Elf Tage nach Beginn des Mauerbaus, am 24. August 1961, kommt ein DEFA-Film in die Kinos der DDR, wie ihn die Zuschauer bis dahin noch nicht gesehen haben. Streng symmetrisch fotografierte Schwarz-Weiß-Bilder, ein expressives Spiel von Licht und Schatten, kühne Schnittfolgen aus Großaufnahmen und Totalen; dazu eine Musik aus hämmernden Akkorden: "Der Fall Gleiwitz" erscheint wie ein Meisterwerk der filmischen Avantgarde.Regisseur ist Gerhard Klein. Einen so streng stilisierten Film ist man von ihm nicht gewohnt; in seinen früheren Arbeiten, wie "Berlin - Ecke Schönhauser ..." (1957), hatte er sich der Alltagswirklichkeit eher mit realistischen, fast dokumentarischen Mitteln genähert. Aber sowohl das Thema der offenen Stadt Berlin als auch die Form der zurückliegenden Filme ist für Klein und seinen Autor Wolfgang Kohlhaase weitgehend ausgereizt. So suchten die beiden nach einem neuen Ansatz - und trafen dabei auf Günther Rücker, der gerade darüber nachdachte, in einem Film von jener Provokation zu erzählen, die den Anlass für den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges lieferte: den Fall Gleiwitz.Im Sommer 1939 hatte Hitler beschlossen, der Öffentlichkeit einen Grund für einen Einmarsch in Polen zu liefern. Am 31. August stürmten deutsche SS-Leute, als polnische Freischärler verkleidet, den Sender Gleiwitz, unterbrachen das laufende Programm und verlasen einen fingierten Aufruf, eine Kampfansage gegen Deutschland. Mit der Ausführung dieser streng geheimen Aktion wurde der SS-Hauptsturmführer Alfred Helmut Naujocks betraut. Er rekrutierte sechs "Volksdeutsche", die auf die Provokation vorbereitet wurden. Zugleich ließ er einen KZ-Häftling aus Sachsenhausen nach Gleiwitz bringen, steckte ihn ebenfalls in polnische Kleider und ließ ihn tot im Gelände des Senders zurück, als "Beweis" für die "wahren" Verursacher des Überfalls. Kohlhaase: "Das interessierte uns historisch, aber auch in einem aktuellen Verständnis. Im Zustand einer permanenten Mobilmachung, wo die Vorbereitungen auf einen Krieg durch die Entwicklung der Kriegstechnik auf Minuten, Tage oder Stunden schrumpfen, schien uns das Thema der Provokation, der Manipulation des öffentlichen Bewusstseins von Belang zu sein.""Der Fall Gleiwitz" soll durchaus als Gleichnis verstanden werden. Um den Zuschauern die Aktualität des Films deutlich zu machen, denkt das Team eine Zeit lang über eine Rahmenhandlung nach, die in der Gegenwart spielt. In ihr will man zeigen, dass Soldaten der Bundeswehr bei Übungen und Manövern in Uniformen der sowjetischen Armee und der Nationalen Volksarmee agieren. Das entspricht zwar den Tatsachen, doch man entschließt sich, auf eine solch vordergründige Parallele zu verzichten. In einer Besprechung des Künstlerisch-ideologischen Rates der DEFA im Juli 1960 setzt sich Kohlhaase vehement dafür ein, dass der Film einen "eigenen künstlerischen Weg gehen" muss, "nicht den der Presse, nicht den der Wochenschau. Wir brauchen keine zu flache und agitatorische Tätigkeit. Wenn wir den Zuschauern erzählen, was heute in Westdeutschland geschieht, schalten sie ab".Statt einer didaktischen Geschichtslektion soll "Der Fall Gleiwitz" der "Versuch einer Dokumentation mit künstlerischen Mitteln" (Kohlhaase) sein. Gerhard Klein versichert sich dafür eines meisterhaften Kameramanns aus der CSSR, Jan Curík, der den Stil des Films entscheidend prägt. So eiskalt, wie die Provokation 1939 inszeniert worden war, so eisig sind nun auch seine Bilder. Vor Drehbeginn studiert Curík NS-Propagandafilme von Leni Riefenstahl und deutsche Wochenschauen. In ihnen wird, analog der Ästhetik faschistischer Aufmärsche und Parteitage, der einzelne Mensch zum Ornament der Macht, zum bloßen Rädchen einer Todesmaschinerie degradiert. Mit dem Nachbau dieser Bilder, ihrem exakten, fast fatalistischen Mechanismus, will er deren ideologischen Kern durchschaubar machen und entlarven. "Der Fall Gleiwitz" soll beim Zuschauer nicht über eine psychologische Einfühlung in die Gefühle und Konflikte erfundener Figuren funktionieren, schon gar nicht über einen emotional aufgeheizten Zusammenprall von bösen Nazis und guten Widerstandskämpfern, sondern über logisch-intellektuelle Ablehnung, kritische Distanz und die daraus erwachsende Erkenntnis.Gedreht wird "Der Fall Gleiwitz" zwischen August 1960 und März 1961. Das Team reist ins polnische Gliwice, filmt auf dem originalen Sendergelände, in den Rundfunkstudios, am Sendeturm. Vorausgegangen ist das Studium von Akten des Nürnberger Prozesses, in dem auch SS-Hauptsturmführer Naujocks ausgesagt hatte, und des Reichspostministeriums, dessen Beamte den Überfall penibel dokumentierten. Historisch soll alles so exakt wie möglich sein. Am Ende ist der Film präzise wie ein Uhrwerk, schockierend wie ein Peitschenhieb und nur knapp siebzig Minuten lang - die unterste Grenze dessen, was der DDR-Filmverleih Progress an abendfüllenden Filmen ins Kino bringt. Die Studioabnahme bei der DEFA verläuft ohne Probleme. Slatan Dudow, Regisseur des Klassikers "Kuhle Wampe" (1932) und ein Mann, dessen Wort Gewicht hat, erkennt die neue Qualität sofort. Er lobt und preist die Radikalität des "Falls Gleiwitz", stellt sich ganz auf die Seite seiner jüngeren Kollegen Klein, Kohlhaase und Rücker.Im SED-Parteiapparat sieht man das anders. Der Kulturpolitiker Alfred Kurella, heimgekehrt aus dem Moskauer Exil und ein gefürchteter Verfechter des sozialistischen Realismus, fragt sofort, warum das Positive im Film völlig fehle: der antifaschistische Widerstand. Die Figur des KZ-Häftlings, von Hilmar Thate eindringlich gespielt, der zwar die Fäuste ballt, aber kein Wort zu sagen hat, reicht ihm dafür keineswegs aus. Viel schlimmer noch wiegt der von Kurella geäußerte Verdacht, dass Gerhard Kleins Film den Faschismus ästhetisiere und glorifiziere, weil er dessen perfekte Mechanik vorführe. Kohlhaase kontert: "Der Fall Gleiwitz" baue so viele Gegenpositionen auf, zeige so viel Mord und Totschlag, dass er die Mechanik nicht verkläre, sondern erkläre. Doch die Widersacher lassen nicht locker. Günther Rücker: "Einmal hieß es, Veit Harlan hätte den Film nicht besser machen können, und die Traditionsverbände der SS in der Bundesrepublik würden uns Gratulationen schicken. 'Der Fall Gleiwitz' käme einer Blutvergiftung des DEFA-Films gleich. Dann wurde gesagt, der Film sei eine widerliche Mischung aus Formalismus und Naturalismus."Formalismus - das kann in den 1950er- und frühen 1960er-Jahren ein Totschlagsargument sein. Der Begriff kommt aus der sowjetischen Kulturpolitik der Stalinzeit. Er wird dafür benutzt, um Formexperimente, die sich nicht dem Kanon des sozialistischen Realismus beugen, zu kritisieren oder gleich ganz zu verbieten. Formalismus ist etwas Intellektualistisches, Bedrohliches, etwas, das den kulturpolitischen Interessen der Arbeiterklasse nicht entspricht. Als Gerhard Klein wissen will, was am "Fall Gleiwitz" denn formalistisch sei, wird ihm erwidert: die Position der Kamera. Das, was das Auge nicht sehen kann, aber dennoch von der Kamera gezeigt wird. Die Bildkaskaden. Die Verzerrungen. Die Erschütterungen. Klein ist zutiefst verletzt: "Wenn das so ist, kann ich kein Künstler mehr sein. Denn dann dürfte ich die Kamera nur noch auf Augenhöhe stellen ..." - Kohlhaase beschwichtigt seinen verletzten Freund: "Du musst das vergessen und Deinen nächsten Film drehen."Er hat recht. Die Aufregung legt sich schneller als gedacht, "Der Fall Gleiwitz" wird sogar, wenn auch außer Konkurrenz, zu den Festivals nach Moskau und Edinburgh geschickt. Spätestens im Herbst 1961, als der Film in die DDR-Kinos kommt und vom Publikum eher zurückhaltend aufgenommen wird, sind die Anwürfe nahezu vom Tisch. Nur das "Neue Deutschland" legt im Dezember 1961 noch einmal nach, Arno Röder vom SED-Zentralkomitee bezeichnet "Konzeption, Inhalt und künstlerische Aussage" als "unzulänglich", weil der Film "die tiefe Gestaltung von positiven und negativen Charakteren" der Darstellung von "Techniken eines Verbrechens geopfert" habe. Ob das Unwohlsein von DDR-Funktionären damit zu tun gehabt haben mag, dass diese sich selbst entlarvt fühlten? War die Abriegelung des Ostens vom Westen am 13. August nicht auch ein perfekt kalkulierter und exekutierter Akt der Gewalt? Sahen sich die politisch Verantwortlichen durch den Film in ihrer eigenen Eiseskälte ertappt? Antworten auf diese Fragen hat es damals nicht gegeben; heute können sie nur spekulativ sein.In die Schlagzeilen der Zeitungen schafft es "Der Fall Gleiwitz" noch einmal im Herbst 1963. Nachdem der Interministerielle Ausschuss, das Zensurgremium der Adenauer-Regierung, die Vorführung des Films wie aller anderen DEFA-Filme in der BRD über Jahre boykottiert hat, darf er endlich in Filmclub-Veranstaltungen laufen. Doch in Frankfurt am Main, wohin ihn die Naturfreunde-Jugend einlädt, schreitet sofort die Staatsanwaltschaft ein: Die Kopie wird beschlagnahmt. In Hamburg kommt ein Filmclub auf die Idee, Alfred Helmut Naujocks, der als Geschäftsmann unbehelligt in der Stadt lebt, zu einer Vorstellung einzuladen. Aber als Zeitzeuge steigt der frühere SS-Mann dann doch nicht aufs Podium. Der Hamburger Generalstaatsanwalt Buchholz hat nach Ansicht des Films bekanntgegeben, dass er ein Ermittlungsverfahren gegen Naujocks einleiten werde. Genau so geschieht es. Zu einer Anklage gegen ihn führt das Verfahren allerdings nicht. Der Anti-Held des "Falles Gleiwitz", der erste Täter des Zweiten Weltkrieges, stirbt im April 1996 als freier Mann in Hamburg.------------------------------Foto: SS-Leute werden für den Angriff auf den Sender Gleiwitz gedrillt. Szene aus dem Film "Der Fall Gleiwitz" von 1961.