Vor hundert Jahren ging in Deutschlands Hauptstadt einer der originellsten "Klassenkämpfe zu Ende: der Bierboykott. Als Protest gegen die Ausbeutung in den Berliner Brauereien hatten sich die Proletarier verpflichtet, keinen Gerstensaft mehr zu trinken.Fast acht Monate hielten sie durch, und kurz vor Silvester 1894 verzeichneten sie einen Sieg.Berlin war eine Stadt der Kneipen. 1905 gab es davon laut Statistik 12475. Kaum eine Straßenecke blieb ohne "Destille". Bei knapp zwei Millionen Menschen kam auf etwa 150 Berliner eine Gastwirtschaft. Entsprechend hoch war der Bierverbrauch. Ebenfalls anna 1905 sollen 360 Millionen Liter Gerstensaft durch Berliner Kehlen geflossen sein.Die Stammkneipe war der "Salon der Armen" und wichtiger Ort des Gedankenaustausches. Wenn abends die Kinder Im Bett lagen, ging der Vater -- häufig auch mit Muttern -- In die Budike. Man debattierte dort über Politik und die Sorgen des Alltags, beschimpfte im Kreise der Nachbarn die Regierung, die Generäle, den Hauswirt und hinter vorgehaltener Hand auch den Kaiser.In der Zeit des Sozialistengesetzes (1878-1890), als unter Bismarck Öffentliche Demonstrationen verboten waren, verlagerten sich viele Zusammenkünfte der Arbeiter In die Nähe des Tresens.So stellten die Berliner Proletarier für die Brauereiindustrie einen erheblichen Wirtschaftsfaktor dar. Die größten Produzenten des gelben Getränks hatten sich zu einer Vereinigung zusammengeschlossen, die sich "Ring" nannte. Dem Bier-Ring gehörten prominente Firmen wie Schultheiß, Tivoli, Rixdorfer Vereinsbrauerei, Patzenhofer und Kindl an. Durch Preisabsprachen versuchten die 33 Ring-Mitglieder, kleinere Brauer aus dem Rennen zu schlagen.Ihre Arbeiter allerdings wurden sozial an der kurzen Leine gehalten. Besonders ausgebeutet fühlten sich die Böttcher, die im Akkord jene Holzfässer zimmern mußten, in denen das Bier per Pferdewagen zu den Gaststätten gelangte. Nachdem sich die Mitglieder der böttchernden Zunft erlaubten, 1894 an der Feier zum 1. Mal teilzunehmen, wurden 455 von Ihnen durch die Brauereibesitzer ausgesperrt. Daraufhin traten alle Berliner Böttcher in den Streik. Deren Aktion fand Sympathie in anderen Branchen, denn Ihre Forderungen entsprachen dem allgemeinen Arbeiterwillen: Erhöhung des Wochenlohnes und Neun-Stunden-Tag. Die "Ring"-Unternehmer aber zeigten Härte. Was folgte, war eine in der Geschichte einmalige Kampfmaßnahme: der Berliner Bierboykott. Am 11. Mai 1894 forderte der sozialdemokratische Stadtverordnete Paul Singer dazu auf, ab sofort kein "Ring"-Bier mehr zu trinken. Seine Losung wurde diszipliniert in die Tat umgesetzt. Der Kampf mit den trokkenen Kehlen zog sich bis zum Jahresende hin. Erst als die Aktienbrauereien des "Ring" um ihre Dividenden und um das Silvestergeschäft fürchteten, zeigten sie sich verständigungsbereit. Ein Teil der Entlassenen durfte wieder arbeiten. Die Löhne wurden erhöht. Die Sozialdemokratie hatte eine politische Schlacht zumindest tellweise gewonnen und den "Bierprotzen" die Macht des Proletariats bewiesen. Eva Michael