Vor nicht allzu langer Zeit hatte man als männliches Wesen an der Universität ein trauriges Leben - umringt von lauter Kerlen mit Schmissen und Standesdünkeln. Vielleicht wäre man selbst so einer gewesen, ganz ohne die belebende, auch ausgleichende Gesellschaft von Frauen. Diese kamen nämlich erst vor genau hundert Jahren an die Universität - und ihr Dasein galt noch lange nicht als selbstverständlich.Als erste reguläre Studentin der Berliner Universität schrieb sich am 6. Oktober 1908 die Gießener Professorentochter Agnes Harnack ein. Sie war 25 Jahre alt und eine von 414 Frauen unter damals 6 623 Studenten. Ihre Kommilitoninnen hießen Marie Elisabeth Lüders, Ilse Tesch, Erna Alexander, Charlotte Kutzmacher, Martha Hoffheinz oder Emilie Herbst - sie waren Töchter von Kaiserlichen Hofräten, Kaufleuten oder Ärzten und hatten in der Regel das 25. Lebensjahr überschritten. Die meisten immatrikulierten sich in der Philosophischen Fakultät. Hier konnten sie nach sechs Semestern das Examen für das Lehramt ablegen. Es gab aber auch Studentinnen der Medizin, der Theologie und Juristerei.Was heute normal ist, war damals ein absolutes Novum. An der Universität Zürich durften Frauen seit 1867 studieren. Baden ließ im Jahre 1900 Frauen zum regulären Studium zu, Bayern 1903. Preußen marschierte als eines der letzten deutschen Länder im Stechschritt hinterher.Der Weg der Frauen in die Universität war lang. Gasthörerinnen gab es in Berlin seit 1895, aber nur in einem Teil der Veranstaltungen - etwa in Geschichte und Literatur. Ihr Aufenthalt wurde streng reglementiert. 22 Frauen schafften es, mit Ausnahmegenehmigung zu promovieren. Die Mehrzahl kam aus dem Ausland - allein sechs aus den USA. Die erste Frau an der Berliner Universität überhaupt und auch die erste, die den Doktor machen durfte, war die Jüdin Elsa Neumann. Ihre Promotion 1899 wurde von den Zeitungen der Stadt gefeiert.Vor der generellen Öffnung des Zugangs für Frauen stand jedoch eine Mauer uralter, nicht nur männlicher Vorurteile. Auch Frauen selbst wandten sich gegen eine angebliche Vermännlichung und Verarmung dessen, was der preußische Kultusminister Konrad von Studt 1908 "die Herzensreinheit und Gemütstiefe deutscher Frauen und Mädchen" nannte. Der Rechtshistoriker Otto Gierke sah gar den Untergang des preußischen Staates voraus, falls Frauen ihre "natürlichen Aufgaben" als Mutter, Gattin und Hausfrau nicht mehr erfüllten. 47 Berliner Gelehrte gaben in einem Band ihre skeptischen Urteile "zur Studierfähigkeit der Frau" ab, angefangen beim "namhaften Unterschied in der Ausbildung und Anordnung der Hirnwindungen beim Manne und beim Weibe" und den das Studieren beeinträchtigenden Menstruationsbeschwerden. Der Physiologe Gustav Fritsch konstatierte eine "häufig recht mangelhaft entwickelte Gabe des Gedächtnisses", die mit der "zarten Natur" der Frau einhergehe. Andere sorgten sich um die Moral, so wie der Pathologe Johannes Orth: "Man denke sich nur die junge Dame im Seciersaal mit Messer und Pincette vor einer gänzlich entblössten männlichen Leiche sitzen - man berücksichtige, dass alles in Gegenwart der männlichen Studenten vor sich geht, dass die männlichen wie die weiblichen in der Zeit der ersten Mannbarkeit stehen, wo die Erregung der Sinnlichkeit ganz besonders leicht und gefahrvoll ist ."Auch nachdem der preußische Landtag 1908 die Bildungsreform verabschiedet und Frauen zum regulären Studium zugelassen hatte, konnten Studentinnen mit Genehmigung des Ministers von Veranstaltungen ausgeschlossen werden. Diese Möglichkeit nutzte etwa der Anatomieprofessor Wilhelm Waldeyer, richtete dann aber doch einen "besonderen Präparierkurs für Frauen ein", den Rudolf Virchow leitete. Karikaturen jener Zeit zeigten rauchende Mannweiber oder die studierte "Advokatin", die im Gerichtssaal ihr Brüste entblößt: "Und nun zum Schluss, meine Herren Geschworenen, hier meine letzten und besten Beweise!"Doch wie waren die ersten Studentinnen wirklich? Zu den älteren, berufserfahrenen Frauen, die bis dahin an der Uni saßen, gesellten sich bald viele junge Studentinnen, die sich an einem Oberlyzeum oder einer Studienanstalt auf die Uni vorbereitet hatten. Sie stammten vor allem aus dem Bildungsbürgertum. Deren Familien sahen jetzt für ihre Töchter eine Chance in der höheren Bildung. Für viele war es auch die einzige Möglichkeit. Weil sie wegen ihrer Konfession keine Volksschullehrerinnen werden konnten, belegten zum Beispiel die vielen jüdischen Studentinnen bevorzugt Fächer, die ihnen eine freie Berufsausübung versprachen, etwa die Rechtswissenschaft, Medizin oder Zahnheilkunde.Natürlich wollten die jungen Frauen auch am Leben der Universität teilnehmen. Sie gründeten Studentinnenvereine, luden zu Diskussionsrunden, und Ausflügen. Manche vereinten sich in "Korporationen". Die Frauenbewegung lehnte es aber ab, dass sich Studentinnen zu sehr den männlichen akademischen Riten unterwarfen. Sie sollten versuchen, eigene Akzente zu setzen.Agnes Harnack, die erste Studentin, machte 1912 ihr Examen. Als Agnes von Zahn-Harnack wurde sie eine bekannte Autorin und Politikerin. Zusammen mit ihrer Freundin Marie Elisabeth Lüders, die sich wie sie 1908 im Fach Staatswissenschaften eingeschrieben hatte, gründete sie 1926 den Deutschen Akademikerinnenbund. Und sie erhielt einen der ersten drei deutschen Lehrstühle für Frauen. 1931 wurde sie Vorsitzende des Bundes Deutscher Frauenvereine, der sich 1933 auflöste. Sie starb 1950.Marie Elisabeth Lüders, nach der heute ein Haus des Bundestages heißt, promovierte als erste Frau in Deutschland zum "Dr. rer. pol.". Später gehörte sie zu den wenigen weiblichen Reichstagsabgeordneten der Weimarerer Republik und setzte ein Reichsgesetz für Jugendwohlfahrt durch. Nach dem Krieg war sie Berliner Stadtverordnete und von 1953 an FDP-Bundestagsabgeordnete. Sie setzte sich unter anderem dafür ein, den juristischen Status deutscher Frauen zu regeln, die mit einem Ausländer verheiratet sind. Dieser heißt heute "Lex Lüders".Frauen haben das Gesicht der Universität verändert - und in der Folge auch das Gesicht der Gesellschaft. Viel Arroganz und Ignoranz war zu überwinden. "Sie überhörte das Füßescharren ihrer männlichen Kommilitonen in den Hörsälen genauso wie später das Raunen der Abgeordneten im Plenarsaal des Reichstags", sagte ein Stadthistoriker über Marie Elisabeth Lüders. Nach dem Ersten Weltkrieg stieg die Studentinnenzahl. Betrug sie 1918 in Deutschland noch 7 500, so kletterte sie bis 1931 auf 19 500. Der Anteil von Arbeitertöchtern betrug aber nur ein halbes Prozent. Und viele Studentinnen brachen ihr Studium ab oder studierten zwar zu Ende, ergriffen aber dann keinen Beruf.Diskriminierung war an der Tagesordnung, beginnend mit der Anrede "Meine Herren" im Hörsaal bis hin zur Frage nach Kochrezepten in wirtschaftswissenschaftlichen Prüfungen. In der Weimarer Republik standen 7 000 Professoren nur 74 Professorinnen gegenüber. Heute sind in Berlin nicht mehr nur ein Prozent, sondern 21 Prozent der Professoren Frauen. Sieht man aber den Anteil der weiblichen Studenten - etwa die Hälfte -, dann stimmen die Proportionen nach wie vor nicht. Auch nicht, wenn man sich einzelne Fächer anschaut: In den Ingenieurwissenschaften gibt es nur sieben Prozent Professorinnen, in den Mathematik- und Naturwissenschaften zehn Prozent. Hundert Jahre haben viel gebracht - aber eben nicht alles.------------------------------Kontakte: Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien (ZtG), HU, Telefon: 20 93 82 01, www.gender.hu-berlin.de.Buch: Von der Ausnahme zur Alltäglichkeit. Frauen an der Universität Unter den Linden. trafo verlag, Berlin 2003. 300 S., 25,80 Euro.------------------------------Foto: Ein ganz normales Bild an heutigen Hochschulen. Vor etwas mehr als hundert Jahren war es noch fast undenkbar.Foto: Agnes von Zahn-Harnack (1884-1950) war die erste reguläre Studentin der Berliner Universität. Foto: um 1948.