LÜBECK, 24. März. Heute vor fünf Jahren, am 25. März 1994, begann mit der Brandstiftung an der Lübecker Synagoge eine bislang beispiellose Anschlagsserie auf Gotteshäuser und kirchliche Einrichtungen in der Hansestadt an der Ostsee. Seit diesem Feuer wurde 1995 an der Synagoge ein zweiter Brand gelegt. Eine Briefbombe verletzt 1995 im Lübecker Rathaus einen SPD-Mitarbeiter schwer. Zehn Menschen starben 1996 beim Brand im kirchlichen Asylbewerberheim Hafenstraße. 1997 wurde eine katholische Kirche völlig zerstört. Im gleichen Jahr wurde am Privathaus des evangelischen Bischofs ein Feuer gelegt. Seitdem wird auch der protestantische Pastor Günter Harig öffentlich mit Mord bedroht. Warum immer wieder Lübeck? "Diese Frage wird mir im Augenblick oft gestellt", sagt der Kantor der jüdischen Gemeinde, Chaim Kornblum. "Ich kann es nicht sagen, mir ist das auch unbegreiflich. Es hatte vorher keine Hinweise gegeben, daß so etwas passieren würde." Er war noch keine drei Monate als Vorsänger im Amt, als am Vorabend des Passahfestes an der in der Lübecker Altstadt gelegenen Synagoge der erste Anschlag stattfand. Die fünf Bewohner bemerkten den Brand so rechtzeitig, daß der materielle Schaden gering blieb. Diese erste Brandstiftung an einem jüdischen Gotteshaus nach der Nazizeit mobilisierte die Bürger der Stadt, die sich zu Mahnwachen versammelten. "Das war sehr schön, wie die Menschen auf die Straße gegangen sind", erinnert sich Chaim Kornblum immer noch berührt von der "Bereitschaft und Solidarität der Lübecker Bevölkerung". Sprengsatz ins RathausAber auch die Gegenseite reagierte. Drei Wochen nachdem Mitte April 1995 vier junge Lübecker im Alter zwischen 20 und 25 Jahren wegen Brandstiftung zu Haftstrafen bis zu viereinhalb Jahren verurteilt worden waren, brannte es in der Nacht zum 8. Mai erneut an der Lübecker Synagoge. Als der stellvertretende Lübecker SPD-Fraktionsvorsitzende Dietrich Szameit das Urteil gegen die ersten Brandstifter als zu mild kritisierte, schickten ihm die österreichischen Briefbomben-Attentäter einen Sprengsatz ins Rathaus. Einem Mitarbeiter, der die Post öffnete, wurde die Hand verstümmelt. Obwohl schon die ersten Synagogen-Brandstifter mit hochprofessionell gemischten Molotowcocktails zu Werke gingen, wurden die zahlreichen Attentate in Lübeck seitens der Polizei immer wieder Einzeltätern zugerechnet. Die erste Synagogenbrandstiftung soll aus einer Gruppe heraus begangen worden sein, die diffus zur Skinhead-Szene gerechnet wurde. Ihre Nähe zu rechtsradikalen Organisationen blieb unaufgeklärt. Keine KlarheitAuch beim Brand der katholischen Kirche im Jahr 1996 gab es zwar zwischenzeitlich eine noch nicht rechtskräftige Verurteilung, aber keine wirkliche Klarheit über die Täter und ihre Hinterleute. Und im Fall des Brandanschlags auf das Asylbewerberheim der Diakonie, bei dem im Januar 1996 sieben Kinder und drei Erwachsene starben, wird das Kieler Landgericht im September eine neue Verhandlung gegen den Hausbewohner Safwan Eid beginnen. Er war von einem Lübekker Gericht wegen dieser Tat zwar freigesprochen worden, der Bundesgerichtshof aber hob das Urteil auf.Zur gleichen Tat hatte sich ein junger Mecklenburger zweimal erst bekannt, seine Geständnisse aber widerrufen. Gegen ihn und seine drei Freunde ermittelt seit einem Jahr die Staatsanwaltschaft, mit einer Einstellung des Verfahrens wird aber gerechnet. Gänzlich im dunklen tappen die Ermittler bei der Frage, wer durch die Stadt zieht, immer wieder Brandstiftungen in kirchlichen Einrichtungen versucht und Drohungen gegen Pastor Harig und den zeitweise in Lübeck lebenden Schriftsteller Günter Grass hinterläßt.