Ist eine solche Fahrt überhaupt möglich?" Das fragt sich die Londoner Daily Mail am 12. Februar 1908, unmittelbar vor dem Start des "Greatest Auto Race" von New York nach Paris, eines Autorennens über 22 000 Kilometer. Doch sechs verwegene Teilnehmer, darunter auch ein deutsches Team unter Oberleutnant Hans Koeppen, nehmen an jenem Tag die Rallye tatsächlich in Angriff, die über Seattle nach Sibirien, Moskau und Berlin bis Paris führen soll. Auf dem New Yorker Times Square verfolgen mehr als 250 000 Autobegeisterte den Start der Teams aus Frankreich, den USA, Italien und Deutschland zu ihrer spektakulären Abenteuerreise. 3 000 Meter hohe Berge, Flüsse ohne Brücken, kilometerlange Schlammpisten, Wüsten, Banditen, Wölfe - den waghalsigen Männern sollte dabei einiges abverlangt werden.Der Beginn der Wettfahrt wurde auf Mitte Februar terminiert, weil man davon ausging, dass die Bering-Straße um diese Jahreszeit zugefroren und so die ganze Strecke mit dem Auto über Alaska passierbar ist. Doch diese Route erweist sich dann doch als unbefahrbar. Im Verlauf des Rennens werden für die Teams daher Schiffspassagen von Seattle nach Wladiwostok auf dem sibirischen Festland organisiert.Der deutsche Protos-Wagen, den Koeppen fährt, wurde im Berliner Ortsteil Reinickendorf von der gleichnamigen Motorenfabrik gebaut. 600 Arbeiter schafften es in 16 Tagen. Der wuchtige Aufbau mit einer zugluftdichten Plane dient zugleich als provisorische Reparaturwerkstatt. Über den drei Sitzen gibt es sogar einen simplen Schlafplatz. Koeppen hat als Fahrer und Mechaniker in den USA Hans Knape und Ernst Maas mit an Bord. Sie werden ab Wladiwostok durch Kaspar Neuberger und Robert Fuchs ersetzt.Zur Ausrüstung gehören Ersatzteile, Lebensmittel, Waffen, Medikamente und sogar Schlittenkufen. Sechs gewaltige Extratanks für 700 Liter Benzin und 100 Liter Öl enthalten den Treibstoff. Bei einem Durchschnittsverbrauch von 30 Litern Benzin auf 100 Kilometer müssen rund 6 400 Liter getankt werden, doch Tankstellen gibt es an der Strecke praktisch nicht. Der Vier-Zylinder-Motor mit 4 360 Kubikzentimetern Hubraum bringt es auf 30 PS und schafft unter idealen Bedingungen eine Spitzengeschwindigkeit von 90 km/h. Und das bei 2,7 Tonnen Gewicht.Straßenverhältnisse und Witterung sind extrem. Schnee, Eis, Schlamm, Sand, Geröll und kaum vorhandene Landstraßen bremsen die Fahrer aus. Schäden wie Brüche der Steuergabel, der Kardanwelle und der Federn sind an der Tagesordnung. Trotzdem schafft der Protos einen Tagesrekord von 625 Kilometern auf der Strecke von Petersburg Richtung Deutschland. An anderen Tagen sind vier Stunden für eineinhalb Kilometer nicht ungewöhnlich.In seinem 1909 erschienenen Buch "Im Auto um die Welt" schreibt Koeppen: "Wir beabsichtigten, uns in der Hauptsache in der Nähe der Bahnlinie und später des Argunlaufes (Nebenfluss des Amur) zu halten. Eine Brücke über diesen Fluss existierte nicht, Material zum Bau eines Knüppeldamms, Bäume oder Sträucher oder auch nur Steine waren weit und breit nicht zu entdecken. So gab ich die Anweisung, dass Fuchs, der das Steuer führte, versuchen sollte, mit einem ordentlichen Anlauf das Hindernis zu nehmen." Das aber misslingt. Die Hinterräder des Wagens bleiben unrettbar im tiefsten Schlamm stecken, eine Vorderfeder ist gebrochen. Man muss auf fremde Hilfe warten.Auch seinem US-Konkurrenten George Schuster im Thomas Flyer ergeht es nicht besser. Er benutzt wegen des unwegsamen Geländes in Sibirien Bahngleise als Trasse. In seinem Tagebuch trägt er am 8. Juli 1908 ein: "Tag 147. Das brutale Terrain forderte seinen Preis. Auf den 150 Meilen seit Wladiwostok hatten wir vier Reifen verschlissen, aufgescheuert durch die Bolzen der Eisenbahnschienen." Einmal kommt ihnen in einem schmalen Tunnel ein Zug entgegen, nur knapp schafft es das Team, im Rückwärtsgang die rettende Einfahrt zu erreichen.Am 22. Mai 1908 macht sich Koeppen von Wladiwostok aus in Richtung Frankreich auf. Vorher wird der Wagen umgebaut. "Nun, da die Polartour wegfiel, waren Verdeck und hohe Wagenborde überflüssig. Jedes Pfund Erleichterung musste auf den Sumpfwegen willkommen sein", schreibt Koeppen. Ganz so einfach wird es nicht. Mit geplatzter Pneumatik und gebrochenen Vorderfedern erreichen sie Moskau. Zum Glück gibt es hier eine Protos-Filiale. "Den Zeitverlust holten wir durch forcierte Fahrt bald ein. Lange Berge hinab sausten wir mit 80, 90 und mehr Kilometern Geschwindigkeit. Auch zwei Federbrüche - Nr. 19 und 20 seit Wladiwostok - hielten uns nicht lange auf."Am 24. Juli trifft der Protos in Berlin ein, wo er von einer riesigen Menschenmenge begeistert empfangen wird. Zwei Tage später erreicht Koeppens Team Paris. "Wir waren am Ziel! ... und konnten uns als Erste hier zur Stelle melden", schreibt Koeppen voller Stolz. Zu früh gefreut: Der Amerikaner George Schuster erreicht zwar erst vier Tage später die französische Hauptstadt, wird aber trotzdem zum Sieger erklärt, weil die Deutschen in den USA einen zunächst erlaubten Bahntransport über 150 Kilometer in Anspruch genommen hatten.Der schwer enttäuschte Oberleutnant Hans Koeppen wird in der Heimat dennoch wie ein Held gefeiert. Nur drei Autos kommen überhaupt ins Ziel, der italienische Züst allerdings erst am 17. September 1908, mit einem Rückstand von fast zwei Monaten auf Koeppen und Schuster. Am Ende der Tour hat Koeppen genau 21 278 Kilometer auf dem Tacho. Dem "Sieger" George Schuster in seinem Thomas-Flyer war es zum Schluss nicht einmal vergönnt, die 1 000-Dollar-Prämie seiner Autofirma zu kassieren: Die war inzwischen pleite.------------------------------NeustartDas große Rennen soll in diesem Jahr wiederholt werden. Start ist am 30. Mai 2008 in New York. Die Tour führt durch 13 Länder und soll am 2. August 2008 in Paris enden. Bei Meldeschluss waren 32 Starter eingetragen.Den Siegern winken Prämien in Höhe von 500 000 Dollar in der Kategorie Oldtimer und sogar eine Million Dollar für Fahrzeuge mit alternativen Antrieben.Der Protos von Hans Koeppen steht heute im Deutschen Museum München. Die deutsche Post erinnert mit einem Gedenkbriefumschlag an die legendäre Wettfahrt.------------------------------Foto: Aufbruch zum Start: Der Protos mit Hans Koeppen wird im Januar 2008 aus Berlin verabschiedet.