackster Daumen, Hautabschürfungen und Prellungen. Damit endete kürzlich für eine 52-jährige Touristin aus Nordrhein-Westfalen die Begegnung mit einer Kuhherde im österreichischen Kärnten. Die Frau war mit ihrem Mann und ihrem Hund auf einem Almwanderweg unterwegs, als sie an einer Weide mit fünf Kühen und ihren Kälbern vorbeikam. Angesichts des kläffenden Hundes gerieten die Kühe offenbar in Panik. Gemeinsam stürmten sie auf das Ehepaar los, eine Kuh stieß die Urlauberin um, eine zweite überrannte sie.Erst einige Tage zuvor hatten Kühe eine Spaziergängerin in Osttirol angegriffen und schwer verletzt. Und Ende Juni war eine Britin im nordenglischen Yorkshire beim Wandern mit ihren Hunden von Kühen sogar totgetrampelt worden. Immer wieder gibt es solche Meldungen von verhängnisvollen Begegnungen mit Weidekühen.Kuscheln im StallTatsächlich ist die Zahl solcher Unfälle in den letzten Jahren gestiegen, bestätigt die Schweizer Beratungsstelle für Unfallverhütung (BUL). Eine exakte Statistik darüber gibt es aber nicht. Als einen Grund für das scheinbar aggressivere Verhalten der Rinder sehen Agrarexperten die neuerdings verstärkt praktizierte Muttertierhaltung. Von den über zwölf Millionen Rindern in Deutschland etwa sind fast 700 000 Mutterkühe. Das heißt, die Kuh behält ihr Kalb nach der Geburt und bleibt auch auf der Weide oder auf der Alm mit ihm zusammen. "Der Mutterinstinkt ist bei Kühen sehr ausgeprägt. Und sie verteidigen ihren Nachwuchs gegen Feinde", erklärt der Sprecher der Schweizer Unfall-Beratungsstelle. Eine Mutterkuh kann da schon mal zur Kampfkuh werden.Die Bäuerin Simone Möller aus dem Sauerland kann dem Begriff Kampfkuh nichts abgewinnen. Sie bietet auf ihrem Hof in Meinerzhagen "Kuh kuscheln" mit Hinterwäldlern, einer alten Fleischrindrasse, an. Städter reisen hier an, um die Kühe im Stroh gewissermaßen hautnah zu erleben, sie zu striegeln oder sogar mit ihnen spazieren zu gehen. Jedoch darf nur mit Kühen "gekuschelt" werden, die mit Menschen aufgewachsen sind. Mit normalen Weide-Rindern sollte man das lieber nicht versuchen, sagt die Bäuerin. Trotzdem ist sie sich sicher: "Alle Kühe sind freundlich und greifen niemanden grundlos an." Und auch beim österreichischen Bauernverband sieht man keine größere Gefahr durch grasende Kühe: "Dass die jemanden angreifen, ist sehr selten", heißt es dort.Bäuerin Tempelmaier hat 23 braun gefleckte Milchkühe auf ihrem Hof in Niederösterreich im Stall stehen. Sie kennt die Gefahren, die es beim Umgang mit den großen Tieren durchaus gibt. "Als Bäuerin lernt man, wie man mit den Tieren umgeht, so wie ein Bäcker ja auch den Umgang mit dem Backofen lernen muss", sagt sie. Wenn etwa eine Kuh den Kopf senkt und die Stirn zeigt, dann ist Vorsicht geboten, weiß sie. Im Stall ihres Bauernhofs im Mostviertel hat die Bäuerin immer einen Besen griffbereit, mit dem sie notfalls auf die empfindliche Kuhnase schlagen kann. Das verschafft ihr den nötigen Respekt."Unfälle mit Kühen kommen auch auf dem Bauernhof schon mal vor", teilt man bei der Landwirtschaftlichen Sozialversicherung mit. Mehr als früher aber seien es nicht geworden. Und je moderner die Ställe, desto weniger Unfälle gebe es. Jenseits der Ställe sind es weniger die Bauern, die Zoff mit den Kühen haben, sondern Wanderer, die Rinder für eine Art Almdekoration halten und dabei vergessen, dass es sich um Herdentiere handelt, die im Ernstfall auch gemeinsam auf einen mutmaßlichen Eindringling losstürmen.Schnelle SchwergewichteKühe sehen zwar schwerfällig aus, doch mit ihren rund 700 Kilogramm Gewicht können sie bis zu 40 Stundenkilometern schnell sein. Wegrennen hilft da nicht mehr. Besonders bei Bullen ist Vorsicht geboten. Dringt ein Wanderer in die Weide einer Herde mit männlichen Tieren ein, dann kann es leicht Ärger geben: "Der Bulle beobachtet und signalisiert, dass ihm etwas nicht passt", sagt Simone Möller, die Bäuerin aus dem Sauerland. Doch diese Signale wissen die Laien gewöhnlich nicht zu deuten.Was aber tun, wenn sich eine Begegnung mit freilaufenden Kühen nicht vermeiden lässt? Das Tierhalternetzwerk Vethom empfiehlt, mit der Kuh ruhig zu sprechen und langsam vorbeizugehen. Keinesfalls sollte man den Tieren den Rücken zukehren. Ratsam sei es, auf das Mitführen von Hunden zu verzichten. Kühe können bellende Vierbeiner nicht ausstehen.Wenn es hart auf hart kommt, kann man sich auch mal mit dem Wanderstock verteidigen. Doch im Zweifelsfall ist es klüger, einen kleinen Umweg in Kauf nehmen. Einer Kuh sollte man nie trauen.------------------------------Foto: Kühe weiträumig zu umgehen, ist in jedem Fall die sicherste Lösung.