Vor hundert Jahren wurde Ruth Berlau geboren: Ihre Schwäche: Sie liebte

Unter den als "Mitarbeiterinnen" Bertolt Brechts vermerkten Frauen ist Ruth Berlau wohl als die komplizierteste zu bewerten. Vor hundert Jahren in einer reichen Kaufmannsfamilie geboren, heiratete sie, bestens aussehend, hochintelligent, mit zwanzig einen doppelt so alten wohlsituierten Arzt, brach aber als Journalistin, die mit dem Fahrrad nach Paris fuhr, aus dem juste milieu aus.Nach einer weiteren Reise nach Moskau 1933 wurde Ruth Berlau "einhundertzwanzigprozentige" Kommunistin, lernte den auf die "zu kleinen Inseln" Dänemarks exilierten Bertolt Brecht kennen, wurde von ihm politisch, intellektuell wie erotisch angezogen, ging mit ihm eine Symbiose von "Schülerin" und "Meister" ein, die von Brecht in einer seiner sinisierten "Lai-Tu"-Geschichten (Lai-Tu stand für Berlau, Kin-jeh für ihn selber) auf die Formel gebracht wurde: "Liebe ist Produktion".Sie spielte im Arbeitertheater RT "Die Mutter", setzte mit durch, dass Brecht-Stücke sogar auf das Königliche Theater kamen, schrieb mit ihm zusammen die Geschichten psychotischer Frauen "Jedes Tier kann" und die Komödie "Alle wissen alles", war an Entstehung und Verbreitung der "Gewehre der Frau Carrar" beteiligt, gab, als Brecht schon der Kriegsgefahr wegen nach Schweden übergesiedelt war, die "Svendborger Gedichte" heraus. Brecht selbst war es, der sie, bereits von Finnland aus, nach der Besetzung Dänemarks durch die Wehrmacht, aufforderte, ihm ins Exil zu folgen. "Ich liebe Dich. Und es wird unverändert sein. Solange unsere Trennung dauern mag. Auch in 10, auch in 20 Jahren". Lai-Tu bekomme den Auftrag, "auf sich achtzugeben und sich durch die Gefahren zu bringen, bis u n s e r e Sache beginnt, die echte".Die Berlau folgte (und trug seitdem einen eisernen Ring am Finger), arbeitete an "Puntila" und "Sezuan" mit, inspirierte Brecht bei den "Flüchtlingsgesprächen", folgte Brecht und Familie ins Exil in die USA. Die produktivste Zusammenarbeit mit Brecht erfolgte dort bei der Erarbeitung des "Kaukasischen Kreidekreises". Sie hatte für sie einen tragischen Ausgang: Der Sohn, den sie von Brecht bekam, verstarb wenige Tage nach der Geburt, ein psychischer Schock, der in allen späteren "Erregungszuständen", wie sie selbst ihre wachsenden geistig-seelischen Verstörungen abzutun pflegte, dauerhaft nachwirkte.Mit unglaublicher Energie begann sie die Arbeiten von Brecht fotografisch zu dokumentieren, erstmals auch zu filmen, so Laughton als "Galilei", in der Schweiz dann die Brecht-Inszenierungen von "Antigone" und "Puntila", war Brechts engste Mitarbeiterin bei "Die Tage der Kommune". Als dann mit der Rückkehr Brechts nach (Ost-) Berlin für beide "unsere Sache" begann, kam jedoch vieles anders. Sie wollte sich nicht mit dem Aufbau eines Archivs des Berliner Ensembles und der Anfertigung von Modellbüchern zufrieden geben, sondern fühlte sich als "beste Regisseurin hinter Brecht", ertränkte ihre Frustrationen in Alkohol, ließ Brecht mit ihren Forderungen wie ihren Unterwerfungsgesten (als seine "Kreatur") "um fünf Jahre altern", wie er ihr schließlich vorhielt.Die immer wieder beschworene "gemeinsame dritte Sache" vermochte die Entfremdung nicht zu beheben. Nach Brechts frühem Tod vereinsamte Ruth Berlau, wurde begehrtes Ausbeutungsobjekt von Brecht-Forschern, starb schließlich 1974 einen Flammentod, wie sie ihn in einem Traum vorweggenommen hatte. Sie selbst hat sich in dem Gedicht "Schwächen" am besten diagnostiziert: "Du hattest keine./ Ich hatte eine:/ Ich liebte."------------------------------Ruth Berlau (1906 - 1974), Brechts Mitarbeiterin, Fotografin und "Lai-Tu". Ihr Tod ähnelt gespenstisch dem von Ingeborg Bachmann: Angeblich schlief sie beim Rauchen im Bett ein.