Die Historie des menschlichen Haars ist eine unendliche Geschichte von Irrungen und Wirrungen, Banalitäten, aber auch Kunstambitionen. Während wir es heute als selbstverständlich betrachten, daß uns zum Haarewaschen Shampoos in jeglicher Form zur Verfügung stehen, war das vor hundert Jahren noch ganz und gar nicht so. Für diesen Zweck gab es damals nur ein Universalmittel: die Kernseife. Sie reinigte zwar tatsächlich den Schopf, hatte aber erhebliche Nebenwirkungen in Form kalkiger, unschöner Ablagerungen, die das Haar stumpf werden ließen. Deshalb wurden noch bis weit in unser Jahrhundert hinein Benzin, Kamille, Zitrone oder Essig benutzt, pur oder als Zusatz. Das war aufwendig und teuer und hatte trotzdem nicht immer den gewünschten Erfolg. Erst 1898 nahm sich der Berliner Drogist Hans Schwarzkopf in seiner kleinen "Drogerie- und Parfümeriehandlung" der leidigen Sache an. Systematisch begann er kosmetische Artikel speziell für das Kopfhaar zu entwickeln. Das von ihm gegründete Unternehmen, das bis heute unter seinem Namen firmiert, gehört inzwischen längst zum Düsseldorfer Multi Henkel und ist Europas ältester Haarkosmetikhersteller. Schwarzkopf experimentierte zunächst mit Hühnereiern und Seifenspiritus, Pottasche, Borax oder Ammoniak und versuchte mit allerlei Duftölen, den strengen Geruch seiner Kreationen zu überlagern. Der Pionier brauchte fünf Jahre, bis es 1903 endlich soweit war, daß er das erste "schonende" Pulver-Haarwaschmittel auf den Markt bringen konnte. Das Tütchen kostete seinerzeit 20 Pfennige und reichte für mehrere Waschungen. Erst damit war häufigere Wäsche möglich. Der Drogist machte auf diese Weise dem Volksleiden Kopfhautjucken und Verschorfung ein Ende und ermöglichte eine optimale Haarhygiene, regelmäßige Anwendung vorausgesetzt. Auch das mußte sich allerdings erst herumsprechen. Durch diese Erfindung erlangte die Mode Souveränität, denn sie konnte nun quasi ihre Philosophie ändern: Bisher waren Kleider immer nur weitgehend dazu da, das Haargebilde zu überblenden oder von ihm abzulenken. Nun wurde der von der Modeindustrie bescherte Mensch zum Gesamtkunstwerk, dessen haarige Pracht endlich wirklich in das Ensemble einbezogen werden konnte. Ein Zivilisationsfortschritt, der sehr schnell Wirkungen nach sich zog.Wer die Kulturgeschichte der Mode studiert, merkt schnell, daß die Haarkosmetik stets die Achillesferse war weil es Jahrtausende kein angemessenes Haarwasch- und -pflegemittel gab. Kleopatra soll eine schöne Frau gewesen sein, doch was empfanden ihre Verehrer, wenn sie sahen, wie der ägyptischen Königin aus kleinen Salbkugeln, die auf ihrem Kopf befestigt waren, parfümiertes Fett auf Haare und Schultern troff? Die Vielumschwärmte badete in Eselsmilch, und die ganze Antike schwärmte von ihrer sanften Haut. Ihre fettigen Strähnen kamen bei den Geschichtsschreibern nicht vor. Dabei wurde in der Antike wie auch in allen anderen Epochen dem weiblichen Haar eine besonders erotische Wirkung attestiert.Das Mittelalter erlebte verheerende Kriege, aber der zäheste Kampf war rund 600 Jahre lang der gegen den Haarausfall. Bauern und Knechten verpaßte man kurze Topf-Haarschnitte, die wie nasse Felle um den Schädel lagen und oft monatelang keiner Pflege unterzogen wurden. Verheiratete Frauen trugen eine Haube, aus der es hervorkräuselte, die Stirnhaare wurden gezupft, weil der künstlich nach oben verlegte Haaransatz Schönheit und Klugheit symbolisierte. In Wirklichkeit wollten die Frauen nicht ständig die fettigen Zottel in die Stirn hängen haben. Dem gefürchteten Haarverlust begegnete man mit Hilfe von Essenzen, die aus gekochten Brennesseln oder Klettenwurzeln, Blutegeln, Bienen, Maulwürfen und Hasenköpfen unter Zugabe von Bärenfett und Essig zusammengerührt wurden. In den Epochen danach mußten die Haartürme als Blickfänge dazu herhalten, von den Unreinheiten des Körpers abzulenken. Wasser und Seife kam nur alle zwei Monate an die Haut, und meist wurden nur die Körperstellen gereinigt, die für andere sichtbar waren. Bis ins Biedermeier hinein unterstützen Ärzte den äußerst sparsamen Umgang mit reinigender Feuchtigkeit, Wasser galt als schädlich für die inneren Organe. Beim Baden öffneten sich die Poren, hieß es, und dann könnten Bazillen und Krankheiten aller Art einsickern. Selbst in aristokratischen Hoch-Zeiten waren die Haare ein ungepflegtes Problem. Im Rokoko ließen sich die edlen Damen von ihren Zofen nicht nur in Korsetts einschnüren, in diverse Unterröcke und Kleider stecken, die von vielen Rüschen und Spitzen nur so rauschten. Auch das Haar wurde gekämmt und zu kunstvollen Frisuren aufgebauscht. Das währte noch länger als das Einkleiden, denn beim Frisieren mußte auch dem Ungeziefer vorgebeugt werden. So arbeiteten die Zofen unter anderem kleine Flohfallen in die perfekt aufgezwirbelten Türme ein. Das waren kleine Gefäße, die mit blutgetränkter Watte und Honig gefüllt waren, in denen das Ungeziefer zu Tode kam, während die Dame das Tanzbein schwang. Jeder Haar-Look bis zur Erfindung der industriell gefertigten Haarkosmetik war künstlich und, zumindest bei Frauen, stets ein Ablenkungsmanöver. Während die ländliche Bevölkerung im Bewahren ihrer Tugenden von Sittsamkeit, Bescheidenheit und Häuslichkeit auch die Frisur einbezogen und die einfachste und schnellste Lösung wählten, das Zusammenbinden der fettigen Strähnen zu einem Knoten, lösten die Haarwaschmittel in den großen Städten umgehend exaltierte Modeströmungen aus. Die "Herrenwinker", fransenartige Locken vor den Ohren, die nach dem Ersten Weltkrieg in Mode kamen und die populär wurden durch die Tänzerin Josephine Baker, setzten häufige Haarwäsche voraus, auch die Erfindung der Dauerwelle Ende der zwanziger Jahre und der "Bubikopf", mit dem sich Frauen erstmals mit einer Frisur, die dem Pagen- oder Herrenschnitt entsprach, emanzipierten. Das Haar fiel vom Scheitel kinnlang fast gerade herunter. Ohne regelmäßige Pflege hätte das ein sehr zottliges Bild ergeben.Auch die schnellebigen Haarmoden unseres Jahrhunderts sind den Pflegemöglichkeiten zu verdanken. Pferdeschwanz und Fransenschnitt, Elvis Presleys mit Brillantine in Form gebrachter "Enten-Po" oder die "Schmachtlocken" eines James Dean, die Cremehaarfärbemittel-Welle der fünfziger Jahre, die hochtoupierten Köpfe und Langhaarfrisuren für Männer in den Sechzigern, der strenge Courrèges-Schnitt des Topmodels Twiggy, der "Afro-Look" der Siebziger und die dekorative Haarkunst der Achtziger all das wäre nicht denkbar gewesen ohne eine entsprechende Entwicklung der Haarkosmetik. Über alle Moden hinweg hat sich das Ideal des vollen, natürlich wirkenden Haares erhalten. Und noch nie war es so leicht, die Zierde seines Hauptes zu pflegen. Daß unseren Vorfahren dafür fast nur Kernseife zur Verfügung stand, erscheint heute kaum noch glaubhaft.