BERLIN, 18. März. Mit einem kleinen Gefährt ab über die großen Berge: Das versprachen Werbetexte im Frühjahr 1953, sie kündigten eine motorisierte Sensation an. Gepriesen wurde eine kühne Gebläsekühlung, "so brauchen Sie selbst auf das Erlebnis der Überquerung von hohen Alpenpässen nicht zu verzichten". Diese Vorstellung war in der Tat kühn, die Sehnsucht im Nachkriegsdeutschland nach dem Süden war riesig.Das Vehikel, um das es ging, glich indes einer mobilen Miniatur. Günstig wie ein Motorrad war es und bot doch zwei Insassen vollen Wetterschutz. Eine emsige Bergziege war der neuartige Messerschmitt Kabinenroller außerdem. Der Karo war ein Dreirad mit Tandemsitzen, also zwei hintereinander angeordneten Plätzen, einem voll verkleideten Aufbau und zur Seite wegklappbarem Dach. Der kleine Zweitakter mit Motorradlenker hielt, was er versprach. Am Großglockner war er bereits vor seiner Serienproduktion getestet worden, bald danach knatterten unzählige Roller-Mobilisten mittels 175 Kubikmeter Hubraum, neun Pferdestärken und moderner Motorkühlung über die Alpen an die Seen oder ans Mittelmeer.Kugel aus Blech und PlexiglasAm 19. März 1953 wurde der Kabinenroller KR 175 auf der Frankfurter Automobilausstellung vorgestellt, bis 1964 wurden schätzungsweise 50 000 Stück in Regensburg gebaut. Nicht zu verwechseln ist der Karo mit der BMW-Isetta, die ebenfalls ein Dreirad war, aber erst zwei Jahre später herauskam.Das Messerschmitt-Modell kostete nur 2 100 D-Mark, für viele Westdeutsche begann mit dieser Kugel aus Blech und Plexiglas nach der Währungsreform der Aufstieg in die motorisierte Gesellschaft. Die Leute wollten mobil sein, suchten Zerstreuung, für den dreirädrigen Roller brauchten sie nur den Motorradführerschein oder den für Trecker oder Kleinlaster, diese Papiere waren viel üblicher als die teure Lizenz zum Autofahren. Ein wenig Gepäck fasste der Roller auch, mit Geschick brachte man sogar ein Schlauchboot unter.Nur die Kühlung für die Paare unter der Plexiglashaube funktionierte nicht ganz so gut wie die des Motors: Drinnen schwitzten die stolzen Reisenden nicht schlecht, spöttisch wurden sie "Menschen in Aspik" genannt, der Karo zur "Käseglocke" degradiert. Wohlmeinendere Stimmen nannten das Gefährt "Schneewittchensarg". Selbst ein Sonnensegel als Sonderzubehör konnte den Kugelroller nicht retten, seine Zeit war nach einem Jahrzehnt schon wieder vorüber.Die motorisierten Massen stiegen um auf vier Räder, auch bei kleinem Geldbeutel konnte man sich einen NSU-Prinz oder Volkswagen leisten. Zu dieser Zeit bewegte sich auch die junge DDR auf vier Rädern, der P 50, ab 1958 Trabant genannt, war von vornherein ein "ganzes" Auto. Der über Jahrzehnte hinweg sparsamer motorisierte Osten hatte so gleich zu Anfang gespart, Einsteigermodelle wie die Dreiräder im Westen gab es nicht. Zudem hatte der Trabant schon ein voll synchronisiertes Getriebe, als man drüben den Kabinenroller noch mit viel Muskelkraft einparken musste. Einen Rückwärtsgang hatte der KR 175 nämlich nicht.Dennoch, auch in den USA, dem Automobilland seit jeher, und in Großbritannien machte der kleine kugelige Deutsche Furore. Er wurde dort gut verkauft und hat noch heute sorgsame Besitzer. Briten fühlten sich nicht einmal durch bittere Assoziationen gestört, die der Name des Vehikels hervorrufen konnte. Messerschmitt-Jagdflugzeuge hatten schließlich in den Luftschlachten gegen die Royal Air Force gekämpft.Düsenjäger des kleinen MannesZum Messerschmitt-Modell war das Gefährt eher zufällig geworden. Die Firma, die keine Flugzeuge mehr bauen durfte, hatte die Produktionsanlagen, und Fritz Fend hatte die Idee. Sie taten sich zusammen. Zuvor hatte Fend in Rosenheim aus Schrottmaterialien allerlei Dreiräder zusammengeschraubt und verkauft, er erkannte, dass dieses eine lukrative geschäftliche Lücke zwischen Motorrad und Kleinauto war. 1957 stieg Messerschmitt aus der Koproduktion wieder aus, nur der Name des Rollers blieb.Viele Nachahmer hatte Fend auf den Plan gerufen, fast jedes westdeutsche Zweiradunternehmen hatte bald ein Kleinstfahrzeug mit Kabine herausgebracht. So gab es den Goggoroller, die BMW-Isetta, den NSU-Prinz, von Victoria den als feuergefährlich etwas verrufenen Spatz, den Maico-500 und den Trojan-Kabinenroller von Heinkel. Zündappfahrer hatten sogar die Möglichkeit, im Janus zu zweit zu übernachten. Eine Neuauflage des Messerschmitt-Kabinenrollers, von der Fritz Fend in den 90er-Jahren träumte, kam nicht zu Stande. Fend lehnte den F 2000 an seinen "Düsenjäger des kleinen Mannes" von 1953 an. Der F 2000 sah aus wie ein lang gezogenes Ei, wieder gab es einen Tandemsitz, der Verbrauch lag bei zwei Litern auf 100 Kilometern. Leider fanden sich keine Geldgeber für die Produktion.Das Urmodell jedoch hat eine treue Fangemeinde, etwa 1 500 Stück des KR 175 oder KR 200 gibt es noch. Wo sie auftauchen, erregen sie mehr Aufsehen als jeder Lamborghini. Enthusiasten treffen sich mit ihren Kabinenrollern, ganz im Geiste des Erfinders und der Gebläsekühlung, Jahr für Jahr am Großglockner.Die Motorisierung der Massen // In den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg begann die deutsche Massenmotorisierung zunächst auf zwei Rädern. 1953 gab es in der Bundesrepublik zwei Millionen Krafträder, an Kraftwagen nur die Hälfte. Nur zwei Prozent aller Deutschen besaßen 1953 ein Auto, in den USA waren es schon 25 Prozent der Einwohner.1953 machte der Messerschmitt-Kabinenroller den Anfang, bald gab es eine ganze Flut von Kleinstmobilen, die preiswerter als der VW-Käfer waren. Oft waren es Dreiräder wie der Messerschmitt KR 175, die wie Motorräder besteuert wurden.BMW-Isetta und Goggo wirkten dagegen wie Autos, nicht mehr wie überdachte Zweiräder. Motorradmarken wie NSU und BMW schafften es, mit ihren Modellen am Markt zu bleiben. Alle anderen gaben auf, der Volkswagen wurde etwa ab 1957 übermächtig.Der letzte Messerschmitt-Kabinenroller wurde 1964 gebaut.ULLSTEIN Ein Messerschmitt-Kabinenroller im August 1954 in London.DPA Messerschmitt-Kabinenroller